Gestimmtheit

Michael Hermann beginnt seine Kolumne in der NZZ am Sonntag (31. Mai) mit den Worten: «Je näher die Abstimmung rückt, desto düsterer wird über die Abstimmung geschrieben.» Manchmal frage er sich, ob er im selben Land lebe oder ob er eine verzerrte Wahrnehmung habe. Wir wissen, dass Stimmung und Gestimmtheit die Wahrnehmung beeinflussen und dirigieren. Politische Parteien versuchen eine Stimmung zu schaffen, die ihrem Agitieren Erfolg verschafft. So ist es bei jeder Initiative und bei allem, was verkauft werden will.

Der erste prägende Satz wird gerne wiederholt – so etwa: «Die Ausländer sind schuld, dass es im Land eng geworden ist.» Oder «Lidl lohnt sich». Da klingt der Stabreim verführerisch. Auch bevor Initiativen ergriffen werden, wird ein im Volk ein Gefühl festgestellt, mit dem eine bestimmte Stimmung erzeugt werden kann. Damit wird die Wahrnehmung gezielt gelenkt. In Deutschland beobachten wir, wie schnell ein Bundeskanzler zum Versager wird. Die Schuld, dass es nicht gut läuft, hat die Regierung. An der Anspruchshaltung soll aber nichts geändert werden.

Es entsteht ein gespanntes Feld, wie es in der Tierverhaltensforschung genannt wird. Ein gespanntes Feld baut sich auf, wenn das Appetenzverhalten der Tiere nicht befriedigt wird. Bei den Menschen würde man von einer unbefriedigten Wunscherfüllung sprechen und sagen: «Es wird immer schlechter!» Und wer ist dafür verantwortlich? Die Politik! Damit gerät die Regierung in die Gefangenschaft einer öffentlichen Meinung. Der Appell an das Volk, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen, verhallt.

Wer eine Sache zuspitzt, schafft ein gespanntes Feld. In diesem Feld kommt es zur «verzerrten Wahrnehmung». Die Gefahr, von der gejammert wird, ist viel grösser, als sie real ist. Dies erleben wir zurzeit im Streit um die «Zehn-Millionen-Schweiz». Glücklicherweise können wir bald abstimmen. Vielleicht entsteht dann wieder ein etwas entspannteres Feld.

Wie reagieren zum Beispiel Vögel im gespannten Feld? Nähert sich ein Feind dem mit Nachwuchs besetzten Nest, beginnen die Eltern zu schnattern, fliegen wie verstört herum, versuchen den Feind zu verwirren. Sie verlieren ihren fröhlichen Gesang und spielen ein raffiniertes Ablenkungstheater.

Gestern Abend, als ich schrieb, sass auf der Tanne neben meinem Haus eine Amsel und gab sich heiterem Gesang hin. Es war ein erfinderisches Spiel mit neuen Phrasierungen. Die Amsel jubilierte. Im entspannten Feld, abgerückt von Gefahren, verbreitete sie eine wohltuende Abendstimmung. Sie übertrug sich auf mich.

Ich nahm Distanz zu allem, was mich bedrückte. Es war ein Moment, der mich optimistisch stimmte. Es wird alles gut werden. Ich schweifte ins grosse, weite Land des vergangenen Lebens und sagte mir: «Das Leben ist gut. Es ist gut zu leben.» Mir kam das Wort von Hölderlin in den Sinn: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.»

Es war die männliche Amsel, die froh und heiter in den Abendhimmel hinausflötete. Sie rief der weiblichen: «Ich bin da. Wir müssen das Leben schätzen und dafür sorgen, dass unsere Art weiterlebt.» Ich dachte: «Auch Amseln kommen ohne gute Stimmung nicht aus.» Sie lehrte mich, dass alles Leben überleben will und ich streifte ab, was ich als billige Verkaufsstrategie mit der Zahl Zehn betrachtete.

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1 Kommentar

  1. Der Flut des aggressiven Journalismus in den Medien, vor allem wenn wieder ein Thema von diesen hochgekocht wird, entkommt man nur durch Abstinenz. Wie andere auch, die gerne gut informiert sind, habe ich mir ein strenges Auswahlverfahren zugelegt was «News» betrifft. Seither bin ich wesentlich ruhiger geworden und höre abends, wie Sie Herr Iten, das Lied der Amsel auf dem Dach des Nachbarhauses, das so friedlich und tröstend klingt wie das Gutenachtlied als ich noch Kind war.

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