FrontKulturVorstadtlegende in Prater-Umgebung

Vorstadtlegende in Prater-Umgebung

Die Zürcher Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey zeigt in der Schiffbau-Halle Franz Molnars Vorstadtlegende „Liliom“.

In Molnars Vorstadtlegende von 1909 sind die Menschen, Schiessbudenfiguren ähnelnd, ungehobelt, komisch, bezaubernd und zutiefst einsam dem Karussell ihres Schicksals auf Erden sowie im Himmel gnadenlos ausgeliefert.

Julie, die als Hausmädchen arbeitet,  und Liliom, der das Ringelspiel der Frau Muskat und die Herzen der jungen weiblichen Fahrgäste in Fahrt hält,  setzen am selben Abend ihre Anstellung aufs Spiel und finden als „Hinausgeworfene“ in der Bretterbude der Schnellfotografin Hollunder Unterschlupf.  Doch Liliom, unbezähmbar und stolz, leugnet die Liebe, die ihn erfasst hat, stattdessen schlägt er Julie. Als Julie schwanger wird, steigert sich die Existenznot des Paares. Liliom – randvoll mit Vorfreude auf sein Kind – lässt sich vom Kleinkriminellen Fiesur zu einem Raubüberfall verführen, der seiner Familie ein neues Leben in Amerika ermöglichen soll. Der Überfall misslingt, und Liliom wählt den Freitod, um seiner Schande zu entkommen. Im Jenseits allerdings wartet ein Selbstmördergericht auf ihn, welches ihm nach 16 Jahren Fegefeuer eine zweite Chance auf Erden anbietet, eine Wiederbegegnung mit der verwitweten Juli und seiner inzwischen heranwachsenden Tochter Luise.

Ein unverbesserliches Riesenbaby

Barbara Frey hat das Stück vor gut einem Jahr für das Wiener Burgtheater inszeniert. Nun ist die viel gelobte Aufführung im Rahmen der Festspiele Zürich im Schiffbau zu sehen. Gespielt wird inmitten eines prächtig illuminierten Vergnügungsparks mit einer steilen Rutsche im Zentrum (Bühnenbild: Bettina Meyer). „Dizzy Mouse“ steht auf einer grossen Leuchtschrift vorn am Eingang, dahinter ein profaner Metallcontainer im Dunkeln, der nach der Pause zum hell ausgeleuchteten Himmelsbüro wird.

Tödliche Liebe: Nicholas Ofczarek als Liliom und Katharina Lorenz als Julie. (Bilder: Georg Soulek)

In sieben Bildern wird die tragische Vorstadtlegende in Prater-Umgebung erzählt. Barbara Frey zeigt eine starke Aufführung mit kontroversen Figuren, ein fein gezeichnetes und zauberisch überhöhtes Abbild von häuslicher Gewalt und Unterschicht-Elend. Da sind vorab Nicholas Ofczarek als Titelheld Liliom und Barbara Petritsch als Ringelspielbesitzerin Muskat, die virtuos in breitem Wienerisch das seichte, gerissene und brutale Unterschicht-Milieu von damals darstellen. Ofczarek spielt einen beherzten Brutalo, der auch mal ganz zart sein kann. Gefährlich wirkt er eigentlich nie, eher wie ein selbstverliebtes, unverbesserliches Riesenbaby, das mit billigem Aufreisser-Schmäh und schlägerhaften Drohgebärden sein verletztes Ego pflegt. Petritsch gibt eine grossartige Dame des seichten Gewebes, mit viel Frust, Lüsternheit und zugleich auch Berechnung bis in die kleinste Geste verkörpert sie die Rolle der Zwielichtigen, die letztlich doch nur um die Zuneigung Lilioms wirbt.

Rätselhaft stark, rätselhaft kalt

Katharina Lorenz spielt eine starke, doch etwas gar starre Julie, die mit einer Reinheit brilliert, die eher abschreckt. Wortkarg und duldend erträgt sie die Beleidigungen und Drohungen ihres geliebten Liliom. Erst gegen Schluss spricht sie aus, was sie denkt und fühlt: „Du elender, roher, niederträchtiger, lieber Mensch…“.  Und erklärt ihrer Tochter Luise, dass es Schläge gibt, die überhaupt nicht wehtun. Rätselhaft stark ist ihre Zuneigung zu Liliom, dann wieder rätselhaft kalt, irgendwo im Unbestimmten zwischen Gretchen und Medea. Befremdend und rührend ist ihre Trauerarbeit an Liliom mit halb entblösstem Körper.

Lobende Erwähnung verdienen auch die übrigen Figuren: Mavie Hörbiger als schrille, einfältige Freundin Marie von Julie, Peter Matic als weiser, verschmitzter, bürokratischer Richter im Himmelsbüro, Daniel Strässler als schmieriger Krimineller, Jasna Fritzi Bauer als Julies und Lilioms beherzte Tochter Lusie und Brigitta Furgler als grantig-gütige Frau Hollunder. Geboten wird eine insgesamt spannende Aufführung mit einem grandiosen Ensemble. Dafür gabs am ersten Gastspiel-Abend im Schiffbau tosenden Applaus.

Weitere Aufführungen: 16., 22. und 23. Juni, je 20 Uhr

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