FrontKulturFlüchtige Seelen

Flüchtige Seelen

In einem eindrucksvollen Roman zeichnet die kanadische Autorin Madeleine Thien Episoden aus dem Kambodscha der Roten Khmer nach.

Wenn ein Mensch ein schweres Trauma erlitten hat, führt das aus Sicht der Schamanen häufig dazu, dass die Seele aus dem Körper flieht. Der Schamane sieht seine Aufgabe in einem solchen Fall darin, die Seele wieder zurückzuholen, damit dieser Menschen wieder gesund – ganz und heil – werden kann. «Flüchtige Seelen» könnte an diese Vorstellung erinnern, wobei einzuräumen ist, dass dies der Titel der deutschen Übersetzung ist. Es geht jedoch genau um dieses Thema: Die Autorin beschreibt eine Familie in Phnom Penh, die durch die brutale Herrschaft von Pol Pot und seinem Regime aus ihrem Leben geworfen wird, den Zusammenhalt untereinander fast vollständig verliert, unter unmenschlichen Verhältnissen in Lagern gequält wird. – Wie gehen die Überlebenden damit um? Die Autorin erzählt eindringlich, in sparsamen Worten, weder oberflächlich noch sentimental.

Die überlebende Tochter – in Kanada erhält sie von ihrer Adoptivmutter den Namen Janie – wächst problemlos und harmonisch in der neuen Heimat auf, erfüllt alle Erwartungen und wird eine erfolgreiche Neurowissenschaftlerin mit Ehemann und Kind. All ihre Erlebnisse in Kambodscha liegen weit zurück, berühren sie lange Jahre scheinbar nicht.

Da ist aber ihr älterer Freund und Kollege Hiroji, ebenfalls Neurowissenschaftler, aus Japan stammend, der eine Beziehung zu Kambodscha hat. Sein Bruder hat sich nämlich stark für die Kambodscha-Flüchtlinge engagiert, Hiroji war für kürzere Zeit bei ihm, aber irgendwann ist die Verbindung zwischen den beiden gerissen. Hiroji macht sich auf die Suche, reist nach Kambodscha – und Janie erkennt, dass sie in Hiroji gewissermassen eine Verbindung zu ihrer ursprünglichen Heimat und Familie findet.

Janie merkt auch, dass sie in ihren Handlungen zuweilen selbst alte Erfahrungen zwanghaft übernimmt, worüber sie sehr erschrickt. Auch in ihrer Tätigkeit als Neurologin hat sie mit Menschen zu tun, die ihre Erinnerung verloren haben. So ist sie in Beruf und Leben umkreist vom Thema Gedächtnis, Erinnerungsverlust, Trauma, Verlust. Nach und nach kann sich Janie besser auf ihre Kinderjahre einlassen, bis sie schliesslich Hiroji und dessen Bruder in einem einfachen Dschungeldorf zwischen Kambodscha und Laos findet.

Die Autorin hat ihre Figuren bewusst gestaltet: Die beiden Neurowissenschaftler befassen sich aus wissenschaftlicher Sicht damit, was bei psychischen Erschütterungen im Gehirn geschieht. Das genügt aber nicht. Was den einzelnen Menschen im tiefsten bewegt, antreibt oder eben traumatisch belastet, braucht nicht nur wissenschaftliche Untersuchungen, sondern Mitgefühl und menschliche Unterstützung. Der Roman zeigt sehr deutlich, dass solche schweren kollektiven Verletzungen, wie sie ein ganzes Volk erleiden musste, nur sehr langsam und erst Jahrzehnte später angegangen werden können.

Man braucht sich jedoch nicht mit der Trauma-Problematik im speziellen auseinanderzusetzen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Madeleine Thien schildert die Erlebnisse mit grossem Feingefühl und Behutsamkeit – sie berührt die Lesenden durch die Intensität der Darstellung. Die Form des Romans hat die Autorin sehr geschickt gewählt: Sie lässt jedes Kapitel von einer anderen Person erzählen. Das ermöglicht ihr, die Perspektiven zu wechseln und die Erinnerungsstücke mosaikartig zusammenzusetzen, manchmal nur Splitter, zwischen denen sich Leerstellen befinden.

Madeleine Thien, 1974 in Vancouver (British Columbia) geboren, lebt heute in Montreal. Ihre Eltern stammen aus Malaysia und China und sind schon in den 1960er Jahren
nach Kanada ausgewandert.
Die junge Schriftstellerin studierte Tanz und Literatur
und erhielt für ihre ersten Bücher schon mehrere Auszeichnungen.

Madeleine Thien, Flüchtige Seelen. Roman
Aus dem Englischen von Almuth Carstens
Luchterhand Verlag; 256 Seiten
ISBN: 978-3-630-87384-8

Interview mit der Autorin

Das Buch ist in der Reihe «Der Andere Literaturclub» erschienen, einem Zweig von artlink, Büro für Kulturkooperation. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Titelbild: Khmerwood © Albeiro Rodas / wikimedia.org
Foto der Autorin: 
© Joshua Sherurcij / en.wikipedia.org

Vorheriger ArtikelOstern: Zeit der Versöhnung
Nächster ArtikelDie andere Meret

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel