04.09.2017 - Bernadette Reichlin

Zähne nagen auch an der Seele

Wer musste sich im Leben nicht schon mal durchbeissen, einem Gegenüber die Zähne zeigen oder zähneknirschend etwas akzeptieren. Hoffentlich ohne Spätfolgen.

Regelmässiges Zähneputzen ist wichtig, das wird einem bereits als Kind eingetrichtert. Aber richtiges Atmen? Der Zahnmediziner und Kieferorthopäde Hubertus von Treuenfels zeigt in seinem Buch "Gesund beginnt im Mund" auf, wie eng der "richtige Biss" und allgemeines Wohlbefinden zusammenhängen.

Dabei beginnt er bei sich selber – und in einem sehr frühen Stadium: Im siebten Schwangerschaftsmonat hatte seine Mutter einen Unfall. Als Folge davon hatte der (zu) kleine Hubertus nach seiner Geburt Mühe mit Saugen, entwickelte sich nur langsam und blieb schwächlich. Dem grossen Hubertus waren also die Probleme rund um den Mund quasi in die Wiege gelegt worden und er wusste schon früh, was er werden wollte: Zahnmediziner.

Ein unterhaltsames Sachbuch

Diese Einführung zeigt bereits auf, wie von Treuenfels seine Arbeit – und auch sein Buch – angeht: Nah am Menschen, die Theorie immer mit praxisnahen Beispielen verknüpft, kein Fachchinesisch, dafür viele Denkanstösse, die auch Nicht-Zahnmediziner verstehen. Entstanden ist so statt eines trockenen Fachbuches eine recht vergnüglich zu lesende Lektüre zur grössten Körperöffnung des Menschen, dem Mund. Zunge, Zähne und Kiefer mit eingeschlossen.

Diese "Durchgangsstation" zwischen aussen und innen, zwischen Intimität und Umwelt ist ja viel mehr als nur ein Schlitz, durch den man die zum Leben benötigte Nahrung in den Körper schiebt und den man manchmal recht weit aufreissen kann. Schmecken, Atmen, Sprechen und Kommunizieren mittels Mimik und Artikulation spielen im Leben eine zentrale Rolle.

Der Mund ist mehr als ein Schlitz. durch den Nahrung in den Körper gestopft wird. Unter anderem ist er auch eine erogene Zone.

Im Mund findet sich nach Treuenfels das komplexeste Nervenzentrum des Menschen, von Zunge und Zähnen führen Nervenbahnen zu Hirn und Bauch. Der Mund ist Tor zur Lunge, Zugangsschleuse nicht nur für Nahrung, auch für die meisten körpereigenen Bakterien, aber auch ein Sinnes- und Reizzentrum und nicht zuletzt erogene Zone.

Ganzheitliche Zahn- und Kiefermedizin

All das wird von jedem Menschen, wenn auch unbewusst, so wahrgenommen. Wer einmal eine Nacht lang Zahnschmerzen hatte, weiss, wie verspannt der Rücken am Morgen ist, wie selbst die Beine schwer sind und dass weder Hungergefühl noch Verdauung mehr richtig funktionieren. Wer erkältet ist, dem schmeckt auch das beste Essen irgendwie nach Karton und umgekehrt, ohne das sinnliche Erleben beim Essen zum Beispiel einer Schokoladenmousse, könnte man sich viel leichter nur von gesunder Kost ernähren. Und wer hat nicht schon das befreiende Gefühl erlebt, das sich bei herzhaftem Lachen einstellt.

Atemkontrolle lindert Beschwerden

Aber all das sind nur die Präambeln zu den wirklich relevanten Themen, die dem Kieferorthopäden wichtig sind: Gesunde Zähne dank guter Zahnhygiene und ein Gebiss ohne Fehlstellungen. Und jetzt kommt sein interessanter Ansatz: Viele kieferorthopädische Verformungen führt er, nebst Faktoren wie Vererbung, Geburtskomplikationen, Gewohnheiten – Nuggi, Daumenlutschen – auch auf Atmungsstörungen zurück. Genauer gesagt auf die Mundatmung.

Bereits kleinere Kinder sollten dazu angehalten, durch die Nase zu atmen. Die Zähne fallen aber trotzdem aus – wenigstens bei den Erstklässlern. (Bernadette Reichlin)

Wer durch den Mund atmet, provoziert eine Fehlhaltung, die sich auf Kiefer, Zunge , Lippen und Zahnstellung auswirkt. Deshalb sollte bereits bei Babys und Kleinkindern der Luftweg über die Nase freigehalten werden, also das Nesenputzen geübt werden. Wer richtig durch die Nase atmet, so von Treuenfels, der verbessert damit seine ganze Körperhaltung und beugt, dank richtiger Lage der Zunge, Kieferfehlstellungen nicht nur vor, sondern kann die auch korrigieren.

Zahnschiene hilft bei Drehschwindel

Das gilt bei weitem nicht nur bei Kindern. Von Treuenfels berichtet von einer 70-jährigen Patienten mit extremem Drehschwindel, die dank einer ihr nächtliches Zähneknirschen verhindernde Zahnschiene nach zehn Tagen bereits beschwerdefrei war. Nicht nur die Kiefermuskulatur wurde durch das einfache Hilfamittel gelockert , auch Nacken- und Rückenmuskulatur waren deutlich entspannter. Deshalb: Atmen durch die Nase verhilft zu einem harmonischen Gesichtsausdruck, enspannt den ganzen Körper, unterstützt die Körperfunktion und stärkt die Nerventätigkeit – ein interessantes Wechselspiel von Mund, Körper und Seele.

Hubertus von Treuenfels: gesund beginnt im Mund. Warum Zähneknirschen zu Rückenschmerzen führt und Lachen den Blutdruck reguliert. 240 Seiten, broschiert. Erschienen 2017. ISBN 978-3-426-65800-0.

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