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Wenn aus einer Wiese eine eigene Stadt wird

Noch ist die Münchner Theresienwiese eine riesige Baustelle. Doch am 19. September startet das 191. Oktoberfest mit dem traditionellen Anstich. Was es braucht, damit aus einer Wiese eine eigene Stadt wird, hat Seniorweb auf einer Baustellenführung erfahren.

Noch riecht es nicht nach gebrannten Mandeln, Bratwürsten und Urin. Noch dröhnt keine Blasmusik über den Platz, kein «Oans, zwoa, gsuffa!» ist zu hören. Stattdessen kreischt eine Kreissäge. Ein Gabelstapler piepst beim Rückwärtsfahren und verfehlt einen von 160 Elektroverteilkästen nur knapp. Über die Wiesn schwenkt der Arm eines Krans, an dessen Haken ein gewaltiger Balken hängt, offenbar der First eines Bierzelts.

Wer Anfang September (mit einer Bewilligung) die Wiesn betritt, steht nicht auf einem Festplatz. Er besucht eine Grossbaustelle. Helm und Schutzweste erhalten wir bei der Einlasskontrolle. Während neunzig Minuten führt uns Gabriele über das Areal. Die Gästebetreuerin ist ein wandelndes Lexikon, wenigstens was die Geschichte, die technischen Details und die gastronomische Praxis des Oktoberfests betrifft. «Dieses Jahr werden 190 Gastronomie-Betriebe und 182 Marktfahrbetriebe erwartet», weiss sie zu berichten.

Vor dem Hofbräu- Festzelt.

Auf einer Baustellenführung von «München Tourismus» bekommen wir zu sehen, was sonst hinter Bauzäunen und Absperrungen verborgen bleibt. «Da vorne kommt das Zelt hin», erklärt Gabriele. Ein Satz, der auf der Baustelle zunächst seltsam klingt. Denn das, was später als gemütliches Bierzelt erscheint, beginnt als ein riesiges Puzzle aus Stahl, Holz und vorgefertigten Bauteilen. Die Strassen zwischen den Zelten wirken in der Aufbauzeit ungewohnt breit. Wo sich später Festbesuchende drängen, zeigen heute rote Linien an, wo Fussgänger gehen oder stehen dürfen.

Minutiöser Aufbauplan

Die Wiesn entsteht nicht spontan. Sie wächst nach einem detaillierten Plan. Die Unterlage ist mehrere hundert Seiten dick und von den Behörden abgesegnet. Zuerst werden die grossen Festhallen entlang der Budenstrasse aufgerichtet. Riesige Laster rollen an, entladen Balken, Wandteile und Gerüste. Gabelstapler bringen das Material an seinen vorgesehenen Platz. Hebebühnen fahren in die Höhe. Und während unten noch geschraubt wird, setzen die Arbeiter über den Köpfen bereits die nächsten Elemente zusammen. Pro Zelt werden nach Angaben von Gabriele rund 80 Kilometer Kabel verlegt. 1,6 Millionen Einzelteile (ohne Schrauben und Muttern) sollen verbaut werden.

Ein Gabelstapler transportiert Holzbalken.

Im Volksmund spricht man von «Zelten». Doch wer davorsteht, erkennt schnell: Mit einem Campingzelt haben die Gebäude etwa so viel zu tun wie ein Ozeandampfer mit einem Schlauchboot.

Zunächst entsteht das Gerippe. Pfosten werden aufgestellt, Träger miteinander verbunden, Dachkonstruktionen montiert. Erst allmählich bekommt der Bau seine Gestalt. Wände werden eingesetzt, Böden verlegt, Balkone montiert. Die Plache ist genäht und setzt sich aus mehreren Teilen zusammen. Sie muss wasserdicht sein.

Blick in das Hacker-Festzelt.

Dann beginnt der Innenausbau.

Wo später Tausende Menschen auf Bierbänken stehen werden, liegen Kabelrollen und Werkzeugkästen. Elektriker ziehen Leitungen, Schreiner montieren Verkleidungen. Bodenleger arbeiten sich Quadratmeter für Quadratmeter vor. In manchen Hallen hängen die ersten Dekorationen bereits von der Decke, während wenige Meter weiter noch eine Hebebühne surrend an die Dachkonstruktion fährt.

Engel Aloisius hängt (noch) nicht im Himmel, aber im Hofbräuhaus-Zelt.

Für die grossen Festzelte ist der Materialaufwand gewaltig. Pro Zelt sind nach Angaben aus der Wiesn-Logistik schätzungsweise 70 bis 100 LKW-Ladungen nötig. Dazu kommen kilometerlange Kabel sowie Gas- und Wasserleitungen.

Ende Juli tauchen die ersten Wahrzeichen auf. Plötzlich steht auf der Wiesn ein Turm, den jeder Besucher, jede Besucherin kennt. Der Masskrug auf dem Paulaner-Turm erscheint über dem Baugeschehen. Auch der Löwe der Löwenbräu-Brauerei bekommt seinen Platz. Noch brüllt er nicht, noch fehlt ihm das Bier.

Wenn die Wahrzeichen stehen, dann steigt das Fieber.

Für die Münchnerinnen und Münchner sind diese Figuren fast so etwas wie ein Kalenderblatt: Wenn sie auf der Theresienwiese auftauchen, dann ist das Oktoberfest nicht mehr weit. Langsam wächst die Vorfreude, das Fieber der echten Fans steigt.

Doch noch ist im Inneren der großen Zelte von Folklore wenig zu spüren. Hier herrscht Baustellenrhythmus. Ein Arbeiter misst nach, ein anderer schraubt, ein dritter weist einen Staplerfahrer ein. Die Küchen mit Schenktischen und Spülstationen entstehen, die Toiletten werden gestellt und angeschlossen.

Besonders wichtig: ausreichend Toiletten fürs Publikum.

Gegen Schluss werden die Dekorationen, Beleuchtungen, die Podien der Kapellen und die Musikinstallationen aufgebaut. Die Wiesn ist nicht nur ein Festplatz. Sie ist eine temporäre Infrastruktur von enormer Komplexität.

Die Grilldekoration wartet auf eine Montage an der Zeltfassade.

Dann verändert sich das Bild der Baustelle erneut. Nun kommen die Fahrgeschäfte: Zuerst treffen die Hochfahrgeschäfte ein: Achterbahnen, Riesenrad und Wasserbahn. Anfang September folgen Autoscooter, Geisterbahnen, Rundfahrgeschäfte, Rutschbahnen, Kettenflieger und weitere Attraktionen.

Ohne Wurst-Werbung geht es nicht.

Ein Fahrgeschäft kommt nicht als fertige Maschine auf die Wiesn. Es kommt in Teilen. Auf Tiefladern liegen Stahlträger. Auf anderen Fahrzeugen warten Gondeln, Plattformen, Schienenstücke oder riesige mechanische Elemente. Noch wirkt alles wie ein gigantischer Metallbaukasten. Kräne heben schwere Teile an ihren Platz. In luftiger Höhe verbinden Monteure Stahl mit Stahl. Schrauben werden kontrolliert, Sicherungen angebracht. Jeden Tag wächst die Konstruktion weiter.

Sicherheit wird grossgeschrieben

Geübt wird auch die Sicherheit. Ein Rettungsfahrzeug fährt vorbei. Zwei Dutzend uniformierte Rettungssanitäterinnen und -Sanitäter treffen für eine Übung ein. Die Aicher Ambulanz verfügt auf dem Gelände über drei Notfallstationen. 400 Polizeibeamte werden den Zutritt und Betrieb sichern. 200 sind in Uniform, 200 zivil unterwegs.

Achtung Ambulanz: Rettungssanitäter üben den Notfall.

Für die technische Sicherheit ist der «TÜV Süd» zuständig. 40 Mitarbeitende  überwachen laut Gabriele seit Juli den Aufbau des grössten Volksfests der Welt. Sie prüfen, ob die Zelte, Küchen, Toiletten, die Fahrgeschäfte entsprechend den technischen Vorgaben errichtet werden. Sind alle tragenden Teile richtig montiert? Stimmen die Verbindungen? Funktionieren Bremsen und Sicherheitseinrichtungen? Sind Schutzvorrichtungen vorhanden? Arbeiten die Notstop-Systeme?

Nun stehen die Zelte, Buden, Imbiss- und Verkaufsstände, die Spiel- und Fahrgeschäfte. Es kann losgehen. Am Samstag 19. September 2026, punkt 12 Uhr mittags, wird das 191. Oktoberfest mit dem traditionellen Anstich eröffnet. Der Grossanlass endet am 4. Oktober 2026 um 23 Uhr.

Noch ist der Eingang geschlossen, aber in einer Woche gehts los.

Unsere Baustellenführung hat ein eigentliches Wunder offenbart: Das Oktoberfest wird nicht einfach eröffnet. Es wird jedes Jahr neu erfunden – aus Holz, Stahl, Schrauben, Kabeln, Leitungen und der Arbeit unzähliger Hände. Die Ausgabe 2026 wird weniger durch eine radikale Neuerfindung geprägt als durch einen interessanten Mix aus Tradition und Modernisierung.

Zahlen der Oktoberfeste 2025 / 2024

  • Gäste: 6,5 Millionen (2024: 6,7 Millionen)
  • Bier: 6,5 Millionen Mass ausgeschenkt (2024: 7 Millionen)
  • Wiesn-Fundbüro: 4500 Fundsachen (plus 10% gegenüber 2024)
  • Krug-Klau: rund 116’000 Masskrüge eingesammelt (2024: 98.000)
  • Energie: 2,8 Millionen kWh Strom verbraucht (gleich viel wie 2024)
  • Müll: rund 764 Tonnen Müll entsorgt (2024: 872)

Titelbild: Auf der Baustelle gilt Helm- und Gilet-Pflicht ohne Ausnahme. Alle Fotos PS.

LINK

191. Oktoberfest 


Vergabestreit

Noch knapp eine Woche bis zum Anstich auf der Wiesn – und vor Gericht wird gestritten, wer mitkassieren darf. Vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht wurde am Freitag  verhandelt, ob die begehrten grossen Bierzelte nach europäischem Vergaberecht zugeteilt werden müssen. Zumindest nach vorläufiger Einschätzung des Gerichts ist der Nachprüfungsantrag von Wirt Alexander Egger  „unzulässig“. Die Frage der Zeltvergabe wird damit nach aktuellem Stand zunächst nicht an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) weitergereicht. Egger betrieb bisher ein kleines Zelt und forderte 2026 ein grosses. Nun ist der streitbare Wirt mit seiner Bewerbung vorläufig gescheitert. (PS)

Bericht über das Oktoberfest 2025

«Ein Prosit der Gemütlichkeit!»

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