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Ein Haus voller Geigen

Klassische Musik, Appenzeller Volksmusik, Musik zum Wiener Heurigen, sogar Jazzmusik – Geigen aus Brienz sind für alle Musikstile geeignet.

Eine Geige liegt leicht in der Hand, doch nur wer sie zu spielen weiss, entlockt ihr nach Belieben feine, bezaubernde, kraftvolle oder gar schräge Klänge. Ebenso sind Kunstfertigkeit und handwerkliches Geschick gefordert, um eine Geige zu bauen. In der Schweiz ist die Geigenbauschule Brienz der einzige Ort, wo junge Leute diesen Beruf lernen können.

Holzlager im Dachstock

Brienz, auch für sein Holzschnitzhandwerk berühmt, liegt günstig, wenn es um das grundlegende Material für den Geigenbau geht. In den Bergen am anderen Seeufer und in der weiteren Umgebung wachsen Bäume, die geeignet sein können: Es sind dies Fichten – der Nadelbaumbestand in den Schweizer Alpen besteht zu über 90% aus Fichten – für die Decke einer Geige und Bergahorn (oder Ahorn) für den Boden und die Seitenwände (Zargen). Nur für das Griffbrett, auf dem sich die Finger hin- und her bewegen, wird traditionsgemäss das sehr harte Ebenholz verwendet.

«Geigenholz» ist Holz bester Qualität, gut getrocknet, das heisst allmählich und gleichmässig, von 100- bis 150-jährigen und entsprechend dicken Bäumen, aber ein Geschäft ist damit nicht zu machen, denn Geigenbauer brauchen nicht sehr viel Material. – Eine Geige wiegt ungefähr 400 g. – Der Geigenbauer braucht ‹Resonanzholz› für seine Instrumente; der Name sagt, was gefordert ist: Ohne Resonanz klingt die Geige nicht. Das Holz muss störungsfrei gewachsen, also nicht zu stark dem Föhn ausgesetzt gewesen sein. Holz, das in seinem Wachstum unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt war, nennt man ‹Reaktionsholz›. Man kann es nur für ganz ausgesuchte Zwecke benutzen.

« Eine Geige und ihren Bau muss man be-greifen», erklärt Schulleiter Hans Rudolf Hösli. «Was Mies van der Rohe für die Architektur formuliert hat, ‹form follows function›, gilt auch für den Geigenbau; jede Form, jedes Teil hat einen Sinn.» Dem entsprechen auch die Proportionen eines Instruments, Oktave, Quarte, Quinte, Terz lassen sich in den Abmessungen wiederfinden. Geigenbau ist Handarbeit, die sich seit ihren Anfängen im 16. Jahrhundert nicht wesentlich geändert hat. Aus einem ca. 3 cm dicken Holzstück werden Decke und Boden, beide leicht gewölbt und von ca. 2-3 mm Dicke, sorgfältig herausgehobelt. Dabei nimmt man für die Decke längsgemasertes Holz, für den Boden jedoch quergemasertes, beides, um die gewünschte Resonanz zu gewährleisten.

Die Geigenbauschule Brienz besteht seit 1944. – Gerade wegen der grossen Auswahl an Holz ist der Geigenbau seit mehr als 500 Jahren auf beiden Seiten der Alpen ansässig. – In den ersten beiden Lehrjahren bauen die Geigenbauschülerinnen und –schüler je zwei Geigen, später werden auch Bratschen, Violoncelli oder zur Zeit auch ein Kontrabass gebaut.

Arbeitsplatz des Bogenmachers, eines eigenständigen Berufs, der in Brienz ebenfalls gelehrt wird.

In Brienz entsteht keine «Ausschussware»: Alle entstandenen Instrumente sind einwandfrei, können gespielt und verkauft werden. Die Lehre dauert vier Jahre. Geigenbauer lernen auch, Instrumente zu reparieren und restaurieren. Seit einiger Zeit interessieren sich mehr und mehr junge Frauen für diesen Beruf.

Hier wird ein Kontrabass gebaut.

Es ist ein Lehrberuf, den man nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit beginnen kann, oft haben die Lernenden einen Mittelschulabschluss oder vorher eine andere Ausbildung absolviert. Die Aufnahme erfolgt nach einer sorgfältigen zweitägigen Eignungsprüfung, die das musikalische Verständnis, das handwerkliche Geschick, Auge und Ohr beurteilt.

«Wir Unterrichtenden sind jeden Tag gefordert», sagt Hans Rudolf Hösli, «unsere Lernenden sind hochmotiviert und erwarten jeden Morgen, dass wir ihnen den nächsten Arbeitsschritt erklären.» Bei so viel Engagement und Begeisterung erstaunt es nicht, dass die jungen Geigenbauerinnen und Geigenbauer anschliessend Arbeit in aller Herren Länder finden.

Webseite der Geigenbauschule

Geschichte der Geigenbauschule Brienz

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