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Im Dickicht von New York

Neu im Zentrum für Fotografie Winterthur: Fotos und Filme von Rudy Burckhardt (1932 – 1959)

«My first big city with slums and things out of control», erinnert sich der Fotograf Rudy Burckhardt an einen frühen London-Aufenthalt, wo der mit dem berühmten Kulturhistoriker Jacob Burckhardt verwandte, damals 19-jährige Basler Medizin studieren sollte. Er sei tagelang durch Slums gewandert. Männer hätten in den Strassen gelegen, es habe nach Urin gerochen. «It was great.» So geschehen im Jahr 1933.

Flat Iron Building 1947/48 © The Estate of Rudy Burckhardt and Tibor de Nagy Gallery, New York

Aus dem Medizinstudium wird nichts. Der junge Mann will heraus aus der behäbigen Basler Bürgerlichkeit, hinein ins pralle Leben. Als er dem zehn Jahre älteren amerikanischen Tänzer Edwin Denby begegnet, ist es beschlossen: Rudy Burckhardt zieht nach New York, wohnt mit seinem neuen Freund in einem Loft und beginnt, die unbekannte Metropole zu erwandern – zuerst mit einer gebrauchten 16 mm-Filmkamera, dann mit einer 9 x 12 cm Plattenkamera. Eine Erbschaft ermöglicht ihm, ohne finanzielle Sorgen in die Künstlerszene jener Jahre einzutauchen.

Aus dem Spross der Basler Patrizier-Familie wird ein ungewöhnlicher Fotograf und Künstler, dessen Hauptwerk anlässlich seines hundertsten Geburtstags in einer Ausstellung der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu besichtigen ist. Sie wurde am 25. Oktober 2014 eröffnet – in Anwesenheit seiner Witwe Yvonne Jacquette Burckhardt, die sich als Malerin von Stadtlandschaften aus der Luft einen Namen gemacht hat. Rudy Burckhardt starb 1999.

Sidewalk XIV, New York, 1939 © The Estate of Rudy Burckhardt and Tibor de Nagy Gallery, New York

Dreissiger Jahre

Das fotografische Hauptwerk Burckhardts entsteht in der relativ kurzen Zeitspanne Ende der Dreissigerjahre bis etwa 1940.

Auf seinen ersten New-York-Fotos lichtet Burckardt ungewöhnliche Sujets ab: Abflussrohre, Hydranten oder Ornamente an Gebäuden. Es sind abstrakte Bilder in gleichmässigem Licht und ohne Tiefe. In ihrer konsequenten Linienführung wirken sie auch heute noch unerhört modern. Dann richtet Burckhardt seine Leica auf die Beine und Füsse der Passanten auf den New Yorker Sidewalks, möglicherweise auch unter dem Einfluss von Edwin Denby, der sich als Tänzer ebenfalls für die Bewegungsmuster der Menschen im Raum interessiert.

Filmstill aus «Upt and Down the Waterfront», 1946 © The Estate of Rudy Burckhardt, New York

Bald fängt Burckhardt ganze Menschen ein, die anonym an der Stadtkulisse vorbeieilen, bestrebt, nicht miteinander zu kollidieren – im Hintergrund Hochhäuser mit riesigen Plakaten und Leuchtreklamen an den Fassaden. Collageartige Kompositionen kommerzieller Plakate nehmen die Pop Art der Fünfziger Jahre voraus.

Von oben und von unten

Nach drei Jahren als Armee-Fotograf in der US Army entdeckt Burckhardt New York noch einmal neu und zeigt Ende der Vierzigerjahre Dachlandschaften. Dazu steigt er auf die Hochhäuser. Gleichzeitig taucht er in den Untergrund und fotografiert U-Bahn-Passagiere. Wobei er den sozialkritischen Ansatz seiner Zeitgenossen konsequent vermeidet.

Yvonne Jacquette Burckhardt beantwortet Fragen während der Ausstellungseröffnung. Foto: Christine Kaiser

Unter den späteren Fotos (1953) ist auch ein persönliches Bild, ein Stilleben mit dem Titel «A View from Brooklyn». Es zeigt einen spartanisch eingerichteten Innenraum. Das kleine Fenster ist zur Hälfte heruntergeschoben. Durch den oberen, geöffneten Teil sieht man die Brooklyn-Bridge. «Warum dieses Sujet?», fragten Besucher seine Witwe bei der Ausstellungseröffnung.

 

A View from Brooklyn II, 1953 © The Estate of Rudy Burckhardt and Tibor de Nagy Gallery, New York

«Es ist das kleine Studio unter der Brooklyn Bridge, wo Rudy malte», erklärte Yvonne Jacquette Burckhardt.

Der Filmemacher

Burckhardt stellte seine Fotos minutiös in Alben zusammen – in einer genau überlegten Abfolge auf den Betrachter zielend. Dass er während der gesamten Zeit seines Schaffens auch Filme drehte, liegt nahe. «Ja die Fotos und Filme entstanden häufig an denselben Orten», erklärte der Filmemacher und Künstler Hannes Schüpbach während einer Matinée mit Filmen von Rudy Burckhardt. Wobei Burckhardt seine Filme so gekonnt schnitt, dass die unterlegte Musik, die Geräusche und die Momente der Stille mit den Bildern eine harmonische Einheit bilden.

Jumbo Malted, um 1939 © The Estate of Rudy Burckhardt and Tibor de Nagy Gallery, New York

Auch am Beispiel der in der Ausstellung zu sehenden Kurzfilmen zeigt sich das Interesse ihres Autors an Bewegungsabläufen, zum Beispiel beim Abbruch eines Hochhauses oder wenn Knaben in einer Industriebrache zum Baden in den Hudson springen.

New York neu sehen

Wer nach dem Besuch der Ausstellung nach New York reist, werde die Metropole mit neuen Augen sehen, prophezeite Hannes Schüpbach.

 

 

 

 

Bis 15. Februar 2015

Rudy Burckhardt – im Dickicht der Grossstadt – Fotografien und Filme 1932 -1959

Zur Ausstellung erscheint eine illustrierte Publikation mit Beiträgen von Vincent Katz und Hannes Schüpbach.

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