FrontKulturVon A wie Achten bis Z wie Zäch

Von A wie Achten bis Z wie Zäch

28 Persönlichkeiten von A wie Peter Achten bis Z wie Guido A. Zäch erzählen von ihrer Jugend in schwierigen Kriegszeiten.

„Jugendjahre in der Schweiz 1930-1950“ (Vorwort: Georg Kreis) sind Zeitzeugnisse, aber auch ganz persönliche Geschichten. Unter anderen erzählen Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und Politiker aus ihrer Kindheit und Jugend in einer Zeit der Wirtschaftskrise, der Lebensmittelknappheit und Kriegsangst, aber auch in einer Phase des Aufbruchs nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Beginn des kalten Kriegs.

Kurzweilig, hintergründig, erhellend, manchmal auch zum Schmunzeln sind die kurzen Beiträge, angereichert mit vielen Fotos. Man lernt ungeahnte Facetten kennen von Leuten, die man schon zu kennen glaubt, weil sie jetzt Promis sind. Aber auch von solchen, die abseits der grossen Scheinwerfer stehen.

Lilian Uchtenhagen: Das aufmüpfige Mädchen aus gutem Hause

Uchtenhagen 1928 in Olten geboren, nimmt als elfjähriges Mädchen den Ausbruch des Weltkriegs bewusst war. Es fehlt aber an nichts in dem gutbürgerlichen, freisinnigen Elternhaus, man leistet sich sogar ein Dienstmädchen. Der Vater dient als Hauptmann in der Armee. Die Eltern sind klar gegen den Nationalsozialismus, man bricht deswegen sogar die Beziehungen mit der vorarlbergischen Verwandtschaft der Mutter ab. Und hört im Radio die Kommentare von J.R. von Salis.

Schon in der Schule gilt Uchtenhagen als schwatzhaft und eigenwillig. Der Kontakt mit dem Dienstmädchen und ihrer verarmten Tante Luise sensibilisiert sie für die Probleme anderer Bevölkerungsschichten. Und dass ihr Bruder studieren, sie jedoch „nur“ die Handelsschule besuchen darf, zeigt ihr die Privilegien ihres Milieus und die gleichzeitige Benachteiligung der Frauen. Das spätere Studium verdient sie sich teilweise selbst als Kellnerin, Verkäuferin und Zimmermädchen. Es ist ihr wichtig, Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Menschen aus eigener Anschauung zu kennen.

Erich Gysling / Peter Achten: Jeep, Ford und „Schlämpemilch“

In Basel kommt neun Tage nach Kriegsausbruch Peter Achten zur Welt. In der Grenzstadt erlebt er den Krieg nah und real. Eine der frühesten Kindheits-Erinnerungen ist das Sirenengeheul. Aber auch die Sicherheit und Geborgenheit im Luftschutzkeller, als 1945 der Güterbahnhof von den Amerikanern bombardiert wird.

Auch bei Achtens fehlt es an nichts, aber selbstverständlich müssen auch sie mit Lebensmittelmarken haushalten. Und die Kinder Heidi und Peter (die Mutter liest Johanna-Spyri) bekommen Weisheiten mit wie: „Altes Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart“. Und dass man aus altem Brot ein leckeres „Vogelheu“ zubereiten kann, ist Achten in bester Erinnerung. Weniger schätzt er die „Schlämpemilch“ (Milch mit einem Rahmschleier), die er in den Ferien auf dem Land trinken muss. Erst, als nach dem Krieg völlig ausgemergelte Kinder aus Deutschland und Oesterreich zur Erholung kommen, merkt er, was Nahrung bedeutet. Aber Milch mag Achten bis heute nicht! Kriegsende ist für ihn der 1. August 1945, als erstmals ein Feuer angezündet wird und die Kinder mit Lampions durch die Strasse ziehen dürfen. Nach dem Krieg kommen GIs zur Erholung und der kleine Peter übt sich in Frühenglisch: Chewing Gum, please!

Geprägt haben Achten in den Nachkriegsjahren die zwei Zeitungen „Basler Nachrichten“ und „Nationalzeitung“. Noch heute liest der Journalist die Zeitungen wie damals seine Mutter: von der hintersten Seite nach vorn. Seine Beziehung zu ihr scheint innig – wohl auch, weil sein Vater, wie die meisten anderen, Aktivdienst leisten muss.

Deshalb muss auch der dreijährige Erich Gysling auf den Vater verzichten, als die Mobilmachung ausgerufen wird. Mit Mutter und Schwester wächst er in einer engen Dreizimmer-Wohnung in Zürich-Wollishofen auf. Seine ersten Erinnerungen: der Zeppelin und die Landi 1939. Der Krieg wird dann zum alltäglichen Gesprächsthema und auch mit Beginn des kalten Kriegs bleibt die Bedrohung.

Trotzdem ändert sich dann vieles sehr schnell: es gibt zwar immer noch wenig zu essen, aber die Familie wird mobil. Die Kinder bekommen Velos und Gysling unternimmt seine ersten Ausflüge. Die Nachbarn schaffen einen Jeep an: der Inbegriff von Freiheit und Amerika! Und auch der Grossvater kauft ein Auto. Woher er als Steuerkommissär und SP-Kantonsrat das Geld hat, ist allerdings nicht klar. Gysling vermutet, er habe sich als Steuerberater ein Zubrot verdient. Das kümmert die Kinder nicht: nun macht die Familie Sonntagsausfahrten über den Brünig nach Interlaken, wo es Güggeli und Pommes Frites zum Zmittag gibt.

Marco Solari: Suchscheinwerfer über dem Luganersee

Marco Solari, 1944 geboren, aufgewachsen am Ufer des Luganersees und in Bern bezeichnet die bedrohlichen Suchscheinwerfer über dem Luganersee als eine der frühesten Kindheitserinnerungen. Noch lange nach dem Krieg blüht der Schmuggel zwischen Italien und der Schweiz. Es kommt auch schon mal vor, dass ein Familienmitglied Grenzwächter, ein anderes Schmuggler ist.

Unvergessen für Solari die Schmuggler, die im Elternhaus Zuflucht suchen und später auf dem See doch noch von Zöllnern aufgebracht werden. Ebenso unvergesslich für ihn ist die Begegnung mit Hermann Hesse auf der Collina d’Oro. Erst viel später kann er einschätzen, wer das denn war, der hagere Herr mit runder Brille und Strohhut, der Kinder und Mutter freundlich grüsste.

Episoden und Lebensläufe

Manche Geschichten sind Episoden, diffuse Erinnerungen vielleicht. Manche kommen wie ein trockener Lebenslauf daher. Lesenswert sind aber alle allemal! Die meisten Beiträge geben sehr persönliche und oft berührende Einblicke in die Zeit und das Leben der Zeitzeugen. Am Schluss der Kapitel findet sich jeweils ein kurzer Lebenslauf, ganz unter dem Motto: was ist aus den Kriegs-Kindern geworden.

„Jugendjahre in der Schweiz 1930-1950“ (mit einem Vorwort von Georg Kreis), erschienen im Reinhardt Verlag, 2014, 357 S. – ISBN 978-3-7245-1879-2, Fr. 24,80

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