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Infam. Infamer. Infantino?

 Gianni Infantino gilt als Bösewicht. Er gilt als DER Bösewicht der Fussballwelt. Jetzt jagt man ihn übers Spielfeld. An der Seitenlinie stehen einige, die froh sind, dass sie bloss Zuschauer sind.

Am 4. August habe ich auf Seniorweb die Begeisterung für die Fussball-Weltmeisterschaft thematisiert. Wenn alle jubeln ist es schlau, wenn ich auch juble. Umgekehrt funktioniert es auch. Wenn alle schimpfen, ist es schlau, wenn ich auch schimpfe. Nämlich bei der aktuellen Debatte um den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Die öffentlichen Meinung glaubt zu wissen, dass er der teuflische Grossgauner ist. Die Inquisitoren sehen denn auch auf Infantinos Kopf zwei Hörner. Der Teufel trägt Glatze. Jetzt jagen ihn alle durchs Dorf. Wenn alle gleicher Meinung sind, stimmt was nicht. So ein Jekami-Urteil ist ebenso gerecht, wie wenn die Gästekurve den gegnerischen Torschützen ausbuht.

Die Uefa, der Europäische Fussballverband verstärkt den Shitstorm. Der Verband droht, dass künftig die Weltmeisterschaften ohne Europa stattfinden werden. Man könnte meinen, im guten alten Europa werde guter alter Fussball gespielt, ohne Schiebereien, ohne Manipulationen, ohne Mauscheleien. Die Spieler kämen am Samstagnachmittag mit dem Tram ins Stadion, in der einen Hand die Trinkflasche, in der anderen die bei Ochsner-Sport gekauften Fussballschuhe.

Mount Rushmore USA, sechs Präsidenten, von links: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt, Abraham Lincoln, Gianni Infantino. Dieser triumphiert ausserdem auf dem Siegerpokal der Fussball-WM 2026. 

Fifa und Uefa streiten seit langem. Im Weltverband haben gewiss nicht die unbefleckten Sportsfreunde das Sagen. Im Europäischen aber auch nicht. 26 Euro-Partien standen in den letzten Jahren unter massivem Manipulationsverdacht. 2021wurde der damalige Uefa-Präsident Michel Platini wegen einer dubiosen Zahlung von 1,65 Millionen Franken angeklagt. Später wurde er freigesprochen. Kürzlich überwies die Uefa einer Mitarbeiterin eine hohe Abfindung und finanzierte ihr ein teures Studium. Dank diesen Vorfällen kam eine ganze Reihe von umstrittenen Zahlungen an Funktionäre ans Licht.

Infantino ist gewiss kein Leuchtturm der Lauterkeit. Eher noch einer, der sich bei den mächtigen und Reichen wohl fühlt, einer der gerne die Richtung angibt, ein Schlawiner. Jetzt stellen ihn die Medien an den Pranger. Dort, auf dem Marktplatz der europäischen Öffentlichkeit, dürfen ihn alle mit Schlötterlig und faulen Eiern bewerfen. Ja, ja, Gianni Infantino ist nicht der Super-Saubermann des Weltfussballs. Aber dass sich die anderen Bosse der Fussballindustrie ebenso verhalten, sollte man schon auch sehen.

Mein bescheidenes fussballerisches Wissen habe ich durch meinen Vater erworben. Er war Schiedsrichter. Dies hat mit dem Infantino-Geschehen rein gar nichts zu tun. Aber ich erzähle die Geschichte gerne. Arthur S. (bitte mit ü aussprechen, er stammte aus Delémont). Arthur S. also war Schiedsrichter. Er pfiff für die dritte oder vierte Liga in Zürich. An einem kühlen November-Sonntag regelte er auf dem Hardhof die Partie Oerlikon II vs. Schwamendingen I. Nachdem die Oerlikoner drei zu null untergegangen waren, kam es zu einer wüsten Rüpelei. Die Verlierer drangsalierten, schubsten und beschimpften den Schiri Arthür. Mein empfindsamer Vater nutzte fortan das schwarze Schiedsrichter-Leibchen mit dem weissen Kragen nur noch beim Gärtnern.

«Was für eine Idee, Sparringpartner eines Boxers zu sein … «
«… Was soll ich machen? Ich will Schiedsrichter in der dritten Liga werden.
Drum ist es klug zu wissen, wie man einen Schlag einsteckt.»

Bild Mount Rushmore mit Pokal: Verändert mit KI.
Karikatur: Archiv Fédération Française de Football

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1 Kommentar

  1. Infam, Infamer, Infantino
    João Havelange, der stets skandalumwitterte Brasilianer, dann Sepp Blatter aus dem Wallis, hinterlegte gegen zahlreiche Anschuldigungen sein «Offiziers-Ehrenwort» und jetzt sein Ziehsohn, Infantino, ebenfalls Walliser, der Mann mit diktatorischem Gehabe, der anscheinend endlich und definitiv der Korruption angeklagt wird. Tatsächlich eine Form von Steigerung, die FIFA-Steigerung quasi.
    Nach dem grossgewachsenen sportaktive Südamerikaner, der kleine Hobbyfussballer, nun aktuell Infantino (infantino, ital. das Kleinkind, auch Prinzchen).
    Zur Nachfolge wird Lisa Klaveness Verbandchefin aus Norwegen, bekennend-lesbische ehemalige Nationalspielerin gehandelt. Möglicherweise kann eine profilierte Frau dieser homophoben Männergesellschaft endlich ein neues, anständiges Gesicht verpassen.

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