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04.05.2017 - Andreas Iten

Über den Weingenuss

Ich frage mich manchmal, warum so viele Menschen unzufrieden sind und stets den Mangel beklagen und vergessen, das Wunderbare zu loben.

Dass jeder von einem gewissen Alter an verantwortlich ist für sein Gesicht, weiss auch die schönste Frau und der attraktivste Mann. Unsere Zeit, die uns lehrt, stets nach Höherem, nach mehr zu streben, nie still zu stehen, macht unruhig und unzufrieden. Oft sieht man Menschen an, dass sie ihr Leben nicht als gelungen betrachten. Vielleicht liegt es einfach daran, dass viele nicht gelernt haben zu geniessen. Man kann niemandem Heiterkeit anerziehen oder aufzwingen. Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zu Frohmut und Heiterkeit im Gebrauch der Sinne. 

Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ein edler Wein aus einem wohlklingenden Glas höheren Genuss bereitet, als einer aus einem stumpfen. Als ich zufällig einmal ein Glas in die Hand bekam, das beim Anstossen einen singenden, schwingenden und vibrierenden Ton mit einem wunderbaren Wider- und Nachhall besass, war ich überrascht. Das Anstossen ist seither fast zum Ritual geworden. Ich halte das Glas ans Ohr, bis der Ton ausklingt und meine auch, das Bouquet des Weins wäre seither besser erkennbar und der Abgang ein längerer Genuss. Ich bekenne, ich trinke guten Wein nur in angenehmer Gesellschaft, sonst verzichte ich lieber und bestelle Mineralwasser ohne Kohlensäure.

Das Trinken aus einem singenden Glas war also eine echte Entdeckung. Von da an wusste ich, dass sich Heiterkeit aus dem Grund eines klingenden Glases wie von selbst einstellt. Der inspirierende Geist kriecht mit jedem Schluck aus dem bauchigen Glas und sagt: „Trinke nicht, koste! Lass Dir Tropfen um Tropfen auf der Zunge vergehen! Schule dich, damit das Bouquet in die Nase steigt und die Kehle den Abgang des Weines verfolgt!“ Die Art, wie ich in späten Jahren lernte, den Wein zu geniessen, war ein leuchtendes Beispiel für andere Genüsse. Ein grosser Wein ist eine feine Sache. Seit ich den Rebensaft mit allen Sinnen geniessen kann, änderte und vertiefte sich auch meine Meinung über den Weinbau. Welch grosse Arbeit steckt im Wein! Wie sorgfältig müssen die Reben am Sonnenhang gepflegt werden! Mir wurde mit den Jahren allmählich bewusst, was es braucht, damit der Wein zu einem feierlichen Genuss wird. Die Weinkultur wurde zum Exempel für weitere kleine und grosse Dinge, die nach sorgfältiger Pflege und Bearbeitung verlangen.

Damit man den Wein geniessen kann, braucht es aber vor allem eine feine Zunge. Der französische Philosoph Michel Serres spricht in seinem Werk „Die fünf Sinne“ von drei Zungen. Die erste, die viel redet, nennt er die geschwätzige; die zweite, die klug abwägt und sowohl Menschen und Dinge studiert, gilt ihm als die Zunge des Spürsinns; die dritte ist die Zunge des Geschmacks. Sie ist zugleich die gekrönte Zunge, weil der Geschmack ein Zeichen der Weisheit ist. Natürlich kann ich nicht, auch wenn ich gerne mit der dritten Zunge geniesse, behaupten, ich sei weise geworden. Vielleicht berühre ich aber doch dann und wann den Mantel der Weisheit, die bei den Griechen Sophia heisst.

Ich zwinge mich, der dritten Zunge den Vorzug zu geben. Guter Geschmack bereichert das Leben, guter Geschmack führt zu einem Leben, das den Dingen und den Menschen ihre Würde zuerkennt. Ein Mensch mit Geschmack ist auch ein stilvoller Mensch. Wir reden viel über Stil: Stil in der Mode, der Architektur, der Kunst, Stil in Rede und Schrift. Wer ein gutes ästhetisches Urteil besitzt, hat nach dem Philosophen Immanuel Kant Geschmack. Der Geschmackvolle ist nach Kant der vernünftige und einfühlsame Mensch. Ich glaube, ich könnte den geschmackvollen Menschen an der Art, wie er das Glas beim Anstossen hält und den Wein trinkt, beurteilen und bin sicher, in seinem Antlitz Lebensfreude und Heiterkeit erkennen zu können.

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