Was für ein Vater. Er ignoriert eine Kinderzeichnung, feiert keine Geburtstage, schenkt einem Sohn ein Holzscheit zur Weihnacht, schweigt beim Abendbrot, bietet seine Kinder zum inquisitorischen Rapport auf, behandelt deren Grossmutter wie eine Magd und geniert sich für den Grossvater, der im Heim lebt. Enkel Georg besucht ihn gerne. Und Opa erklärt ihm: «Ich bin eine gescheiterte Existenz, aber ich kann malen. Dein Vater arbeitet nur fürs Geld. Aus Angst vor dem Leben.»
Der Vater ist Bank-Angestellter. Er wohnt mit seiner Familie in einem Reihenhaus mit Zentralheizung. Sohn Georg kommt 1917 zur Welt, Lukas folgt 1921, Selma 1924. Der Krieg ist vorbei. Endlich Friede? Was weiter geschieht und in den 70er-Jahren endet, erzählt Schauspieler Kaspar Lüscher, der schon mehrere Theaterstücke verfasst hat, in seinem ersten Roman Brüderleben (2026).
Die Brüder vertun ihr Leben. Beide streben nach Erfolg, reüssieren zunächst – recht unterschiedlich. Georg avanciert, beflissen, zum Ingenieur; Lukas, scheinbar locker, zum (Farben-)Künstler, Psychologen und (Bestseller-)Autor. Als Buben verstanden sich die beiden manchmal recht gut. Sie kooperierten und rivalisierten. Bis zum Eklat, beim Gerangel um Seraina. Beide begehrten sie und gingen sich nachher lange aus dem Weg.
Georg funktionierte, wenn gefragt; sogar «verwahrloste Kinder mit zweifelnder Hoffnung» brauchten ihn. Er wirkte zuverlässig, routiniert. Bis zu seinem Überdruss und Rückzug. Wenn die Kinder ihm gute Nacht sagten, schaute er an ihnen vorbei. Später schlurfte er im Pyjama mit Pantoffeln durchs Quartier. Zur Beerdigung kamen nur wenige. Sein früherer Geschäftspartner bedauerte, wie der Ehrgeiz Georg weggetrieben habe.
Lukas, der jüngere, interviewte noch Stars, verdiente gelangweilt viel Geld und realisierte, wie die Auflagen seiner Publikationen sanken und seine Gedanken verschwammen. Und so fand ihn seine nonkonforme Freundin, die ihm noch zur Seite stand, irgendwann im Bett. «Neben ihm die leere Spritze.» Später öffnete sie die Urne und verstreute die Asche.
Soweit angedeutet, was Kaspar Lüscher in 175 Bildern berührend erhellt: Ein Gegensatzpaar, das scheitert. Erfolgsgetrieben sozialisiert, spielte die Leistungs-Gesellschaft mit. Nebst dem prägender Vater, der ein Kind seiner Zeit war. Beinahe hätten es die ungleichen Brüder jedoch geschafft, stabiler erfolgreich zu sein oder glücklicher auszubrechen.
Was bei «Überforderung» (2026) hilft, beschreiben Hans A. Wüthrich und Eckart Zitzler. Wüthrich ist emeritierter Professor für Internationales Management der Bundeswehr-Universität München. Und Zitzler leitet an der Hochschule Luzern die Forschung am Departement Informatik. Ihr Buch soll mehr Mut- denn Ratgeber sein. Und: kein Aufruf zur Selbstoptimierung oder zum psychologischen Tiefgang. Im Vordergrund stehen Erkenntnisse aus biografischen Erfahrungen.
Wer scheitert, überfordere sich oft mit dem Bemühen, den Erwartungen anderer zu genügen. So verenge sich unser Blick. Und da helfe kein blosser Aufruf dazu, alles besser zu organisieren und priorisieren. Wüthrich, auch Kolumnist der Neuen Fricktaler Zeitung, kennt das vom eigenen «Umgang mit Zuviel». Zum Beispiel wegen zu hoher Ambitionen und Ansprüche an sich selbst. Statt Output weiter zu pushen, inspirieren ihn Joggingrunden. Zudem das «Ruhenlassen von Aufgaben». Das «Innehalten» sei «der erste Schritt zu klarem Handeln». Und dazu gehörten Pausen, Zeitreserven sowie Mut zur Lücke und zum Nein-Sagen. Hinzu kämen Ehrlichkeit, das Offenlegen von Problemen und das Reflektieren eigener Anteile.
Schön, das hilft, gewiss. Damit diese persönlichen Anstrengungen zum Tragen kommen, sind zudem entsprechende gesellschaftliche Veränderungen unabdingbar. Das drücken die beiden erwähnten Bücher klar aus.
Und was Biographien systemisch erhellen, diskutiere ich am Mittwoch, 26. August weiter mit Cathérine Miville (19.30 Uhr im Hotel Schützen, Rheinfelden) zum Thema: «Mein Vater und ich». Die Basler Regisseurin leitete die Münchner Lach- und Schiessgesellschaft, das Stadttheater Giessen und Dieter Hildebrandts kabarettistische Fernseh-Sendung Scheibenwischer. Heute freischaffend, arbeitet sie das Leben ihres Vaters auf, alt Ständerat und Sozialdemokrat Carl Miville-Seiler (1921-2021).
Titelbild: @ Christian Jaeggi
Bücher:
– Kaspar Lüscher:Brüderleben. Roman, Caracol-Verlag, Warth 2026, 203 S. ISBN 978-3-907296-43-1.
– Hans A. Wüthrich, Eckart Zitzer: Tanz mit der Überforderung. Die Choreografie der souveränen Selbstführung. Vahlen, Zürich 2026, 159 S., ISBN 978-3-03909-375-5.


Überforderung ist kein Ausnahmezustand. Sie gehört zum Leben – beruflich wie privat. Mal trifft sie uns mit voller Wucht. Mal schleicht sie sich leise ein. Oft tarnt sie sich als Ehrgeiz, Pflichtgefühl oder als der Anspruch, allem und allen gerecht zu werden. Wer Überforderung vermeiden will, verpasst die Chance mit ihr zu wachsen.
Besser kann man es nicht ausdrücken.
Danke Herr Wüthrich.