Die Ausstellung «Zur Sonne! Zur Freiheit!» im Kunst Museum Winterthur widmet sich der Geburtsstunde der modernen Malerei: dem Beginn der Freilichtmalerei im frühen 19. Jahrhundert, mit selten gezeigten einst unverkäufliche Ölstudien auf Papier.
Der Ausstellungstitel Zur Sonne! Zur Freiheit! erinnert an ein Revolutionslied. Und revolutionär waren die jungen Maler aus dem Norden, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts bis etwa 1830 nach Italien pilgerten. Nicht um die Kunst der Antike und der Renaissance zu studieren, sondern die Landschaft mit ihrem südlichen Licht. Sie nahmen sich die Freiheit und verschrieben sich der von der Akademie verpönten Landschaftsmalerei, die im Gegensatz zur Historienmalerei nicht gelehrt wurde.
Unter der Sonne Italiens entdeckten sie eine neue Welt. Sie griffen zu Pinsel und Ölfarbe, um Licht und Farben im Moment einzufangen. Das war neu. Noch heute begeistern diese Bilder durch ihre Unmittelbarkeit und Frische, die meist ohne Figuren und Staffage zeitlos wirken.
Blick in die Ausstellung: Wolkenstudien von Johann Jakob Frey (1813-1865). Der Basler Maler liess sich 1835 dauerhaft in Rom nieder. (rv)
Auch früher suchten Maler Landschaftsmotive, die sie vor Ort mit Stift skizzierten, mit Wasserfarbe lavierten. Doch den Ölfarbenkasten auf der Tour mitzutragen, war neu und aufwendig. Tubenfarben wurden erst 1841 patentiert.
Das Landschaftserlebnis faszinierte die jungen Maler derart, dass sie ihre Eindrücke mit farbintensiven Ölfarben spontan meistens auf Papier, das war leicht und billig, festhalten wollten. Sie malten in einem einzigen, schnellen Arbeitsgang, denn die Lichtverhältnisse änderten sich oft rasch. Und sie bewahrten ihre nicht signierten Ölstudien ein Leben lang als Erinnerungsstützen auf. Später nutzten sie diese im Atelier als Vorlagen, um «richtige» Landschaftsbilder in Öl auf Leinwand herzustellen.
«M.B.L. Bouvier’s vollständige Anweisung zur Ölmalerei, 1828». Das Lehrbuch zeigt die Ausrüstung für Pleinairmaler bevor es Tubenfarben gab. Die Farbpigmente wurden in Schweinsblasen mitgeführt. (rv)
Die Bedeutung dieser Ölskizzen wurde erst später durch die Impressionisten erkannt, die ihre Spur aufnahmen und weiterentwickelten. Der alte Corot, ein Meister früher Ölstudien, unterstützte die Impressionisten wohlwollend, dennoch blieben für ihn Ölskizzen nie fertige Bilder. Er hielt an der traditionellen Arbeitsweise fest. Nur im Atelier ausgearbeitete Kompositionen galten bei ihm als vollendete Werke.
Jean-Baptiste Camille Corot, Ansicht von Papigno, 1826, Öl auf Leinwand, 33 x 40 cm. Privatsammlung
Im ausgehenden 18. Jahrhundert treten erstmals die Alpen als eigenständiges Motiv in den Fokus der Künstler. Besonders helvetische Künstler und solche, die auf dem Weg in den Süden in der Schweiz Halt machten, liessen sich von bislang unbeachteten Landschaften inspirieren und erweiterten die Ölstudien um eine wilde alpine Bildwelt. Eine eigene Wand ist Caspar Wolf gewidmet, der als einer der ersten Maler Europas unter freiem Himmel in Öl arbeitete und dafür bis ins Hochgebirge kletterte, um unbekannte Gegenden zu erkunden. Mit solchen Pionierarbeiten beginnt die Schau, die in drei grosse Abschnitte gegliedert ist, kuratiert von David Schmidhauser und Schriftsteller Florian Illies.
Caspar Wolf, Blick von der Bänisegg auf den unteren Grindelwaldgletscher auf das Fiescherhornmassiv, um 1774. Öl und Bleistift auf Karton, 22 x 37 cm. Aargauer Kunsthaus, Aarau
Im Zentrum der Ausstellung finden sich, nach Motiven geordnet, Landschaften aus der römischen Campagna, immer wieder Orte wie Olevano oder die berühmten Wasserfälle von Tivoli, der Golf von Neapel mit seinen Inseln Capri, Ischia und dem Vesuv und auch einzelne Baumstudien.
Simon Denis, Bäume vor einem Tal, o.J., Öl auf Leinwand, 68,8 x 91,1 cm. Fondation Custodia, Paris
Einer der Wegbereiter der Freilichtmalerei in Italien war der französische Maler Pierre-Henri de Valenciennes (1750-1819). Er lebte von 1777 bis 1785 in Rom und fertigte in der Umgebung zahlreiche Naturstudien an. 1799 schrieb er ein Lehrbuch zur Landschaftsmalerei und wurde später Professor an der Ecole des Beaux-Arts in Paris. 1817 initiierte er den Prix de Rome, der vielversprechende Talente aus Paris in die Villa Medici in Rom führte. Seine italienischen Ölstudien erinnern entfernt noch an die klassizistisch geprägte Landschaftsmalerei. Mit einem frischen, neuen Blick kam die jüngere Generation nach Italien.
Pierre-Henri de Valenciennes, Landschaft in der Campagna, um 1800, Öl auf Papier, 33 x 19,5 cm. Sammlung Reinhold, Berlin
Die jungen Italienreisenden aus Frankreich, Deutschland, aus der Schweiz, aber auch aus Skandinavien setzen die «stille Revolution der Ölstudie» in den 1810er- und 1820er Jahre fort. Statt der Vergangenheit nehmen sie die Gegenwart in den Blick, schreibt Florian Illies im Ausstellungskatalog. Schauplatz sind nicht die antiken Ruinen oder biblischen Szenen, sondern etwa das kleine Bergdorf Olevano, einen Tagesmarsch von Rom entfernt. «Die Natur wird zur Hauptdarstellerin», so Illies.
Heinrich Reinhold, Küste von Sorrent, 1823, Öl auf Papier auf Holz, 20 x 28,5 cm. Privatsammlung
Die Ölstudien des deutschen Kupferstechers Heinrich Reinhold (1788-1825) balancieren zwischen einer Sensibilität für das italienische Licht und formaler Ordnung des Bildraums. Seine Landschaften strahlen grosse Ruhe aus. Dynamischer wirken die Studien des jung verstorbenen Malers Ernst Fries (1801-1833). Seine Studie mit einzelnen grossen Weinblättern vor dem Ponte Nomentano und verschneitem Gebirgszug im Hintergrund wirkt heute unkonventionell und modern. Auf der Ansicht Blick über Baumkrone im Park der Villa Chigi in Ariccia von 1826/27 scheinen sich die Baumwipfel in einem leichten Lüftchen zu wiegen. Die Bilder der Ausstellung lassen sich im schön gestalteten Ausstellungskatalog zu Hause von neuem erleben.
Ernst Fries, Der Ponte Nomentano nördlich von Rom; Blattstudien, 1824. Öl auf gebräuntem Papier, 21,7 x 28,7 cm. Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg, Heidelberg
Den Abschluss der Ausstellung bilden zwei grosse Meister der frühen Ölstudie: Camille Corot (1796-1875) und Carl Blechen (1798-1840). Corot reiste 1825 nach Rom und malte während drei Jahren in der Campagna Romana, bereiste auch die Schweiz und Frankreich. Im Winter kehrte er jeweils in sein Pariser Atelier zurück, um seine Werke auszuarbeiten, die er regelmässig im Salon ausstellte. Später wurde er einer der Hauptvertreter der Schule von Barbizon.
Jean-Baptiste Camille Corot, Der Hafen von Genf, 1825. Öl auf Papier auf Karton aufgezogen, 18 x 25,5 cm. Private Collection, Geneva
Carl Blechen arbeitete als freischaffender Maler in Berlin. Im Anschluss an eine Studienreise an die Ostsee begab er sich 1828 auf eine ausgedehnte Italienreise nach Rom und Süditalien. Hunderte von Skizzen entstanden, die er später im Berliner Atelier ausarbeitete. Tief beeindruckt von der sonnenüberfluteten Landschaft gelangte Blechen zu einer neuen Seh- und Malweise, die mehr an der Realität als an der Romantik orientiert war und von seinen Zeitgenossen wenig verstanden wurde.
Carl Blechen, Der Monte Tiberio auf Capri, 1829, Öl auf Papier und Karton, 20 x 29,2 cm. Akademie der Künste, Berlin
Titelbild: Théodore Caruelle d’Aligny, Olevano, 1827, Öl auf Papier auf Leinwand, 33,3 x 49,7 cm. Privatsammlung
Fotos: © Kunst Museum Winterthur
Bis 25. Oktober 2026
«Zur Sonne! Zur Freiheit! – Wege der Freilichtmalerei um 1800». Eine zusätzliche kleine Ausstellung «Wie kam das Öl aufs Papier?» befindet sich im ersten Stock, im Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgraben. Weitere Informationen finden Sie hier
Ausstellungskatalog, Hrsg. David Schmidhauser, mit Essays und zahlreichen Abbildungen, Kunst Museum Winterthur CHF 48.00

