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Zu Besuch beim Oboisten Hans Martin Ulbrich

Wie ist Hans Martin Ulbrich Musiker geworden? Welche Erinnerungen hat er an sein 41-jähriges Engagement als Oboist und Englischhornist beim Tonhalle-Orchester Zürich? Was treibt er mit 87?

Hans Martin Ulbrich lernte ich an einer Ausstellung des open art museums in St. Gallen kennen. Wir beide standen lange vor einem Bild von Cornelia Simon-Bach und wir tauschten unsere Beobachtungen aus. Worauf wartet die Frau im Boot? Hat der Mann mit dem Gehstock die Frau im Boot gesehen? Wird er ihr rufen? Die Schiffstypen? Die Vögel? Die Farbnuancen? Struktur? Harmonie?

Cornelia Simon-Bach. Ohne Titel. (Foto © open art museum)

Erfreulicherweise lud Ulbrich mich zu sich nach Hause nach Rifferswil ein. Er holte mich an der nahen Bushaltestelle ab, und wir betraten ein altes, wunderschön renoviertes Haus, das vom Besitzer, einem Zimmermann und seinen Mitarbeitern beispielgebend renoviert worden ist. In der Wohnung selbst hängen viele Bilder an den Wänden, darunter Zeichnungen des Künstlers Harald Naegeli, mit dem Hans Martin Ulbrich seit langem befreundet ist. Als Naegeli 2020 mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich geehrt wurde, hielt der Schriftsteller Reto Hänny die Festansprache und Ulbrich umrahmte den Anlass mit dem Trio Poetico. Im Dokumentarfilm von Nathalie David «Harald Naegeli – der Sprayer von Zürich» (2021) ist eine musikalische Sequenz daraus und ein Wortbeitrag von Ulbrich zu sehen.

Hans Martin Ulbrich neben einem Bild von Harald Naegeli

Bild von Harald Naegeli aus dem Jahre 1978

Nach der Besichtigung der Wohnung stellte Seniorweb Hans Martin Ulbrich ein paar Fragen:

Seniorweb: Hans Martin Ulbrich, wie sind Sie zur Musik gekommen?

Hans Martin Ulbrich: Ich habe mit knapp fünf Jahren mit Blockflöte begonnen.

Gingen Sie so früh in die Blockflötenstunde?

Nein. Hie und da hat mir mein Vater ein paar Sachen gezeigt, wenn er Zeit hatte. Dann bin ich bald von den «Singknaben der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt» aufgenommen worden, aus der später die Knabenkantorei Basel wurde. Das ist ein Chor, den mein Vater als 24-Jähriger gründete, nachdem er seine Mittelschullehrer-Ausbildung abgeschlossen hatte, und während 43 Jahren leitete.

Wann haben Sie die Oboe für sich entdeckt?

Zunächst nahm ich mit etwa 10 Jahren Klavierunterricht bei einem Pianisten, mit dem ich mich nicht gut verstand. Mit 11 Jahren brach ich mir in einem Ferienlager mit den Singknaben einen Finger. Als ich danach wieder in die Klavierstunde ging, sagte mein verhasster Klavierlehrer, so könne ich nicht mehr Klavier spielen. Der Abschied ist mir nicht schwergefallen!

Tatsächlich wurde dieser Fingerbruch zu einer schicksalshaften Wende in meinem jungen Musikerleben. Mein Vater drängte mich, ein anderes Instrument zu erlernen und ich wählte die Oboe. Mein Oboenlehrer sagte in welschem Akzent: «Wenn du Oboe spielst, dann bist du ein König.»

Sind Sie ein König geworden?

Nein, das war ja nur ein Spass. Als ich mit zwölf auf der Oboe zu üben anfing, waren meine Hände fast zu klein für die grosse Oboe. Mittlerweile gibt es Kinderoboen mit näher liegenden Tonlöchern. Anfänglich schmerzten die Finger wegen dem Fingerspreizen. Später musste ich wegen Wachstumsstörungen für etwa drei Monate im Spital in ein Streckbett. Nachher fing ich mit der Oboe neu an, machte rasche Fortschritte und eine Musikerausbildung drängte sich geradezu auf. Mit 17 Jahren, 1956, wurde ich fürs damalige Orchester des Schweizer Fernsehens, jeweils am Sonntagnachmittag verpflichtet. Mit 16 spielte ich erstmals das Oboenquartett von Mozart. Erstaunliche 70 Jahre später, 2025, führten wir es nochmals auf.

Ein eindrücklicher Weg als Oboist! Hatten Sie daneben Zeit für nichts?

Doch, mich hat es schon früh zum Schreiben hingezogen und ich habe in jungen Jahren Gedichte und Kurzprosa in literarischen Zeitschriften veröffentlicht. Mit 15 hatte ich Briefkontakte mit Hermann Hesse und Kurt Held. Aber ich konnte meiner Schreiblust nicht genügend Raum geben. Die Musik nahm mich stark in Anspruch. Erst Ende der 60-Jahre kam ich mit der literarischen Welt wieder näher in Berührung, als ich zusammen mit einer Buchhändlerin und einem Grafiker den Kleinverlag «Regenbogenreihe» gründete, in welchem heute bekannte Schriftsteller wie Kurt Marti, Jürg Acklin, Silvio Blatter und Christoph Geiser ihre ersten Texte veröffentlichten. Zum Abschied vom «Regenbogen» gab ich in kleines Bändchen heraus, «Merksätze», eine Sammlung von sogenannten Lebensweisheiten. Dann schrieb ich kaum mehr, blieb aber Leser. Erst vor der Pensionierung lockte mich das Schreiben wieder. Jetzt gerade bin ich an «Erzählungen in Kleinstgedichten».

Zwei Beispiele:

Grossstadtbewohnende 
Blasse Gesichter
Naturhungrige Menschen

Fehlende Parkplätze für Fussgänger

*

Bittere Gegenwart
Egoismus
Zerstörung
Tod

Narrenzeit für die Geschichtsbücher

 

Sie haben für zwei Reclam-Bändchen Anekdoten aus der Welt der Musik gesammelt und neu erzählt.

Ja, davon gibt es bereits mehrere Auflagen. 2017 erschien erstmals «Dirigieren verdirbt den Charakter» und 2019 «Entweder Sie husten oder ich spiele». Inzwischen stehe ich trotz meines Alters mit einem neuen Bändchen für 2027 mit Reclam unter neuem Vertrag.

Zurück zu Ihrer 41-jährigen Tätigkeit als Oboist und Englischhornist im Tonhalle-Orchester Zürich. Wie war diese Zeit?

Wir hatten nicht immer nur Hochstimmungen, aber es gab viele Begegnungen mit wunderbaren Menschen. Über Dirigenten kursierte unter Musikern der Spruch: Um unter diesem hervorragenden Dirigenten zu spielen, würden wir sogar viel bezahlen. Bei schlechten hingegen müssten wir ein sehr hohes Honorar fordern.

Wie muss man sich als Laie den Alltag eines Orchestermusikers vorstellen?

Als Beispiel die Erinnerung an eine Konzerttournee in Hongkong. Wir fuhren während einer Woche täglich mit der Untergrundbahn zur Probe und fühlten uns auf der anderen Seite der Welt wie «gewöhnliche» Werktätige, die zur Arbeit fahren.

Manchmal war es auch abenteuerlich. Einmal hatte ich in Venedig einen Auftritt, jedoch am Vorabend noch ein Konzert in Zürich. Was tun? Ich nahm den letzten Zug nach Lugano, übernachtete dort und flog anderntags von Lugano nach Venedig, damit ich um 10 Uhr in der Probe sein konnte.

Gibt es im Milieu der Orchestermusiker auch Erschöpfungszustände, Burnouts?

Musiker sind Menschen wie andere auch und haben ihre Stärken und Schwächen. Wir hatten unter uns auch Originale, Lebenskünstler, kreative Menschen. Burnouts? Sicher, das gab es auch, vor allem aber Hörschädigungen.

Stimmt das Vorurteil, dass klassische Musiker in einer abgehobenen, elitären Welt leben und sich wenig für Politik interessieren.

Es gibt wenige Musiker, die auch in der Politik aktiv sind. Ein Musiker aus Luzern war beispielsweise im Grossen Stadtrat. Andere werden als Orchestervorstände tätig. In dieser Funktion konnte ich hie und da als Vermittler Konflikte entschärfen.

Wir werden tatsächlich von vielen als elitär wahrgenommen, was ich nicht gut finde. In meinen ersten Jahren als Mitglied des Tonhalle Orchesters gab es Konzerte auch für weniger Begüterte. Jetzt gibt es zwar auch noch «billige» Plätze, aber die sind suboptimal, sogenannte Hörplätze. Ich finde es wichtig, dass breite Bevölkerungsschichten erreicht werden.

Wie kamen Sie in diese Wohnung nach Rifferswil?

Der Liebe wegen vor gut fünf Jahren. Meine Partnerin, die schon lange hier lebt, wohnt jetzt in «Pantoffeldistanz» zu mir. Eigentlich wollten meine leider vor rund 20 Jahren verstorbene Frau und ich nach der Pensionierung noch gemeinsame Konzertreisen unternehmen, sie als Organistin, ich als Oboist. Leider starb sie viel zu früh. Nun besucht uns gelegentlich die Familie meines Sohnes mit der Enkeltochter.

Hans Martin Ulbrich, besten Dank für das Gespräch!

Titelbild: Hans Martin Ulbrich vor seinem Zuhause in Rifferswil, wo es ihm sehr gut gefällt. (Fotos bs)

Bücher:

  • Hans Martin Ulbrich: «Dirigieren verdirbt den Charakter». Musikeranekdoten. Reclam Stuttgart 2025. ISBN 978-3-15-011389-9
  • Hans Martin Ulbrich: «Entweder Sie husten oder ich spiele.» Anekdoten aus der Welt der Musik. Reclam Stuttgart 2024. ISBN 978-3-15-011230-4

 

 

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