28.08.2017 - Linus Baur

Ausgrenzung und revolutionäre Ideale

Zwei Theaterstücke am Zürcher Theater Spektakel, die unsere turbulente Zeit mit Rassismus, sozialer Ausgrenzung und revolutionären Idealen thematisieren.

In „Látszatélet" (Scheinleben) erzählt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó ganz realistisch von zwei Frauenschicksalen, angesiedelt in ein und derselben Sozialwohnung. Da kämpft eine ältere Roma in einem Videoprolog auf Grossleinwand um das Bleiberecht in der Wohnung, die zwangsgeräumt werden soll. Ihre einzige Waffe: die eigene Geschichte und die, von ihrem verstorbenen Mann und von ihrem Sohn, der sie verlassen hat, weil er es satt hat, immer der Andere, der Ausgestossene, der Roma zu sein. Später dann – die Leinwand wurde hochgezogen - bricht sie in ihrer Wohnküche vor den Augen jenes Beamten zusammen, der sie zum Auszug zwingen will. Sie wird im Krankenhaus sterben, wie man erfährt. Sofort wird die Wohnung wieder vermietet, diesmal an eine junge Frau, die noch ihren kleinen Sohn hineinschmuggeln wird. Dass da Geld und Arbeitsprobleme sind, wird schnell deutlich, dass sie Kontakt mit gewalttätigen Männern hat, sieht man an ihrem geschundenen Körper.

Ausgegrenzt: die neue, junge Mieterin in der zerstörten Sozialwohnung.

Wie so oft erzählt Kornél Mundruczó auch in dieser Produktion wieder von den Brennpunkten der ungarischen Gegenwart, von Rassismus, Gewalt und Gentrifizierung, vom Überlebenskampf und sozialer Ausgrenzung. Doch anders als sonst in seinem Theater, das selten ohne rohe Gewalt, Vergewaltigung und nacktem Fleisch auskommt, bleibt der Regisseur diesmal dezent. Doch dann, in der Mitte des Stücks, beginnt sich plötzlich der gerade menschenleere Bühnenkasten in Zeitlupe vertikal einmal um sich selbst zu drehen, sodass alle Möbel, Elektrogeräte, Waschmaschinen und Schrankinhalte durcheinanderfliegen. Nichts bleibt wo es ist und man selbst sieht minutenlang der langsamen Zerstörung einer Lebenswelt zu. Die junge Frau wird sich mit ihrem Sohn in dieser zerstörten Welt einrichten, ihr bleibt nichts anderes übrig. Kornél Mundruczó hat ein starkes Bild gefunden für das, was gerade vielerorts passiert. Man wird es so leicht nicht vergessen. (Pavillon Werft, 26. – 28.8.)

Die politischen Ideale einer Revolution

Der argentinische Geschichtenerzähler und Regisseur Mariano Pensotti erzählt in «Arde brillante en los bosques de la noche» (Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht) die Geschichte dreier Frauen von heute und ihrer revolutionären Verbindungen. Eine Professorin unterrichtet an der Universität Seminare zur Russischen Revolution und ist mit der Tatsache konfrontiert, dass in ihrem Leben revolutionäre Gedanken schon lange keine Rolle mehr spielen. Eine Revolutionärin, die viele Jahre Teil des Guerillakampfes in Kolumbien war, kehrt in ihre deutsche, ihr längst fremd gewordene Familie zurück, in der alle arbeitslos sind und die gescheiterte Kämpferin idealisieren. Eine Journalistin einer politischen Fernsehsendung feiert ihre Beförderung und reist in den Norden Argentiniens, wo Nachfahren von russischen Emigrantinnen, die nach der Revolution 1917 flüchteten, als Stripper und Callboys für Frauen aus der Mittelschicht arbeiten.

Unterschiedliche Frauengeschichten, kunstvoll verflochten (im Bild der erste Teil als Puppentheater). (Fotos: Theater-Spektakel)

Mittels Puppentheater, Schauspiel und Spielfilm werden diese unterschiedlichen Geschichten miteinander verbunden: Ereignisse aus einer Episode führen zu Veränderungen im Leben der Figur in der darauffolgenden. Wie können politische Ideale im Alltag umgesetzt werden? Welche Ideen der Russischen Revolution sind noch aktuell? Welche Auswirkungen hatte sie auf das heutige Argentinien? Mariano Pensotti zeigt ein ebenso humorvoll wie intelligent gebautes Stück, das utopische Ideale und Realitäten gekonnt auf die Schippe nimmt. (Pavillon Nord, 25. – 27.8.)

Das Theater Spektakel auf der Zürcher Landiwiese bietet noch bis 3. September ein Panoptikum an innovative Formen von Theater, Tanz, Musik, Performance und Zirkus an. Mit von der Partie sind Künstlerinnen und Künstler aus über 25 Ländern.

Mehr unter theaterspektakel.ch

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