In geheimen Gesprächen auf den Dächern von Tel Aviv werden die Mechanismen hinter Israels gezielten Massenmorden an palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen von den Männern enthüllt, die sie entwickelt und betrieben haben. Der Film «Naza» von Yuval Abraham und Rachel Szor, mit israelischen Ex-Soldaten und Offizieren, vertieft, was Journalisten bereits aufgedeckt hatten: wie Menschen die Entmenschlichung anderer durchführen. Am Venedig Film Festival gewann der Film den Spezialpreis der Jury und wurde mit einer 25-minutigen Standing Ovation verdankt.
Yuval Abraham und Rachel Szor: «Der Film lässt uns Tieferes ergründen, als es mit Investigativjournalismus möglich ist: nicht nur mit den Worten, die gesprochen, sondern auch jenen, die nicht gesprochen werden – dem Schweigen. Es liegt an uns, dieses Schweigen zu brechen.» ‒ Nachfolgend Fragmente aus den nächtlichen Gesprächen.
«No Other Land»
Die Juden Yuval Abraham und Rachel Szor hatten zusammen mit den Palästinensern Basel Adra und Hamdan Ballal den später mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm «No Other Land» über die Siedleraktivitäten gedreht. In «Naza» schildern die zwei Juden, sozusagen im Schutze der Dunkelheit, die israelischen Insider-Berichte über die Machenschaften seit dem 7. Oktober 2023.
Es gibt wohl kaum einen nüchterneren Film als «Naza». Nüchtern im Sinne der filmischen Mittel, mit denen er sein Anliegen vorbringt. Ein Film, der fast komplett in der Nacht spielt. Im Hintergrund glitzert die Skyline von Tel Aviv, im Vordergrund sitzen im Dunkeln zwei Personen. Der eine ist Yuval Abraham, auf den manchmal etwas Licht fällt. Seine wechselnden Gesprächspartner sieht man nur als Silhouetten.
Die Tötungspläne
Die Angehörigen der IDF
Die Menschen in den Wohnungen im Hintergrund verrichten private Dinge oder schauen die TV-Nachrichten, wo im blauen Licht immer wieder Benjamin Netanjahu erscheint, der den Krieg gegen das Böse beschwört, den es zu gewinnen gilt. Gleichzeitig interviewt das Filmteam 24 Angehörige der israelischen Armee und des Inlandsgeheimdienstes, die anonymisiert von ihren Tätigkeiten für die IDF (Israel Defense Forces) bei den Angriffen in Gaza erzählen. Was man im Film auf Hebräisch hört und in den Untertiteln liest, haben zwischen 2023 und 2025 bereits israelische Online-Portale, «The Guardian», Produzent des Films, die «New York Times» und die «Washington Post» berichtet. Die nüchternen Gespräche und die Kritzeleien auf den Papieren, welche die Soldaten vor sich haben, lassen nur einen Schluss zu: Was in Gaza passiert, ist Völkermord.
Was bedeutet Naza?
Gleich zu Beginn wird der Titel erklärt: «Naza» ist die armeeinterne Bezeichnung des israelischen Geheimdienstes für Kollateralschaden. «4 Naza» zum Beispiel bedeuten, dass man bei einem Angriff auf einen Hamas-Angehörigen auch den Tod von vier Menschen aus seiner Umgebung in Kauf nimmt. Mit der KI «Lavender» werden Anschlagsziele berechnet, die mit der Telefonüberwachung eruiert wurden. Die potenzielle zivile Opferzahl wird hinter dem titelgebenden Akronym «Naza» versteckt. Die Armee ist in der Lage, die Telefone der Familienmitglieder abzuhören und deren Funktionen zu aktivieren, auf Verbindungen, Kamerafunktionen, gespeicherte Fotos und Nachrichten zuzugreifen. Ist der Hamas-Agent einmal lokalisiert, wird die Drohne mit der Bombe losgeschickt. Ein Ex-Soldat meint dazu: «Du fühlst dich etwas wie Gott».
Auf der IDF-Todesliste, so behauptet der Film, stehen rund 40.000 Hamas-Verdächtige. Eine Fehlermarge bis zu 15 Prozent sei einkalkuliert, sagt ein Ex-Soldat. Nach der Hamas-Attacke vom 7. Oktober, sagt ein anderer, habe in der Armee die Auffassung vorgeherrscht, es gebe keine unschuldigen Menschen in Gaza. Der Algorithmus entscheidet also über Leben oder Tod. Den Angriffsbefehl geben Menschen, nachdem der Naza-Wert berechnet wurde: Wie viele Kollateral-Tote könnte ein Angriff kosten? Es gab, sagen Insider, verschiedene Quoten, je nach Wichtigkeit des Ziels; zeitweise wurden bis zu 500 unbeteiligte Tote für einen Hamas-Führer in Kauf genommen. Und es habe nicht nur die gezielten Tötungen gegeben, sondern auch den Vorsatz, die Häuser ganzer Viertel in Nord-Gaza zu zerstören, damit niemand mehr dorthin zurückkehren könne.
Yuval Abraham und Rachel Szor
Behauptung zurückgewiesen
Die IDF weist die Behauptung, Zehntausende von Menschen in ihren Häusern getötet zu haben, zurück. Doch die Aussagen befragter Geheimdienst-Offiziere dürften Aufmerksamkeit erregen, denn sie erklären die technische und logistische Vorgehensweise bei der Zielerfassung in Gaza in einem nüchternen Tonfall.
Der Film kommt sechs Wochen vor der Parlamentswahl in Israel. Der israelische Kulturminister Miki Zohar will den Machern von «Naza» die Staatsbürgerschaft entziehen. Am Sonntag nach der Preisverleihung bezichtigte er die Zwei im Onlinedienst «X» des «Verrats am Staate Israel». Sie seien bereit, «ihrem Heimatland zu schaden, um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu erhalten.» Wie sehr diese Reaktion dem Eifer des Wahlkampfes geschuldet oder ernst gemeint ist, wird sich zeigen.
Der 7. Oktober 2023
Gleich am Anfang des Films ist der 7. Oktober 2023 Thema, als beim Massaker der Hamas rund 1.200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Der beispiellose Überfall der Hamas löste den Gaza-Krieg aus, heisst es von Israel und wiederholen die Mainstreammedien. Seitdem wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 73.600 Palästinenser getötet. Menschenrechtsorganisationen und UN-Gremien werfen Israel wegen seines Vorgehens im Gaza-Krieg unter anderem Kriegsverbrechen vor.
Yuval Abraham stellt seinen Gesprächspartnern wiederholt die Frage, ob niemand diese Art der Kriegsführung infrage gestellt habe, und erhält die Antwort: «Nein, wir haben nur unsere Mission erfüllt.» Er stellt auch die Frage nach einem vermeintlichen Genozid. Die Antworten darauf erfolgen indirekt, suggestiv, polemisch. Einer der Soldaten erwähnt seinen Besuch in einem Konzentrationslager in Polen und sagt, er halte die Nazis immer noch für böse, aber: «Was bin dann ich?»
Was hat euch bei den nächtlichen Interviews auf den Dächern von Tel Aviv als Drehort für den Film gereizt?
«Es fühlte sich wie die einzige Option für den Film an. Die Realität in Israel-Palästina war schon immer düster, aber seit dem 7. Oktober sind wir in völlige Dunkelheit gehüllt, und ein Morgen ist nirgends in Sicht. Unser Film ist ein Spiegelbild der Zeit, in der er entstanden ist. Dunkelheit gilt als Begünstiger von Verbrechen, von Taten, die aufgrund ihrer grausamen Natur geheim gehalten werden müssen.»
