Maieriesli im Wald

Der Garten im Mai. Der Mai hat als Wonnemonat dieses Jahr kläglich versagt, das lässt sich heute schon sagen. Ausser bei den Bauernregeln. Denn da soll Maienregen Segen bringen.

Kälteeinbrüche, weit über die Kalte Sophie hinaus, Niederschläge bis hin zu Überschwemmungen, zur Abwechslung mal ein Gewitter mit, wie könnte es anders sein, starkem Regenfall – als Wonnemonat hat der aktuelle Mai ganz sicher keine Medaille verdient.

Und, geht man nach den alten Bauernkalendern, kommt es kaum besser in den nächsten Wochen. Denn: «Wie Christus in den Himmel fährt, zehn Sonntage noch das Wetter währt». Und Auffahrt war ja kein besonders strahlender Tag. Dann wird nachgedoppelt: «Wenns am Pfingstsonntag regnet, so regnets noch 40 Tage».

Regen, positiv gesehen

Aber genug der Miesepeterei. Denn alle diese Lostage gehören zu beweglichen Festen, sind also nicht an ein festes Datum gebunden. Und da kann sich eine Bauernregel sicher mal irren. Und Mairegen, so steht es in vielen Kalendern, ist den Bauern willkommen. «Der Maien nass, füllt Scheune und Fass», heisst es da etwa.

Und auch für ungeduldige Freizeitgärtner, zu denen ich sehr gehöre, ist ein eher kühler Frühlingsmonat gar nicht so schlecht. Die Versuchung, wärmebedürftige Pflanzen wie Bohnen, Mais, Tomaten, Gurken und Zucchetti  bereits vor den Eisheiligen zu säen und zu pflanzen, ist, angesichts schlechter Wetterprognosen, deutlich kleiner als bei stabilem schönen Maienwetter. Wie oft schon musste ich solche «Südländer» im Juni ersetzen, weil die «Schafskälte» oder sonst ein Kälteeinbruch sie eingehen liess.

Der süsse Frühlingsduft

Einem Frühlingsboten hat der wettermässig durchzogene Mai zudem sehr gefallen, dem Maieriesli. Auf langen, starken Stengeln hängen die weissen Glöckchen und duften süss. Der Duft erinnert mich immer an eine Nachbarin aus meiner Kindheit, eine strenge, alte Dame, die fast unpassend süss nach Maiglöckchen roch. Es gibt aber noch eine andere, weit angenehmere Erinnerung: Als ich im Mai meine Tochter bekam – ein Mädchen nach drei Buben! – da wurde ich im Spital mit Maieriesligestecken förmlich überschüttet. «Da riecht es ja wie im P… – äh, wie in einer Parfümerie», rief eine Krankenchwester spontan aus, als sie zum ersten Mal das Zimmer betrat. Und meine Tochter bekommt von mir jedes Jahr einen Maiglöckchenstrauss zum Geburtstag.

Wer einmal Maieriesli im Garten hat, braucht sich um sie nicht mehr zu sorgen, eher das Gegenteil. Sie breiten sich dank ihrer unterirdisch kriechenden Wurzelrhizome freudig aus und müssen bald einmal eingedämmt werden. Deshalb platziert man die kleine Schönheit aus der Familie der Liliengewächse am besten von Anfang dort, wo sonst nicht viel wächst: Im Schatten unter Sträuchern und an dunklen Stellen. Andere Schattenpflanzen wie Funkien, Farn oder Immergrün können sich gegen die zähe Kleine behaupten und sonst wächst dort ohnehin nicht allzuviel.

Wer kleine Kinder im Garten hat, sollte mit Maiglöckchen vorsichtig umgehen und sie etwas abgrenzen. Denn die weisse Unschuld ist hochgiftig. Ich schneide deshalb im Mai immer viele schöne Sträusschen und enferne später die restliche Blütenstengel radikal. Im Sommer bilden sich daran nämlich verlockend rote Beeren, die auf keinen Fall in Kinderhände gelangen dürfen.

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