Dem Schweizer Pionier des Fotorealismus und Meister des modernen Holzschnitts widmet das Kunstmuseum Bern eine Retrospektive: Franz Gertsch. Blow-Up (Part I). Ergänzt durch Teil 2 im ihm gewidmeten Museum in Burgdorf ist ein umfassender Überblick über sechs Jahrzehnte seines Schaffens zu sehen.
Es ist dies keineswegs eine Retrospektive im Sinne einer Rückschau auf Vergangenes, dafür ist Gertschs Werk viel zu lebendig. Im Berner Kunstmuseum werden seine Bilder erst zum zweiten Male präsentiert, die erste Ausstellung fand vor 25 Jahren statt – spät für diesen grossen Berner Künstler. Geboren 1930 in Mörigen am Bieler See, später bis zu seinem Tod 2022 in Rüschegg / Neuenegg BE beheimatet, wo sich Leben und Arbeit verbinden liessen. – Seine Nähe zur Natur zeigt sich auch in seinen Bildern.
Franz Gertsch in seinem Atelier in der Brauerei Gassner in Bern bei der Arbeit an «Medici» 1972. Links sind die Gemälde «Aelggi Alp» und «Saintes-Marie-de-la-Mer» zu sehen. Foto: Jürg Bernhardt
In Bern werden nun Werke gezeigt, die den jugendlichen Aufbruch dokumentieren, erste Höhepunkte seines Schaffens, wodurch Gertsch internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung erhielt, die Stufen seiner Entwicklung zum Fotorealismus, Gertschs souveräner Umgang mit dem selbstgewählten Weg. Wer die Werke betrachtet, merkt schnell, dass sie immer noch gleich faszinieren und keinen Staub angesetzt haben.
Alle Arbeiten von Franz Gertsch bestechen durch Feinheit und Präzision in der Darstellung auf zumeist übergrossen Formaten. Wir können ein Bild ganz nah betrachten und erkennen, wie genau jeder Pinselstrich sitzt. Aus der Ferne sehen wir, wie viel Leben und Plastizität ein Bild ausstrahlt. Das gilt auch für die Portraits, von denen in Bern nur wenige zu sehen sind.
Franz Gertsch: «Huaa …!» (1969) Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen 170 x 261 cm. Nachlass Franz Gertsch. Foto: Dominique Uldry © Franz Gertsch AG
Im Jahre 1969 entdeckte Franz Gertsch die Fotografie als Arbeitsgrundlage, ein wichtiger Schritt für den Künstler zum (Foto-)Realismus. Das erste Bild, das er malte, «Hua! . . .», ein Reiter im wilden Galopp, hatte er nach einem Still aus einem Historienfilm geschaffen, das er in der POP-Zeitschrift Salut les copains gefunden hatte. Von da an legt er seinen Arbeiten eine Fotografie zugrunde, zumeist selbst gefertigt, wie eine Art Skizze oder «Partitur». – Wir müssen uns Gertsch in seiner Zeit als Rebell vorstellen, interessiert, aber kritisch im Blick auf seine Epoche.
Das Malerauge schaut zuerst einmal durch die Fotolinse, auch wenn die ganze Familie ein Picknick macht oder die Ferien in Les Saintes Maries de la Mer verbringen, wo Gertsch auch spontan spielende Roma-Mädchen am Meer aufnimmt. (s. Titelbild) Die Unmittelbarkeit und Unbefangenheit, die aus den so entstandenen monumentalen Gemälden strahlt, erstaunt die Betrachterin immer wieder aufs Neue.
In allen seinen Arbeiten entsteht die ungeheure Lebendigkeit der Darstellung aus der ausserordentlichen Genauigkeit der Ausführung. Die Aufnahmen projizierte er als Dia überdimensional vergrössert auf die Leinwand und begann mit der Arbeit. Allerdings nutzte Gertsch nicht immer die Projektion, sondern arbeitete auch mit Skizzen direkt auf der Leinwand. – Wie Kuratorin Kathleen Bühler erklärt, malte Gertsch zumeist auf Leinwand ohne Grundierung, was grosse Präzision erforderte, denn wenn er den Pinsel direkt auf die Leinwand setzte, konnte er später fast nichts ändern, denn jede Korrektur ist sichtbar.
Franz Gertsch: Medici 1971-1972, Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen 400 x 600 cm. Ludwig Forum für internationale Kunst Aachen, Dauerleihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung. Foto: Dominique Uldry © Franz Gertsch AG
Anfangs der 1970er Jahre begann Franz Gertsch den 21 Jahre jüngeren Luzerner Künstlerkollegen Luciano Castelli zu besuchen. In diesem ganz anders veranlagten Künstler, der sich wie ein Chamäleon verwandelte und seine Kunst durch sein Äusseres ausdrückte, konzentrierte sich das Zeitgefühl einer ganzen Generation. Das Schillernde, Extrovertierte der Gruppe um Luciano stellt Gertsch in Einzelbildern und in Ensembles mehrerer Freunde dar. Es entsteht eine spannungsvolle Mischung aus flirrender Fantasie und farbiger Wirklichkeit. Dieses Bild machte Gertsch international berühmt, Harald Szeemann (1933-2005) zeigte es auf der Documenta 5 in Kassel.
Franz Gertsch: Pestwurz 2014-2015 Eitempera auf ungrundierter Baumwolle 220 x 320 cm Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch AG
Die grossen Formate und die zugleich minutiös ausgestalteten Sujets bleiben charakteristisch für Gertsch. Da bleibt nichts im Ungefähren, ausser es wäre die Absicht des Malers. Faszinierend, wie ein Bild sich verändert, je nachdem, ob die Besucherin es aus der Ferne, direkt vor dem Bild stehend oder aus einem schrägen Blickwinkel betrachtet.
Portrait Franz Gertsch vor «Maria» aus dem Triptychon «Guadaloupe» Foto: René und Elisabeth Bühler während der Ausstellung in Lugano 2019 (eine andere Version als die aktuelle im Kunstmuseum Bern)
Aus der Werkgruppe «Guadeloupe» sind drei Gemälde im Museum präsent. Neben tropischen Pflanzen findet der Akt «Maria» seinen Platz zwischen dem Wildwuchs. Das Gesicht in warmem Licht, heiter und entspannt, auf dem Körper liegen einige leichte Schatten, eingebettet in die Natur.
Der Künstler lebte für sein Werk, nicht für seinen persönlichen Ruhm. Von der Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit im Umgang mit allen, die ihm begegnen, hörte ich nicht nur hier in Bern. 2017 sah ich ihn, wie der damals 87-jährige mit seiner Frau – eben Maria – leichten Schrittes den Saal betrat und ohne viel Aufhebens seinen Platz einnahm.
Franz Gertsch: Gräser VIII 2019-2020 Eitempera auf ungrundierter Baumwolle 240 x 340 cm Nachlass Franz Gertsch © Franz Gertsch AG
Über Jahrzehnte hinweg hat Franz Gertsch ein reiches Werk geschaffen, er folgt seit den 1980er Jahren einer klaren Linie: Er widmet sich bestimmten Motiven und gestaltet sie in Variationen. Das können Wechsel in der Technik – Malerei oder Holzschnitt – sein oder Variationen in der Farbwahl. Stets wird davon die Wirkung des Werks beeinflusst. Seine Motive waren über Jahrzehnten hinweg Portraits, Naturdarstellungen, ein Landschaftsausschnitt oder eine Pflanze, berühmt geworden sind seine Darstellungen von Gräsern.
Diese Ausstellung wurde vom Louisiana Museum of Modern Art noch in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und seiner Familie entwickelt. Bevor sie nach Bern kam, wurde sie in den Deichtorhallen Hamburg gezeigt.
Während sich das Kunstmuseum Bern auf die Malerei von Franz Gertsch konzentriert – Frühwerk, Siebzigerjahre und Spätwerk – wird ab Ende September 2026 Anna Wesle, Direktorin des Franz-Gertsch-Museums Burgdorf, dort in Blow-Up Part II folgende Schwerpunkte setzen: Patti Smith, Luciano Castelli, Irène Staub (Zürich), Arbeiten auf Papier, das Spätwerk.
Franz Gertsch Blow-Up Part I im Kunstmuseum Bern bis 17. Januar 2027
Franz Gertsch Blow-Up Part II im Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE vom 19. September 2026 bis 28. Februar 2027
Titelbild Franz Gertsch: Saintes Maries de la Mer III (1972) Roma-Mädchen. Acryl auf ungrundierter Baumwolle 260 x 370 cm Lentos Kunstmuseum Linz, Dauerleihgabe aus Privatbesitz. Foto: Dominique Uldry © Franz Gertsch AG

