FrontGesellschaftAuslandskorrespondent – ein Traumberuf

Auslandskorrespondent – ein Traumberuf

Radio SRF beschäftigt eine beachtliche Zahl an Korrespondenten, die direkt aus dem Ausland berichten. Alle zwei Jahre treffen sie sich in Bern, diesmal anfangs Juni.

Am 4. Juni lud Radio SRF 1 (früher DRS 1) zum «Tag des Auslandskorrespondenten» ins Museum für Kommunikation Bern ein. Bekanntlich hat das Schweizer Radio, auch im europäischen Vergleich, einen grossen Kreis von Auslandsberichterstattern, und diese geniessen einen sehr guten Ruf. Seniorweb befragte einige von ihnen über ihre Tätigkeit. Ganz klar stellte sich heraus: Das ist ihr Traumberuf! Reisen zu können, ferne Länder, für die sie sich zum Teil schon als Jugendliche sehr interessiert hatten, fremde Menschen und Gebräuche kennenzulernen, kurz: den eigenen Horizont zu erweitern und davon zu berichten, darin liegt eine grosse Faszination. «Es ist ein Privileg, so zu arbeiten, zu 90% Vergnügen», sagte Martin Alioth, langjähriger Berichterstatter aus Grossbritannien und Irland.

Auf der anderen Seite haben alle Korrespondentinnen und Korrespondenten ein sehr grosses Arbeitspensum. Sie sind allein vor Ort, müssen täglich, oft mit grosser Zeitverschiebung, in Kontakt stehen mit der Nachrichtenredaktion in Bern und nicht selten einen Beitrag in kurzer Zeit fertigstellen. Das Radio ist ein Medium der gesprochenen Sprache. Das bedeutet auch, dass ein Bericht nicht nur präzise formuliert und gut gesprochen, sondern auch leicht verständlich sein muss. Martin Alioth erklärte, dass sich im Radio durch eine kurze Toneinspielung der emotionale Gehalt einer Situation viel direkter vermitteln lasse als in den gedruckten Medien.

Welchen Stellenwert haben die Auslandskorrespondenten für die Schweiz? Gerade für ein kleines Land inmitten von Europa ist der Kontakt nach aussen sehr wichtig, gab Massimo Agostinis zu bedenken. Die Schweiz hat traditionsgemäss viele wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Bande in zahlreiche Länder, deshalb sollte sie sich auch fundiert informieren. Das Radio kann im Originalton, lebendig und nah an den Menschen, berichten. Ein Korrespondent kann mehr von Land und Leuten zeigen, als Touristen sehen können, erklärte Bruno Kaufmann, Korrespondent in Nordeuropa.

Auf die Frage, welche Voraussetzungen ein guter Auslandskorrespondent erfüllen müsse, erklärte Martin Alioth: Erstens eine gute, fundierte Ausbildung, nicht nur in Medienwissenschaften; strenge Disziplin, denn direkte Vorschriften vom Chef nebenan gebe es nicht, alles müsse man selbst organisieren; schliesslich nebst Offenheit und Interesse für andere Menschen und Länder auch Leichtigkeit im Knüpfen von Kontakten. Beiträge fürs Radio seien schnell verfasst, aber oft auch schnell vergessen, deshalb seien zu viel Selbstkritik und übermässiges Feilen am Text nicht förderlich.

Italienkorrespondent Massimo Agostinis berichtete, dass ihm sein erstes Jahr in Rom unerwartet schwer gefallen sei. Halb Italiener, halb Schweizer, hatte er sich bewusst vorgenommen, seinen italienischen Wurzeln nachzuspüren, denn bisher hatte er das Land seines Vaters nur auf Ferienreisen kennengelernt. Nie hätte er gedacht, dass es so schwierig sein könnte, sich in Rom ein Büro einzurichten. Einen Laden zu finden, wo er Nägel kaufen konnte, war schon ein grosses Unternehmen. Obwohl er gut Italienisch sprach, bereitete ihm anfangs sogar die Zeitungslektüre Mühe, denn die italienischen Journalisten pflegen einen eigenen Stil, der mit vielen Anspielungen auf Früheres arbeitet, was schwer zu verstehen ist, wenn man damals noch gar nicht im Lande war.

Inzwischen ist Massimo Agostinis längst über diese Anfänge hinaus, er schätzt die Freiheiten seiner Tätigkeit, auch wenn er darauf achten muss, nicht zu viel zu arbeiten. Auf die Frage nach Schattenseiten bemerkte er, das Land Italien zu betrachten, sei desillusionierend, die italienische Gesellschaft befinde sich in einem Zustand wachsender moralischer, politischer und wirtschaftlicher Zerrüttung. Das zu beobachten, stimme traurig.

Aus den Niederlanden berichtet Elsbeth Gugger. Sie erzählte, dass sie seit Jugend aus den Schweizer Bergen hinaus ins flache Holland habe ziehen wollen. Ihre Arbeit wird durch die Berichterstattung vom Internationalen Gerichtshof (ICC) in Den Haag bereichert, den sie als Errungenschaft der Menschheit bezeichnet. Die Ausweitung auf dieses Gebiet sei allerdings von der Sache her nicht immer leicht zu ertragen. Zudem verlaufen diese Prozesse nie so, wie sie anfangs vorgesehen seien. Das Jugoslawientribunal begleitet sie seit 1993. Sie selbst kannte die Verhältnisse im Balkan nicht gut genug, deshalb war ihr die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Korrespondenten in Belgrad Walter Müller hilfreich. Für die Verhandlungen im Ruanda-Tribunal kann sie mit der Hilfe von Patrick Wülser rechnen.

Seit Teenagerzeiten wünschte sich Karin Wenger, Südasienkorrespondentin, hinaus in die Welt zu ziehen und darüber zu berichten. Dass es nun der riesige Raum von Afghanistan, Indien, Sri Lanka ist, bezeichnet sie als zufälliges Glück, denn sie kannte diese Länder vorher nicht. Im Kreise der Auslandsberichterstattenden ist sie die jüngste. Frauen sind in der Minderheit. Unterschiedliche Welten zu entdecken, Land und Leute kennenzulernen, seien für sie Herausforderung und Geschenk. Sie schwärmt von der riesigen Gastfreundschaft in Afghanistan und Pakistan und von den atemberaubenden Landschaften. Wichtig für ihre Arbeit ist der Aufbau eines soliden Netzwerkes, erst jetzt – nach 4 ½ Jahren – spürt sie, dass sich Zeit und Aufwand lohnen. Aber mit permanenter Improvisation müsse sie immer zurechtkommen. Ihre Aufgabe sieht sie vorwiegend in der Kulturvermittlung. Sie berichtet als Augenzeugin, im Unterschied zu Experten, die von einem Institut aus einen Überblick oder eine Analyse einer aktuellen Situation erstellen.

Eines der wichtigsten Probleme für Karin Wenger ist die Sprachenvielfalt in ihrer Region. Sie ist auf kompetente und vor allem verlässliche Übersetzer angewiesen, die nicht nur die Sprache sprechen, sondern auch Zusammenhänge erklären können. In Afghanistan sei es sehr schwierig, gute Übersetzer zu finden, denn der Krieg habe Beziehungen und Vertrauen im Lande vielfach zerstört.

Verständnis für Land und Leute sind eine Grundvoraussetzung für die Arbeit im Ausland. Sprachkenntnisse sind dafür unentbehrlich, aber wie erwähnt, nicht immer möglich. Bruno Kaufmann begann in Schweden zu studieren – ohne die Sprache zu beherrschen. Im Laufe der Jahre kamen die anderen nordischen Sprachen hinzu, aber Finnisch, Estnisch und die baltischen Sprachen spricht er nicht. Allerdings ist es in diesen Ländern meist nicht schwer, sich mit Englisch zu verständigen. Trotzdem, sagt Bruno Kaufmann, müsse man sich immer bewusst sein, dass die Informationen an Unmittelbarkeit einbüssten, wenn eine Fremdsprache dazwischen stünde.

SRF 1 hat auf seiner Webseite einige «Unerhörte Geschichten aus dem Ausland»aufgeschaltet.
Museum für Kommunikation Bern

Titelfoto: Ausschnitt aus dem Plakat SRF 1 (Foto mp)
Fotos der Radiogeräte: © wikimedia.org

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