FrontKulturDer Minotaurus in Dürrenmatts Labyrinthen

Der Minotaurus in Dürrenmatts Labyrinthen

Eine ungewöhnliche Annäherung im Centre Dürrenmatt Neuenburg

„Balades avec le Minotaure“ oder „Auf den Spuren des Minotaurus“ nennt sich die neueste Ausstellung im allein für sich schon sehenswerten Centre Dürrenmatt (CDN), hoch über dem Neuenburger See. Der bekannte Schweizer Architekt Mario Botta hat Anbau und Umgestaltung der alten Villa Dürrenmatts als Auftragswerk der Schweizerischen Eidgenossenschaft im Jahre 2000 abgeschlossen. Er handelte dabei im Willen  und Wunsch der Schauspielerin und Regisseurin Charlotte Kerr Dürrenmatt, der zweiten Frau des Schriftstellers, welche das Centre von Anfang an, bis zu ihrem Tode im Dezember 2011, ideell begleitet hatte. Seit der Eröffnung im Jahre 2000 steigen die Besucherzahlen des Centre stetig an und liegen derzeit bei rund 10’000 Besuchern jährlich. Es wird bis heute geleitet von Janine Perret Sgualdo.

Bottas angedocktes Raumschiff

Der bei meinem Besuch lastende Hochnebel über Neuenburg liess den Botta-Bau wie ein gelandetes, an die alte Villa angedocktes Raumschiff erscheinen. Über dem silbergrauen Granit der Terrasse schimmerte ein silbriger Himmel. Doch kaum betrat man die hellen Innenräume des Heiligtums – denn ein Hauch davon liegt hier über allem – wechselte die Farbpalette rapide. Gleich eingangs erstaunte ein mit grellbunten Wesen völlig ausgemaltes Kaphäuschen – in dem eine alte Toilettenschüssel thront. Dürrenmatt hatte den Raum, der wirklich seine eigene Toilette in der Villa gewesen war, ironisch „Sixtinische Kapelle“ genannt – heute also ein Kultgegenstand des Trivialen – wie einst bei Marcel Duchamp, hier aber, man möchte fast sagen: voller Saft und Kraft. Wie Dürrenmatt eben.

Das Labyrinth als Metapher des Menschseins

Diese Selbstironie begleitet vor allem Dürrenmatt’s bildnerisches Werk in vielen Facetten. Doch die den Anstoss zur vorliegenden Ausstellung gebende, grosse literarische und bildnerische Werkeinheit „La ballade du Minotaure“ von 1984/1985 ist erfüllt vom hilflos brüllenden Schrecken der im Labyrinth ihrer selbst eingekerkerten Kreatur, in einem verwirrend reflektierenden Spiegelgehege, welches nur das eigene, einsame  Abbild hundertfach  zurückwirft.  Eins zu eins ist das, steht stellvertretend für Dürrenmatt selbst, ganz ohne Ironie. Dürrenmatt kehrte die Rollen der antiken Sage um, sah sich nicht in der Rolle der geopferten Mädchen, sondern als im Labyrinth gefangene, stierhafte Kreatur mit all ihrer von der Natur zugewiesenen  Gewalttätigkeit, ihrer Lust und Begierde. Zeichnungen wie „Minotaurus, beinahe ein Mensch“ oder „Minotaurus, ein Frau vergewaltigend“ sprechen eine deutliche Sprache. «Der Minotaurus tanzte durch sein Labyrinth, durch die Welt seiner Spiegelbilder, er tanzte wie ein monströses Kind, er tanzte wie ein monströser Gott durch das Universum seiner selbst, durch den Minotaurenkosmos.» (Aus «Minotaurus. Eine Ballade»)

Gegenüber den Autographen des Prosagedichtes in Dürrenmatts  ziselierter Schönschrift hängen die zugeordneten schwarzweissen Tuschebilder, welche gleichzeitig mit dem Text entstanden sind – übrigens eine Einmaligkeit in Dürrenmatts Schaffen. Dieser Eröffnungs-Raum, der zur eigentlichen Ausstellung hinleitet, führt die Dualität im Werk  Dürrenmatts eindringlich vor Augen. Es ist, als blickten alle diese stierköpfigen, gefangenen Monster beschwörend hinüber zur  gegenüberliegenden Wand, hin zu den ihnen zugehörigen Worten. Die sie aber auch nicht erlösen werden . „Der Hass kam über ihn, den das Tier gegen den Menschen hegt, von dem das Tier gezähmt, missbraucht, gejagt, geschlachtet, gefressen wird, der Urhass, der in jedem Tier glimmt.“ Dazu erklingt Dürrenmatts eigene Stimme in Charlotte Kerr’s Film „Porträt eines Planeten – Friedrich Dürrenmatt“ von 1984.

Konstellationen rund um den Planeten  Dürrenmatt

Dieser Planet Dürrenmatt bildet den roten Faden der Ariadne hinunter in den dunkelbraun, orkushaft gehaltenen Haupt-Ausstellungsraum, wo ähnlich einem Amphitheater  gegen 150 einschlägige bildnerische Werke verschiedener Künstler aus mehreren Jahrhunderten wie Planetenkonstellationen kreisen. Angeführt von den wohl berühmtesten Minotaurus-Darstellungen der Moderne, Pablo Picasso’s Radierungen, werden Dürrenmatts Bildern auch Werke von u.a. Giovanni Battista Piranesi über Francisco de Goya, Paul Klee und André Masson beigesellt. Den beiden Schweizer Ausstellungs-Kuratoren, dem  Kunsthistoriker Juri Steiner (bekannt auch als Gesprächspartner in der „Sternstunden“-Reihe des Schweizer Fernsehens), und dem Schriftsteller und Philosophen Stefan Zweifel (ebenfalls u.a. vom SF her bekannt, Leiter des „Literaturclubs“) verdanken wir hier aber auch die eindrückliche Bekanntschaft mit wenig gezeigten Schweizer Werken. Allen voran wäre da Max von Moos zu nennen, der Dürrenmatt nahe gestanden und  sich wie kaum ein anderer Schweizer Künstler mit dem Thema Angst auseinandergesetzt hatte – eine Art moderner Hieronymus Bosch. Und natürlich, noch enger mit Dürrenmatt freundschaftlich verbunden, Varlin, dem wir neben anderem auch ein meisterhaftes, grosses Porträtbild Dürrenmatts verdanken. Filmische Arbeiten wie Mary Wigmanns berühmte Aufzeichnung von „Hexentanz“ (1929) oder Federico Fellinis „Satyrikon“ (1969) sowie viele Fotos aus Dürrenmatts Leben, meist aus dem Archiv des CDN, ergänzen die Ausstellung.

Fast ein Gesamtkunstwerk

„Eine Ballade anbieten, ohne enzyklopädischen Anspruch, ohne akademische Absicherung“ wollten die beiden mutigen Kuratoren – in ihrer klugen, reflektierenden Annäherung ein Glücksfall für die Ausstellung, welche so zu einem eigentlichen Gesamtkunstwerk wird – wenn man davon absieht, dass Musik (leider) ausgeschlossen bleibt. In einer Art von  traumwandlerischer Subjektivität wirbeln sie hier jegliche Chronologie durcheinander und setzen zu grossen thematischen Sprüngen an. Wer bereit ist, sich dem auszusetzen, gewinnt manche neue Einsicht an der Grenze von Kunst, Ethos und Unbewusstheit. Und wenn zum Abschluss, noch einmal im Charlotte Kerr’s Film, Dürrenmatt in einer schweizerischen Zucht- und Besamungsanstalt über die Möglichkeit scherzt, auch einmal „Dürrenmatt millionenfach“ klonen zu können, kann man sich als Besucher nur schaudernd von diesem gewaltigen Minotaurus abwenden und sagen: Ein Dürrenmatt reicht. Er ist ja schon millionenfach vorhanden.

Ein ungewöhnlich schön gestalteter Katalog in Leporelloform (deutsch und französisch) ergänzt die Ausstellung. 6. Dez. 2013 bis 9. März 2014.

Foto: Simon Schmid

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Minotaurus. Eine Ballade VII, © CDN Schweiz. Eidgenossenschaft

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