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Jacques Brels plattes Land

«De Bruges à Gand» sang Jacques Brel vor mehr als 60 Jahren. Das teils flämisch und teils französisch vorgetragene Chanson ist mir nie ganz aus dem Kopf gegangen. Irgendeinmal wollte ich dieses «platte Land», das flache Land besuchen. Mit einer Reise nach Flandern habe ich mir nun diesen Wunsch erfüllt.

Es ist eine lange Busreise bis Gent. Vorbei an unterschiedlichen Landstrichen. Über die bewaldeten Hügel der Ardennen erreichen wir Belgien, wo nur noch der Name an die Schlachten während der beiden Weltkriege erinnert. Je mehr wir uns Gent nähern, umso weiter wird der Himmel, umso flacher wird das Land. Das platte Land, das Jacques Brel in seinen Liedern so schön besingt.

Gent

Zunft- oder Gildenhäuser mit Treppengiebeln an der Graslei. Der Kornspeicher, «Spijker», stammt aus dem späten 12. Jahrhundert (links). Seine Fassade wurde bewusst schräg gebaut, damit die hochgezogenen Säcke nicht durch Reiben an der Fassade beschädigt werden.

Unser Hotel befindet sich mitten in Gents Altstadt neben der St. Niklaskirche. Regelmässig hören wir das Glockenspiel vom Belfried. Die St. Bavo-Kathedrale mit dem berühmten Altar der Brüder van Eyck von 1432 steht ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Ihre drei Glockentürme, die drie torens van Gent, stehen auf einer Linie und bilden seit Jahrhunderten die markante Silhouette der Stadt. Die historischen Häuserreihen mit den Treppengiebeln spiegeln sich der Leie entlang im Wasser. Sie scheinen aus der Zeit gefallen und erinnern an die akkurat gemalten niederländischen Bilder aus dem 17. Jahrhundert.

Zwei der drei Türme der «drie torens van Gent»: der Belfried mit dem Drachen auf der Turmspitze (vorn) und die St. Bavo-Kathedrale (hinten).

Der mittelalterliche Belfried, auch Beffroi oder französisch Belfort genannt, ist ein für Flandern typischer freistehender Glocken- und Wehrturm. Der 95 Meter hohe Genter Belfried gilt als Symbol für die Unabhängigkeit der Stadt, hier wurden die Urkunden aufbewahrt. Auf der Turmspitze wacht seit 1377 der gegossene Genter Drache über die Stadt. Im Turm hängen die über 6 Tonnen schwere Rolandglocke und ein Glockenspiel mit 54 Glocken aus dem Jahr 1659, dessen Klang uns unterwegs begleitet. Auf den Belfried hinauf gelangt man über rund 300 mittelalterliche Stufen, oder mit dem Lift, und überblickt die ganze Umgebung. Neben dem Turm schliesst sich die Tuchhalle an, die von Gents einstigem Reichtum durch den florierenden Tuchhandel zeugt, den flämischen «Laken».

Blick von der Kathedrale aus auf die Tuchhalle vor dem Belfried; rechts das Stadttheater, 1899 erbaut als «Koninklijke Nederlands Schouwburg»; im Hintergrund der Turm der St. Niklaskirche. 

Gent ist eine offene Universitätsstadt. Touristen und Studierende bevölkern die Gassen, Cafés und Restaurants. Durch die Mehrsprachigkeit der Flamen ist der Kontakt einfach, und Englisch geht immer. Mitten in der Altstadt überrascht ein moderner offener Unterstand, eine Dachkonstruktion, die entfernt an ein überdimensionales Reet- oder Strohdach erinnert. Diesen Platz stellt die Stadt der Bevölkerung frei zur Verfügung für Veranstaltungen, Musik, Theater oder Versammlungen. Hier trifft man sich.

Unter dem überdimensionalen Dach mit einer raffinierten Deckenstruktur aus Holz mit zahlreichen kleinen Fenstern lassen sich Feste feiern. Der Platz steht der Bevölkerung zur freien Verfügung und wird heute nach anfänglicher Skepsis gerne genutzt.

Brügge

Der Ausflug nach Brügge brachte uns zuerst zum Beginenhof. Einer von 26 noch erhaltenen flämischen Beginenhöfen aus dem Jahr 1245. Beginenhöfe waren Zufluchtsorte für alleinstehende Frauen, – viele hatten ihre Männer durch Kriegsereignisse verloren. In der Laiengemeinschaft verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt durch Handwerk, Handel oder Krankenpflege, ohne das Nonnengelübde abzulegen. Zudem unterstanden sie keinem männlichen Orden. Auch in der Schweiz sind Beginen nachweisbar, in Zürich seit 1247. Als es in Brügge keine Beginen mehr gab, bezogen 1962 Benediktinerinnen das Kloster. Seit 1972 untersteht der renovierte Beginenhof der Stadt. Seit 1996 zählt er wie ganz Brügge zum UNESCO Weltkulturerbe.

Auf einer Tafel in der Freiluftausstellung vor dem Beginenhof zeigt ein Gemälde von Bruno De Simpel von 1886 die Anlage, die heute immer noch gleich aussieht.

Brügge hatte im Mittelalter direkten Zugang zum Meer, was den Fernhandel beförderte: Aus England wurde Wolle für die Tuchproduktion gehandelt, Gewürze und Brokat aus Italien, Pelze und Hölzer aus Russland. Um 1200 fand die erste Handelsmesse statt. Unter der Herrschaft der Herzöge von Burgund entwickelte sich Brügge wirtschaftlich und kulturell zu einer der reichsten Städte Europas.

Der Zugang zur Nordsee förderte im Mittelalter den Fernhandel und machte Brügge zu einer der reichsten Städte Europas.

Doch Ende des 15. Jahrhunderts versandete der Zufluss und schnitt Brügge von der Nordsee ab. Die Stadt verarmte, was dazu führte, dass sich das Stadtbild wie im Dornröschenschlaf kaum mehr veränderte, – und heute Ströme von Touristen anlockt. Charakteristisch sind die kopfsteingepflasterten Strassen und verwinkelten Gassen mit den mittelalterlichen Gebäuden. Neben der Heilig-Blut-Basilika steht das Rathaus aus dem 14. Jahrhundert. Wie in Gent gibt es hier einen Belfried aus dem 13. Jahrhundert mit einem Glockenspiel aus 47 Glocken. Die Altstadt ist umgeben von Kanälen und Wallanlagen. Eine Bootsfahrt durch die Grachten, vorbei an den mittelalterlichen roten Backsteinhäusern, ist ein Erlebnis.

Bootsfahrt durch die Grachten von Brügge.

Antwerpen

Nachdem Brügge seine führende Position in Flandern verloren hatte, übernahm Antwerpen die Führung. Antwerpen ist über die sandfreie Schelde mit der Nordsee verbunden und gehört bis heute zu den wichtigsten Hafenstädten. Unser Besuch begann beim Bahnhof Antwerpen-Centraal. Der 1905 eingeweihte und vom belgischen Jugendstil beeinflusste Bahnhof gilt als einer der schönsten der Welt. Zum Schutz vor dem Rauch der Dampflokomotiven wurde die Halle mit einer 75 Meter hohen Kuppel überhöht und die Gleise mit einem 44 Meter hohen gewölbten Glasdach überspannt. Vorbilder waren der Bahnhof Luzern und das Pantheon in Rom.

Eingangshalle des Bahnhofs «Antwerpen-Centraal» von 1905. Im Volksmund auch «Eisenbahnkathedrale» genannt, ist der Bahnhof eine beliebte Kulisse von Spielfilmen.

Rund um den Bahnhof verkaufen zahlreiche vorwiegend jüdische Geschäfte Diamanten. Im jahrhundertealten Diamantenviertel haben sich unzählige Diamantenhändler, -schleifer und -polierer angesiedelt. Es ist zugleich das Zentrum der jüdischen Gemeinde Antwerpens, ein lebendiges und kulturell reiches Gebiet und ein wichtiger Knotenpunkt für den weltweiten Diamantenhandel. In Antwerpens Altstadt rund um den Grote Markt stehen Gebäude im Stil der flämischen Renaissance dicht nebeneinander. Das Haus des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens aus dem 17. Jahrhundert mit historisch eingerichteten Räumen war zu meiner Enttäuschung wegen Renovation nicht zugänglich.

Antwerpens Altstadt im Stil der flämischen Renaissance.

Ostende

Ein Ausflug brachte uns an den Strand von Ostende. Berühmt sind die Seebäder, die dank der Sommerresidenz des belgischen Königshauses im 19. Jahrhundert zur «Königin der belgischen Badeorte» avancierten. Die Seebäder empfingen uns bei Wind und strömendem Regen. Der dunkelverhangene Himmel, das aufgewühlte Meer, der lange Sandstrand, ein paar Schritte im Sand, Regen im Gesicht, – ein Gruss von Jacques Brel.

Seebad von Ostende bei Wind und Regen

Hier geht es zu Jacques Brels Chanson (nach der Werbung)

Titelbild: Eine der zahlreichen Brücken über die Grachten von Brügge
Fotos: rv

 

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank für den wunderschönen Ausflug nach Belgien!
    Ich war vor einigen Jahren dort, bin viel mit dem e-Bike in den Städten herumgefahren und habe es gerade genossen, Ihren Beschreibungen zu folgen.
    Anschliessend an die Lektüre, und in erneuter Faszination von Jaques Brel, ich bin 81, öffne ich ein Grimbergen… Prost auf das Plat pays!

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