Fern von zuhause wurde Olaf Breuning zu einem international gefeierten Star der Gegenwartskunst. Im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen widmet sich der Multimediakünstler in einem Heimspiel dem Wesen des Menschen: Mit «Humans» fragt der Künstler, was bleibt, wenn Technik, Konsum und Krisen die Welt prägen.
Witzig und hintergründig, manchmal absurd und rätselhaft sind die Foto-, Video- und Objekt-Arbeiten Breunings. 1970 in Schaffhausen geboren und aufgewachsen, zog er gleich nach der Kunstausbildung in die Metropole New York City. Heute lebt er mit Familie im waldreichen Upstate New York, nicht im Rummel, aber auch nicht zurückgezogen, sondern als aufmerksamer Beobachter der globalen Entwicklung. 25 Jahre nach seiner ersten Präsentation im Museum zu Allerheiligen beschert er seiner Herkunftsstadt einen Querschnitt durch sein aktuelles Schaffen, unterstützt von der Kuratorin Sarah Merten.
Familie Breuning im Big Foot Outfit. Leave Me Alone, 2024, Courtesy: the artist & Galerie Semiose, ParisMythische
Zum Nachdenken anregen ohne zu belehren – das ist Breunings Ziel, denn Kunst soll nahbar, verständlich und für alle zugänglich sein. Er sucht Bildwelten, die zugleich humorvoll und abgründig die grossen Fragen der Menschheit im 21. Jahrhundert stellen. Bei der Vernissage lässt er uns in seine Karten blicken. Er mache seit 30 Jahren Kunst, „weil ich die Welt verstehen möchte und weil es Spass macht.“
Zwei der 60 Bleistiftzeichnungen. Links:Sleeping. Doing Stupid Things, 2026. Rechts: AI Animal, 2026, Courtesy: the artist & Galerie von Bartha Basel
Mit lockerer Leichtigkeit, mit aberwitzigen Inszenierungen und mit der Verwendung neuester Techniken, sprich KI, vermittelt er den aktuellen Zustand der Menschheit und damit des Planeten, der in einer Fotoarbeit über einem Abgrund beinahe abstürzt. So erheitert seine Kunst zunächst, aber im Nachhinein tun sich Abgründe zur Conditio humana auf.
Olaf Breuning im Allerheiligen-Museum. Selfportrait, 2026, Foto: Olaf Breuning, Courtesy: the artist
Wer hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit Oberflächlichkeit vermutet, irrt gewaltig. Darunter liegt eine messerscharfe Analyse unserer Gegenwart: der verschwenderische Umgang mit globalen Ressourcen, die fortschreitende Klimakrise, der unaufhaltsamen Einzug der künstlichen Intelligenz in den Alltag sowie veraltete gesellschaftliche Rollenbilder.
Einen Teil der Arbeiten hat Olaf Breuning eigens für die Räume in Schaffhausen konzipiert und realisiert. Die Schau beginnend in der frühen Geschichte des Planeten und endend im Jetzt umfasst rund 60 neue, minimalistische Zeichnungen, die in Ruhe betrachtet die Gedankenwelt von Breuning zugänglich machen, dazu sind grossformatige Fotografien, zwei raumgreifende Installationen sowie zukunftweisende Videoarbeiten zu sehen.
Olaf Breuning, 20 mm, 2026. Courtesy: the artist & Galerie von Bartha, Basel
Die Installation 20 mm, ein Schlüsselwerk der Schau, zeigt einen kleinen Affen aus Bronze, der staunend auf die vergoldete Spitze eines 300 Meter langen, blauen Seils, das hinter dem Äffchen auf einem Marmorsockel durch den Raum mäandert, es symbolisiert 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte. Das kurze Ende aus vergoldetem Metall steht für die Zeit, in der Homo sapiens diese Erde bewohnt. Das Gold ein Hinweis auf Begehrenswertes – nur für die Menschen.
Künstliche Intelligenz und künstlerische Imagination kombiniert Breuning in dem Video Simple Human zu einem absurden Musical mit archaischem Bühnenbild und Sound vom Handy, installiert auf einer Konstruktion aus Holzstab und Steinsockel. Sänger, Texter und Komponist ist eine Art Höhlenmensch, für den sich der Künstler als Vorlage für die KI einbringt, freilich ohne die Regie aus der Hand zu geben. Dennoch stellt er die existentielle Frage, was heute noch echt ist und ergänzt, die KI sei „ein Werkzeug mit Überraschungen,“ das ihn glücklich gemacht habe.
In der Videoarbeit AI Characters hinterfragt er das klassische Selbstporträt, indem er die KI so füttert, dass sie ihn mit diversen Inputs in unterschiedlichen Rollen sprechend, schreiend, singend darstellt, als Fischer, als Popstar, als Zauberer oder Astronaut undsoweiter: Das Ergebnis ist absurd bis verstörend, und dem Künstler geht es um die Frage, was die KI mit dem Urheber macht, wobei er Wert darauf legt, dassihm die künstliche Intelligenz die Kreativität nicht entzieht.
Olaf Breuning, Out of Balance, 2026 lCourtesy: the artist & Galerie von Bartha, Basel
Im folgenden Raum liegt auf einem grauen Boden ein grauer Haufen ineinander verkeilter Blechmänner, es sind Ritterrüstungen mit Waffen auf Rollschuhen: Out of Balance heisst hier mehr als nur aus dem Gleichgewicht gebracht, diese starker Krieger und heldenhafter Männer sind ausrangiert, sind ein instabiler Abfallhaufen. Wiederum verweist der Künstler auf die dünne Schicht der menschlichen Entwicklung, die im anderen Raum das goldene Ende in des Affen Hand symbolisiert.
Olaf Breuning, No Astroid, 2024, Courtesy: the artist & Galerie Semiose, Paris.
Bekannt wurde Olaf Breuning mit Fotografien, die er aufwendig inszeniert, die Statisten waren Familie und Freunde. Eins der Bilder macht den Auftakt zur Ausstellung Humans: Absurd und witzig an die Beatles auf der Abbey Road erinnernd, marschieren fröhlich winkend vier Fellmenschen es ist eine legendäre Big Foot Familie, die mit dem Bildtitel Leave Me Alone (Lass mich in Frieden) sagt.
Breuning untersucht den modernen Menschen in all seinen Widersprüchen – gefangen im Spannungsfeld zwischen unbändiger wissenschaftlicher Neugier und scheinbar naiver Ignoranz, zwischen technologischem Fortschritt und kollektiver Verantwortungslosigkeit.
Olaf Breuning, The Edge, Courtesy: the artist & Galerie Semiose, Paris.
Mit der Werkschau «Humans» erinnert Olaf Breuning die Museumsbesucherinnen und -besucher an die Fragilität des Daseins, das wir mit unserem Lebensstil – Kriegen, Ressourcenverschleiss, Klimaerwärmung – die Zukunft aufs Spiel setzen. Und immer dabei ist ein Fun-Aspekt, der die Tragik des Lebens mit Humor kompensiert.
Titelbild: Olaf Breuning, Simple Human, 2026, Videostill, AI Video, Farbe, Ton, Courtesy: the artist & Galerie von Bartha, Basel
Nur noch bis 27. September
Hier geht es zu weiteren Informationen über «Humans» von Olaf Breuning
