Reduziere ich meinen Aktivismus und befinde ich mich an einer weissen Stelle, die kein bestimmter Ort ist und von der nur ich weiss, muss ich mir eine Meinung bilden, über das, was ich gerade tue. Das habe ich in der letzten Kolumne angetönt, aber nicht ausführlich behandelt. Ich möchte diese leere Innerlichkeit mit Inhalt und mit Farbe füllen. Ich lese dabei Gedichte, ich höre ein Musikstück oder betrachte gerne auch ein Kunstwerk in einem Buch. Das Bild eines Künstlers gibt nicht bloss das Geschaffene wieder, es macht es sichtbar, lehrt Sehen und Fragen stellen. Als ich in jungen Jahren Pablo Picassos querverstellte Gesichter betrachtete, wusste ich noch nicht, dass sie vorausnahmen, wie Menschen uns heute oft begegnen.
Ich meditiere gerne Gedichte. Der Tessiner Dichter Enzo Pelli*, schreibt in seinem neuen Buch « Dopo la pioggia – Nach dem Regen», entsetzt von den Katastrophen und von Kleinlichkeiten der Menschen: «Heut weht ein heftiger Wind, / Erdrutsch, Schiffbruch, Terror und Tod. / Wieviel Wut, Gewalt und Lärm, / um nur ein wenig / trockenes Laub zu verschieben, / Grashalme auszureissen, / da und dort eine Blume.» Mit den Metaphern von Laub verschieben und der ausgerissenen Blume unterscheidet er die kleinkrämerischen Streitigkeiten von den grossen Ereignissen, die er nicht beeinflussen kann. Daneben sind oft alltägliche, banale Dinge, die unnötig zu Ärger oder Lärm führen. Die Menschen könnten doch wissen, dass die Jahreszeiten wechseln und die Blumen wieder blühen.
Weisse Stellen und Nischen sind Orte der Langsamkeit. Wer von Gedicht zu Gedicht springt, beachtet die weiterführenden Metaphern zu wenig. Ich lese ein Gedicht des grossen italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti**. Mit elf Worten wirft er eine bedrängende Frage auf: «Godere un solo / minuto di vita inniziale // Cerco un paese innocento.» Übersetzt: «Einen einzigen Augenblick / anfängliches Leben / geniessen. // Ich suche ein unschuldiges Land.» Der Mensch sehnt sich nach dem, was er nicht hat: Die Unschuld des Lebens. Er verstrickt sich in kleinere und grössere Schuld. Es nützt nichts sie zu beichten. Wer tiefer gräbt, weiss, dass er mit seinem Schuldigsein alleine fertig werden muss.
Ich schätze kurze Gedichte. Etwa: «Zwischen Wolken / und Wasser / die Liebe. // E la nave va.» Man ahnt, die Liebenden sind mit einem Meerschiff unterwegs und befinden sich auf Deck oder gucken aus der Luke der Kabine. Vorbei ziehen die Wolken und die aufgepflügten Wellen. «E la nave. va». Sie verstehen sich in ihrem Leben. Die Liebe wird dauern.
Ein Freund schickte mir Gedichte und ich lese aus einer grösseren Anzahl eines aus: «Wie er wohl enden würde, / der Weg, / wenn er ihn ginge.» Mir fällt Voltaires (1694-1778) Schrift «Der unwissende Philosoph» ein, die mit den Fragen beginnt: «Was bist du? Woher kommst du? Was tust du? Was wird einmal aus dir?» Das sind die grossen, nicht auslotbaren Themen, die von Jung an bis ins Alter keine klaren Antworten finden.
Mit Metaphern entsteht eine Meinung. Der Dichter provoziert sie und lädt Leserinnen und Leser ein, die eigene zu vertreten. Der Dichter führt sie zu einem friedlichen Dialog. Er fordert den Geist heraus und die Metapher endet meist mit einem Konjunktiv. Es ist so, es könnte auch anders gemeint sein.
*Enzo Pelli, übersetzt von Christoph Ferber, Poncioni di Losone, 2026
**Giuseppe Ungaretti: Suhrkamp. 8. Auflage 1991
Voltaire: Reclam

Der scharfsinnige Text beschreibt den Rückzug aus einem hektischen, aktivistischen Alltag in die innere Reflexion durch die Kunst. Der Autor nutzt Kunst, Lyrik und Philosophie als Werkzeuge, um eine existenzielle Leere mit Sinn zu füllen und sich eine eigene, differenzierte Meinung über das Leben zu bilden. Abseits des lauten Aktivismus zieht er sich an einen metaphorischen Ort zurück – eine «weisse Stelle» oder «Nische der Langsamkeit», die ihm als Refugium der Stille und Isolation dient. Wenn wir uns diesen tiefsinnigen Text zu Herzen nehmen, wird unser Dasein um eine wertvolle Facette reicher.
Kurt Haberstich
Ihr Statement macht mich wütend und spendet keinen Trost in der aktuellen Unsicherheit. Weltweit gehen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit den Bach runter und Sie machen es sich gemütlich mit Gedichten und philophischen Fragestellungen. Ich bin fast so alt wie Sie und ich liebe Literatur und auch Gedichte. Doch angesichts des weltweiten Elends vieler Menschen und der Bedrohung durch rechtsradikale und menschenfeindliche Politik, machthungrige Kapitalisten und zunehmender Umweltkatastrophen, scheint mir, sorry für meine Ehrlichkeit, die von Ihnen zelebrierte Schöngeistigkeit in Philosophie und Versen, doch sehr abgehoben von der Realität, in der wir alle irgendwie zurecht kommen müssen.