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Gesicht und Antlitz

Das vorletzte Heft der Schriftenreihe der Vontobel Stiftung ist dem «Gesicht» gewidmet. Diesmal lautet der Untertitel «Die unwiderstehlichste Sache der Welt». Schon der Zürcher Johann Caspar Lavater (1741-1801) entwickelte eine Physionomik, in dem er Gesichter und Köpfe zeichnete und daraus den Charakter des Menschen abzuleiten versuchte. Mir schien dies Humbug und seine Theorie setzte sich auch nicht durch. Dennoch kann man das Gesicht lesen. Es braucht keine zehn Sekunden, bis es einem sympathisch oder unsympathisch erscheint. Andrea Köhler* widmet dieser «unwiderstehlichsten Sache der Welt» das Heft.

Ich war immer schon eine Art Gesichtsleser. Schon früh habe ich zwischen Gesicht und Antlitz unterschieden und in einem Gedicht das Antlitz einer alten Frau knapp gezeichnet: «Scharf geschnitten / das Gesicht / und verrunzelt, / schön und uralt, / vom Leben durchfurcht / und von schwungvollen / Linien: Ornamente / eines Taufsteins».

Vor einige Tagen besuchte ich eine ältere, kluge, ja weise Frau im Pflegeheim und vermochte daraus ein ganzes Leben zu lesen. Noch jetzt ist die einst junge, schöne Frau in den Zügen des Antlitzes aufgehoben. Es spricht von einem Leben, dessen Geschichten ihr Gesicht in ein sprechendes Antlitz verwandelt haben. Das Gespräch bestätigte die feinen Züge. Es sei nun nicht leicht, im Pflegeheim zu sein, und was sie erwarte, darüber müsse sie nicht reden. Sie nehme ihr Geschick an. Ihr sanftes Strahlen bestätigte, was sie sagte. Sprach sie von früher, erschienen im Antlitz die verschiedensten Gesichter ihres Lebens.

Im krassen Gegensatz zu dieser Begegnung bin ich bei den Nachrichten gezwungen, das Gesicht von Wladimir Putin zu betrachten. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs erscheint es regelmässig im Fernsehen. Es ist ein äusserst banales Gesicht ohne Profil. Es hat auch noch mit 71 Jahren keinen anziehenden Ausdruck. Das Gesicht ist nicht definierbar, sondern langweilig und gewöhnlich. Es ist gleich einer venezianische Männermaske. Putin lügt schon lange und sein Gesicht bleibt noch immer glatt wie seine Rede. Würde man es im Sinne Lavaters Physionomik beurteilen, käme man zum Schluss, er sei harmlos und trivial. Warum ist dieses Gesicht so glatt? Eine Frau meinte, es würde sicher schönheitschirurgisch behandelt und mit Botox bearbeitet.

Ich weiss nicht, ob das stimmt. Ich sehe nur, dass es trotz der verbrecherischen Art, mit der Putin den Krieg führt und das eigene Volk aufhetzt, in seinem Gesicht keine Spuren seiner Taten abgebildet gibt. Damit habe ich gegenüber Lavater ein stichhaltiges Argument, dass man den Charakter nicht nach Gesicht und Kopf beurteilen kann. Wie sollte Putins Gesicht die unwiderstehlichste Sache der Welt sein? Bei Jelzin und Gorbatschow war das anders.

Einen Charakter kann ich erst erkennen, wenn ich ein Gesicht mit der Rede abgleiche. Wort und Ausdruck gehören zusammen. Bei Putin stimmen sie überein: Glattes Gesicht und glatte Lüge. Diese Kombination ist hässlich und es ist mehr als verdächtig, dass es keine Spuren von Falten aufweist. Wie aber wird dieses Antlitz im Alter werden? Die Schönheitschirurgie wird da nicht mehr viel helfen. Das Antlitz wird hässlich sein wie jenes von Hitler und Stalin – in keiner Weise unwiderstehlich anziehend.

*Es würde sich lohnen, die 70-seitige Schrift von Andrea Köhler bei Vontobel zu bestellen wie andere Hefte auch.
Hier geht es zur Vontobel-Schriftenreihe.

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1 Kommentar

  1. Ein Gesicht kann auch eine Maske sein, die Emotionen bewusst versteckt. Heute mehr denn je ist ein makelloses Gesicht der Wunsch vieler, auch schon junger Menschen und die Schönheitschirurgie boomt. Die Deutung eines Gesichts wird deshalb schwieriges und es braucht zusätzliche Attribute, wie z.B. die Körpersprache und die Stimme, um sich einen echten Eindruck eines Menschen zu verschaffen.

    Für mich zeigt Putins Gesicht eine gespaltene Persönlichkeit, manchmal arrogant, beherrscht und feindseelig, dann wieder fast kindlich und verletzlich bis zu traurigen Augenblicken. Putin hat sich mit Akribie ein Konterfei zugelegt, mit dem er sich in der Öffentlichkeit sicher fühlt und seine Gedanken und Absichten unterdrücken kann.
    Ohne seine menschenverachtenden Taten zu entschuldigen, muss man Putin immer auch im Kontext seiner Herkunft und Lebensweges sowie der russischen Geschichte und dem politischen System sehen. Das russische Volk kennt Jahrhunderte voller Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt durch die Herrschenden. Diese Gewaltspirale wurde nur duch die 3-jährige Präsidentschaft Michail Gorbatschows unterbrochen, der die Abschaffung der Planwirtschaft, die Meinungsfreiheit und mit den USA die Abrüstung und das Ende des kalten Krieges einleitete. Damals schien ein demokratischer Rechtsstaat Russland in greifbarer Nähe, doch trotz Verleihung des Friedensnobelpreises an Michail Gorbatschow sollte es nicht so weiter gehen. Wer weiss, wären damals seine Überzeugungen auf fruchtbaren Boden gefallen, hätte vielleicht Putin heute Lachfalten im Gesicht und wir müssten keine Angst vor militärischen Übergriffen haben.

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