Anders alt werden

Was heisst es eigentlich, alt zu sein? Die Journalistinnen Seraina Sattler und Anna Six haben zehn Menschen über 60 getroffen, die auf diese Frage höchst unterschiedliche Antworten geben. Ihr Buch «Anders alt» ist eine Einladung, das Alter nicht als Endstation, sondern als Lebensphase mit vielen Möglichkeiten zu sehen.

«Anders alt» ist die Botschaft, die bereits im Titel der Neuerscheinung aus dem Basler Christoph Merian Verlag steckt. «Anders alt» erzählt von zehn Menschen über 60, die mit den gängigen Vorstellungen vom Alter wenig anfangen können. Die Interviewten erzählen in der Ich-Form von Neuanfängen, ungewöhnlichen Lebensentwürfen, Identität, Sexualität und Mut zur Veränderung – aber auch von dem, was das Älterwerden kostet.

Die zehn Porträtierten sind so unterschiedlich wie ihre Lebensgeschichten. Heidi outet sich erst mit fast 70 als Transfrau. Victor steht mit 83 als Nacktdarsteller vor Publikum. Gladis wagt mit 62 einen beruflichen Neuanfang. Josef träumt von einer Segelreise ums Kap Hoorn. Vreni zieht es in die Berge.

Das klingt zunächst nach einer Sammlung von Ausnahmetalenten. Doch genau hier liegt die Stärke des Buches: Die Porträts wollen nicht beweisen, dass man mit 60, 70 oder 80 noch möglichst jung, aktiv und spektakulär sein kann. Sie zeigen vielmehr, dass Menschen auch im Alter – oder trotz des Älterwerdens – ihre Biografie weiterschreiben.

Heidi: «Wenn ich an mir hinunterschaue, vermisse ich nichts. Heute diesen Körper zu haben, ist mein Glück.» (Titelbild).

Das Klischee vom «erfolgreichen Altern» kann ebenso tyrannisch werden wie das Bild vom passiven Rentner. Wer mit 75 noch joggt, reist, tanzt oder ein Start-up gründet, wird heute gerne als Vorbild gefeiert. Wer dagegen langsamer wird, sich zurückzieht oder Unterstützung benötigt, muss sich dafür beinahe rechtfertigen.

Aussergewöhnlich sind auch die wunderschönen Illustrationen der Porträtierten: Die Fotos von Gabi Vogt sind mehr als eine dekorative Beigabe. Sie geben den Geschichten Gesichter und Körper. Sie vermitteln Stimmungen und ergänzen die Worte. Das ist bei einem Buch über das Alter wichtig. Denn auch das fotografische Bild des Alters ist häufig normiert: freundlich lächelnde Grosseltern, fitte Wanderer, glückliche Senioren beim Kaffeetrinken. Hier geht es um Menschen – nicht um die Werbeabteilung eines Seniorenressorts.

Gladis: «Nie hätte ich gedacht, dass es mich so erfüllt, wieder berufstätig zu sein. Eine richtige Macherin ist aus mir geworden.» Foto © Gabi Vogt.

Das Buch «Anders alt» macht den von der Werbung getriebenen Wettlauf um die «ewige Jugend» nicht mit. Es sagt den Leserinnen und Lesern nicht: So müssen Sie im Alter leben. Es zeigt uns, wie andere ihr Alter gestalten. Und es motiviert dazu, auch im Alter den eigenen, individuellen Weg zu suchen.

Das ist die klügere Methode. Denn Alter lässt sich nicht normieren. Der eine entdeckt mit 70 eine neue Leidenschaft, die andere möchte endlich mehr Zeit im Garten verbringen. Einer sucht nochmals das Abenteuer, eine andere geniesst gerade die Ruhe. Manche wollen arbeiten, andere können es kaum erwarten, damit aufzuhören.

Und dann gibt es jene, deren Lebensentwurf sich radikal verändert. Gerade diese Geschichten sind besonders interessant. Sie machen deutlich, dass Identität nicht mit der Pensionierung eingefroren werden kann.

Josef: «Wer weiss, vielleicht treibt irgendwann auch mein Asche von der Nordsee bis zum Kap Hoorn.» Foto © Gabi Vogt.

Das Buch handelt auch von den Verlusten, die das zunehmende Alter mit sich bringen kann: Der Körper macht nicht mehr alles mit. Freunde sterben. Beziehungen verändern sich. Berufliche Rollen verschwinden. Die eigene Endlichkeit wird konkreter. Und irgendwann kann aus der geliebten Selbstbestimmung Abhängigkeit werden.

Wichtige Fragen werden gestellt: Warum wird Sexualität im Alter häufig verschwiegen? Weshalb wird ein Mensch mit Demenz plötzlich vor allem über seine Krankheit definiert? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich noch Auto fahre oder in die Ferien fliege?

Vreni: «Ich bin sehr zufrieden damit, wie mein Leben verlaufen ist. Auch wenn ich nie effizient war. Ich mag lieber Bergwege als Autobahnen.» Foto © Gabi Vogt.

Die zehn Geschichten haben durchaus auch eine politische Dimension – ohne politisch sein zu wollen. Sie stellen unsere gängigen Altersbilder infrage. Weshalb gilt ein 65-Jähriger, der einen neuen Beruf beginnt, als mutig, während eine 65-Jährige, die einfach nur weniger arbeiten möchte, schnell als wenig ambitioniert gilt?

Ergänzt werden die persönlichen Geschichten durch drei Fachinterviews. Sie beschäftigen sich mit Wohnformen, Identitätsentwicklung im Alter und dem gesellschaftlichen Umgang mit Demenz. Die Soziologin Joelle Zimmerli plädiert für mehr Mut, sich im Alter noch einmal wohnlich neu einzurichten. Sue Bak und Youn Bak erzählen, wie sie mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter neue Wege suchen und warum eine sinnvolle Beschäftigung für Betroffene wichtig ist. Die Altersforscherin Sabina Misoch spricht über die Wirkung von Stereotypen und darüber, wie man neuen Sinn im Leben schafft, wenn es vieles loszulassen gilt.

Die Interviews öffnen den Blick vom individuellen Lebensentwurf auf eine gesellschaftliche Frage: Wie wollen wir eigentlich als Gesellschaft mit dem Alter umgehen?

«Alt sein» ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Es ist eine Lebensphase. Wie wir diese leben, hängt nicht nur von unserem Alter ab, sondern auch davon, wer wir sind, was wir erlebt haben, was wir noch wollen – und welche Möglichkeiten uns die Gesellschaft lässt.

Seraina Sattler/Anna Six: «Anders alt. 10 Menschen erzählen». Mit Fotografien von Gabi Vogt. Christoph Merian Verlag, 2026.

LINK

Christoph Merian Verlag

Titelbild: Fallschirmspringen ist für Senior:innen eine andere, ungewöhliche Art, alt zu werden. Foto Pixabay

 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-