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Gartenarbeit ist im Trend

Der Garten im März. Gäbe es keine Gärten, man müsste sie erfinden. Das denken Schrebergärtner, Stadtgärtnerinnen, Freizeitrosenzüchter und jede Menge Prominente.

61’000 Tausend Besucher verzeichnete kürzlich die Zürcher Gartenmesse Giardina. Und viele davon wurden – das ist zwar nur eine Vermutung – mit dem Gartenvirus angesteckt. Der ist nicht so gefährlich wie sein Grippe-Verwandter, gibt entgegen aller Gerüchte auch keine grünen Flecken auf den Daumen, aber dafür hält er sich hartnäckig.

Krankheitssymptome

Er treibt die Infizierten in die Gartencenter, wo sie Unmengen von Grünzeug einkaufen, zieht sie beim Grossverteiler an die Ständer mit den Samenpäckchen und wirkt dermassen verheerend auf ihre Geschmacksknospen, dass sie nach einiger Zeit normierte Gurken oder dicke geschmacklose Tomaten aus dem Gemüseregal nicht mehr essen mögen.

Farn, ein Frühlingsbote, der sich ebenso früh ins Freie wagt wie die Gartenbegeisterten.

Ja, es soll sogar Leute geben, die sich mit Hingabe dem Unkrautzupfen widmen, obwohl sie als Kinder nichts mehr gehasst haben, als zu dieser Tätigkeit verdonnert zu werden. Andere hacken ihre Gartenbeete, bis sie vor Rückenschmerzen nicht mehr gerade stehen können und Dritte werden zu ruchlosen Mördern, die kaltblütig jeder Schnecke mit der Gartenschere nachstellen.

Schnee und Schnecken

Was ist das für eine Krankheit, die jeden Frühling das halbe Land erfasst und auch vor Prominenten wie Michelle Obama, Prinz Charles, Johnny Depp oder Rockröhre Kim Wilde nicht Halt macht? Es ist eine Art Fieber, das beim ersten Sonnenstrahl die einen in den Garten treibt, wo sie Spinat und die erste Portion Schnittsalat säen. Wohl wissend, dass die Mühe wahrscheinlich umsonst sein wird, weil die Samen bei der nächsten Kälteperiode – und die kommt so sicher wie die fiesen kleinen schwarzen Nacktschnecken – im Boden verfaulen.

Andere säen auf dem Fensterbrett bereits im Februar Tomaten, Gurken und Blumenkohl an und freuen sich, wie rasch die Pflänzchen keimen. Weil die Winzlinge aber noch nicht ins Freie dürfen, weil der Wetterbericht nochmals Schnee vorausgesagt hat, werden die Setzlinge lang und länger und fallen dann einfach um. Worauf man sich später im Gartenfachgeschäft Setzlinge besorgt – und die Eigenproduktion auf das nächste Jahr mit besseren Wetterbedingungen verschiebt.

Glauben an das Gartenwunder

Aber es könnte ja sein, dass die ersten warmen Frühlingstage im März sich für einmal bis in den Mai oder Juni hinziehen, dass also alles so wächst und gedeiht, wie man es sich vorgestellt hat. Dass die ersten Kartoffeln, die man übermütig an Karfreitag gesteckt hat – eine alte Gärtnerregel aus England, wobei dort offensichtlich ein milderes Klima herrscht – zügig wachsen und man bereits vor den Sommerferien wunderbare goldene Knollen ausgraben kann.

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Ebenfalls ein Frühlingsbote

Denn das ist ein verbreitetes Symptom der Gartenkrankheit: Man wird zum hoffnungslosen Optimisten. Noch nie habe ich eine Freizeitgärtner sagen hören, er habe mit Gärtnern zugewartet, bis es ganz sicher keine Frostnächte mehr gegeben habe. Was irgendwann im Juni der Fall sein kann. Oh, nein. Alle säen und setzen, ziehen an und verpflanzen schon früh im Frühling – und beginnen, wenn es dann halt schief geht, einfach von Neuem. Und sind dann so stolz auf ihre etwas zerzausten Cosmeen, die Petersilienbüsche, die aussehen, als hätten sie die Motten und die Kohlrabi mit den Schneckenfrassspuren.

Gartenliebe

Ja, Gärtnern ist eine Passion, die sich rationalem Denken verschliesst, wenigstens im Freizeitbereich. Es ist ein wenig wie mit der Liebe: Auch hier stossen warnende Argumente auf wenig Gehör, taucht man kopfüber ins Abenteuer, sieht nur mehr rosarote Wolken – im Garten sind es eher grüne – und erwacht mitunter abrupt aus den süssen Träumen, weil sich Eis und Frost nicht so leicht vertreiben lassen.

Ein Vorgeschmack auf den Sommer

Aber anders als bei den zwischenmenschlichen Beziehungen bleibt im Garten letzten Endes doch mehr als Frust und Gefühlsscherben: Irgend ein Strauch kommt trotz allem zum Blühen, die Tomaten werden im Sommer zu wahren Geschmacksbomben ausreifen, die mühsam aus Samen herangezogenen Sonnenblumen uns über den Kopf wachsen und die reifen Himbeeren alle Arbeit und Mühe vergessen machen. Auf dass wir nächstes Frühjahr wieder von vorne anfangen. Ja, übrigens, heute morgen ist mein Basilikum gekeimt, am Fensterbrett.

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