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Landkarten als Zutaten im «Geschichtenkessel»

Die Kartografie unserer Einbildungskraft steht im Zentrum der aktuellen Ausstellung «Fantastische Karten zu legendären Geschichten», die in der Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich gastiert.

Die Schau führt vor Augen, dass kartografische Meisterwerke weit mehr sind als rein geografische Wegweiser: Seit Jahrhunderten dienen sie als prägende Werkzeuge, die Ideen transportieren und neue Welten erschaffen, die es in der Realität nie gegeben hat.

Kartenausschnitt von Mittelerde (J.R.R. Tolkien). Foto: Pixabay Marco Ianna

Das Kuratorenteam Jost Schmid und Helen Sunderland nutzen als konzeptionelles Fundament das von J.R.R. Tolkien geprägte Bild des «Cauldron of Story» (Geschichtenkessel). Dieses theoretische Modell besagt, dass literarische Welten – und die dazugehörigen Karten – durch ein fortwährendes Schöpfen, Vermischen und Neuinterpretieren aus einer riesigen, über Jahrhunderte köchelnden Kultursuppe entstehen. Mythen, Sagen, Reiseberichte und historische Landkarten bilden die Zutaten, die von Autoren immer wieder neu zusammengemischt werden.

Robert Louis Stevenson (1850-1894), Treasure Island. London 1883.  Ex Carta EC020. Zentralbibliothek Zürich

Diese Grundidee wird in der Schatzkammer räumlich erlebbar gemacht: Entlang der Aussenwände entfaltet sich ein chronologischer Pfad des fiktionalen Kulturrecyclings. Er führt die Besucher vom fantastischen Weltbild des Mittelalters über die klassischen Schatz- und Abenteuerinseln des 18. und 19. Jahrhunderts bis in die moderne Science-Fiction, die Pop-Kultur und hin zu zeitgenössischen Videospielen.

Monsterwesen (links) am Rand der bewohnten Welt. Hartmann Schedel (1440-1514), Liber chronicarum. Nürnberg 1493. Zentralbibliothek Zürich

In der Mitte des Saales liegen die realen, historischen Meilensteine der Kartografiegeschichte – alte Globen und Atlanten von Ikonen wie Gerhard Mercator oder Hartmann Schedel. Sie dienen als direkter Kontrapunkt und beweisen, dass historische Faktentreue und fantastische Visionen im Grunde dieselbe Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählen.

Matthäus Seutter (1678-1757), Accurata utopiae tabula (Schlaraffenland). Augsburg um 1730. Zentralbibliothek Zürich

Erstmalig fusionieren für dieses Projekt zwei hochkarätige Archive: Die historischen, wissenschaftlich bedeutenden Bestände der Abteilung Karten und Panoramen der ZB Zürich treffen auf die international renommierte Privatsammlung Ex Carta, eine der weltweit umfassendsten Kollektionen fiktionaler Kartografie.

Karte aus Daniel Defoe (1660-1731): Robinson Crusoe. London 1719. Ex Carta EC008

Die Besucher bekommen seltene Originale und Ikonen zu Gesicht: Vertreter des Kartenblätter aus der Abenteuerliteratur sind die historischen Kupferstich-Karten zu Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) sowie die legendären Seekarten aus Robert Louis Stevensons Schatzinsel (1883).

Aus der Requisitenkammer des Films: die geöffnete Karte des Herumtreibers (Marauder’s Map). Wikicommons

Als Ikonen der Popkultur sind mit J.R.R. Tolkiens originalen Handzeichnungen und Entwürfen von Mittelerde sowie die weltberühmte Film-Requisite der Marauder’s Map aus den Harry Potter-Verfilmungen ausgestellt. Aber auch moderne popkulturelle Meilensteine wie Game of Thrones, Dune, One Piece oder Star Wars sind vertreten.

Ein besonderer Fokus der Ausstellung beleuchtet Tolkiens enge Verbindung zur Schweizer Kartografiegeschichte. Inspiriert durch seine legendäre Schweizer Alpenwanderung im Jahr 1911 spiegeln sich Topografien und Ästhetiken frühneuzeitlicher Schweizer Landkarten unverkennbar in den Gebirgsketten von Mittelerde wider.

Johannes Stumpf (1500-1577), Europa [südorientiert], in: Landtaflen. Zürich 1562.
Zentralbibliothek Zürich

In diesem Zusammenhang sei unter anderem auf den historischen Schweizer Chronisten und Pfarrer Johannes Stumpf, der vor fünfhundert Jahren den ersten echten Atlas zeichnete. Seine Karten – durchzogen von realen Alpentälern, aber gespickt mit furchteinflössenden Seemonstern im Ärmelkanal oder Drachen auf dem Pilatus – zeigen exemplarisch, dass die Grenze zwischen realer Vermessung und fantastischer Imagination in früheren Epochen fliessend war.

Dungeons & Dragons wird regelmässig in der ZB gespielt

Flankiert wird die Ausstellung von einem interaktiven Begleitprogramm, das die Brücke zur modernen Spielkultur schlägt. Neben kuratorischen Führungen bietet die Zentralbibliothek spezifische Vorträge zu Worldbuilding, dem Erbauen von fiktiven Universen, sowie regelmässige Live-Runden des Pen-&-Paper-Rollenspiels Dungeons & Dragons direkt vor Ort an. Für das digitale Erlebnis wird die Sammlung Ex Carta zudem parallel über die internationale Online-Plattform Oculi Mundi visualisiert.

Titelbild: Keyvisual der Ausstellung. Zentralbibliothek Zürich
Bis 5. Dezember
Informationen zur Ausstellung (Eintritt frei) sowie zum Begleitprogramm

Buchtipp: Martin S. Monsch: Die Schweiz in Tolkiens Mittelerde. Auf den Spuren seiner abenteuerlichen Sommerreise im Jahr 1911 – mit Wandervorschlägen. ISBN 978-3-96966-905-1

 

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