FrontKulturCharmanter Hochstapler

Charmanter Hochstapler

Felix Krull, unsterblich geschaffen von Thomas Mann, verfilmt von Kurt Hoffmann, auf die Bühne an der Effingerstrasse in Bern gebracht von Stefan Suske.

Es muss einen Theatermenschen locken, die Gestalt des Romans von Thomas Mann und seine Erfahrungen als Hochstapler auf eine Kammerbühne zu bringen! Was der Dichter, auch „der Zauberer“ genannt, in seinem literarisch verdichteten Schelmenroman mit der Hauptfigur und deren Gegenspielern und Gespielinnen an teils frivolen Szenen anstellt, sozusagen spontan daher fantasierend, lässt uns schmunzeln und kommt den Ansprüchen des Theaters zwar entgegen. Mit hintersinniger Ironie wehrt sich die fein ziseliert in differenzierter Wortwahl und Satzstellung gesponnene geschriebene Geschichte indessen, stellt man sie sich sozusagen eins zu eins auf der Bühne vor.

Doch „eins zu eins“ gibt es bei Stefan Suske nicht. Er beweist das im Theater an der Effingerstrasse mit der Uraufführung seiner Bühnenfassung. Die wesentlichen Episoden der Romanhandlung verbindet er mit erzählten Passagen. So setzt seine eigene Inszenierung markant und so spannend wie vergnüglich auf das Spielerische, das Verspielte, dann und wann von der Ironie ausgehend auch das Groteske streifend.

Den einfachen, verwandlungsfähigen Raum für Suskes Realisierung schafft Peter Aeschbacher. Seine Bühne ist dunkel, mit hellen Winkelstellwänden, die sich mit wenigen Handgriffen den Bedürfnissen der szenischen Dialoge anpassen lassen. Kleine Tischchen mit einfachen Stühlen sind rasch hingestellt und wieder entfernt. Im Hintergrund, gleichsam nur angedeutet, stehen die benötigten Requisiten. Werkstatt-Theater, mit idealen Randbedingungen, um den Felix Krull und seine Animatoren der epischen Linie des Romans zu entziehen und, fast möchte man sagen, zum „echten Leben“ zu erwecken.

Im ersten Augenblick überrascht, im Ganzen indessen überzeugt Stefan Suskes formale Konzeption. Er lässt vier Darsteller seine ganze Bühnenfassung spielen. Während den erzählenden Phasen vermitteln sie Erkenntnisse entweder über den tatsächlichen Verlauf oder über weitere denkbare Varianten der Geschichte. Sie drücken zudem verschieden getönte Charakterbilder und Facetten der Identität von Felix Krull aus.

In den Spielphasen, den direkten Dialogen, verkörpern drei davon abwechselnd die aktuellen Partner der Titelperson. Dieser wird immer von Jürgen Heigl dargestellt, somit ist er die Personifizierung der vier verschiedenen Varianten seiner selbst in jeweils einer bestimmten Situation.

Das gelingt ihm ausgezeichnet, dieses Flimmern zwischen zur Schau gestelltem Weltmann und verlogen heimlichem Schüchterling. Von Begegnung zu Begegnung erscheint er gewandter, der bekennende Hochstapler Felix Krull.

Schon seine erste Betrügerrolle hat er bis in alle Details einstudiert, so dass der untersuchende Aushebungsarzt (Helge Herwerth), zunehmend verwirrt, sich davon sozusagen platt auf den Rücken legen lässt und den abgefeimten Rekruten prompt als militäruntauglich davonjagt.

Nach dem Anstellungsgespräch mit dem stark karikierten Hoteldirektor (wiederum Helge Herwerth), wirkt Krull als wohl berühmtester Liftboy der Weltliteratur. In der frivolen Erotikszene mit der hungrigen Diana, charmant und verschlampt dargestellt von Ingrid Adler, wirkt er als verlogen-naiver, aufrichtig-berechnender Liebhaber mit vehement geäusserten Gefühlsmetaphern. Für ihn recht einträglich!

So wird er in der grossen Welt bald heimisch, weiss sein Engagement mit seinen Bewunderinnen und Bewundern geschickt so zu dosieren, dass ausser ihm alle sich die Finger verbrennen. Köstlich die Begegnung mit dem Marquis von Venosta, für den er stellvertretend die Welt bereisen soll – eine packende, mit aller Kunst und Lockerheit verwirklichte Hosenrolle nochmals von Ingrid Adler. Tamara Semzov zieht als verschmähte infantile Schwärmerin Miss Twentyman alle komischen Register und kehrt als Suzanna im Haus der letztlich triumphierenden Mme. Kuckuck, ihrer Mutter (wiederum Ingrid Adler), kaltschnäuzig die schnippische moderne Göre heraus.

Vorher jedoch führt Krull, alias Marquis de Venosta, alias Jürgen Heidl, auf der Reise nach Lissabon – es sei nochmals darauf angespielt – das wiederum berühmteste Speisewagengespräch der Weltliteratur, mit Professor Kuckuck, dem schwadronierenden Paläontologen. Helge Herwerth ist seinem Gesprächspartner mindestens ebenbürtig. Was Kuckuck ausschweifend flunkert, echte Wissenschaft mit Kalauern spickend, nimmt Krull/Venosta devot mit nachdrücklich gespieltem Staunen zur Kenntnis.

Nicht der einzige Höhepunkt in dieser Aufführung! Schmunzeln, Lachen, auch ein wenig Sinnieren: So sieht das Menu aus, das dem Publikum zum Saisonstart im Effingertheater dargeboten wird.

 Bilder: Sabine Burger

Das Theater an der Effingerstrasse

 

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel