Ach die Welt!

Was auf dem ganzen Globus alles passiert und uns stets ablenkt, ist gewaltig. Dennoch hat Jeder seine eigene Welt und Jedermann kennt das geflügelte Wort: «Unter jedem Dach ein Ach.» Es bleibt ihm nichts anderes, als seine eigene Welt zu ordnen. Wie soll er in ihr sein? Der sechs Jahre alte Ben wurde gefragt: «Wer bist du?» und er antwortete: «Ich bin ein Forscher, der erforscht, wer er ist!»* Als ich als Bub in diesem Alter war und langsam älter wurde, brauchte ich für mich Nischen und weisse Stellen, die ich selber besetzen konnte. Später kamen Oasen dazu. Und jetzt im Alter bin ich wieder soweit, dass ich gelegentlich in solchen Welten leben möchte.

Das ist nicht leicht zu erreichen, denn ich sehe fern, verfüge über ein iPhone und lese Zeitungen. Nun kommt die KI gebieterisch dazu und von ihr wird mir gesagt, es handle sich um ein Ungeheuer, das alles wisse oder sofort und in Blitzesschnelle eine Frage beantworte und erst noch so tue, als wäre es ein Subjekt, als ein Jemand, der mich per Du anspricht. Dabei hat sie keine Seele und kein Gefühl. Ich muss zu ihr Distanz finden. Das gelingt mir, wenn ich mich frei, in einer Nische oder in einer weissen Stelle und manchmal in einer Oase befinde.

In der Nische lebe ich wie als Kind gelebt habe. Ich staune noch immer, wie unglaublich vielfältig die grosse Welt der Erde und des ganzen Kosmos ist. Ich erlebe, wie der Tag erwacht und wie er vergeht. Er kündet sich mit wunderbar sanftem Licht über den grünen Hügeln an und weckt Erwartungen. Geht die Sonne unter, spielt sie mit rötlichem Licht in allen Nuancen und tanzt mit den Wolken in tausend Gestalten ihr Als-Ob. Ich erlebe einen Moment Ewigkeit und fühle mich selber klein und farblos.

Wenn ich in Erwartung dasitze, wünsche ich mir, dass alles langsam geht. Es sind die weissen Stellen, in denen ich frei atme. Ich betrete das Feld der Offenheit, nehme die angeborenen Freund-Feind-Bilder wahr, bin dort wo kein Glaube ist, der mein Denken bestimmt. Ich bin offen und nicht festgelegt wie die Tiere. Ich öffne mich für Einfälle und spüre, wie es in mir denkt und wie dieses Denken zu Geschichten meiner Welt wird. Was man als langweilig finden mag, erlebe ich nun betagt als schöpferische Langeweile. Ich gebe dem gesunden Menschenverstand eine Chance und rufe nicht nach KI oder Google.

Dann gerate ich in die Oase meines Schrebergartens. Er ist fruchtbar, weil ich in ihm immer gearbeitet und meinen Kopf in fremde Hirne gesteckt habe. Ich las Romane und entdeckte definitiv andere Welten, die über der meinen lagerten.

Die kulturelle Überlagerung blieb für mich fruchtbar, weil ich im Garten geackert und gesät habe. In ihm reiften Früchte eines intensiven Lebens. Dennoch halte ich es auf der Suche nach mir selbst mit dem kleinen Ben. Nicht gerade, dass ich forsche, wer ich bin. Wenn ich daran denke, glaube ich zu wissen, wer ich bin. Müsste ich dies aber beschreiben, gelänge es mir nicht.

*Heft: Philosophie 06. 2026

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