FrontGesellschaftEin Cantautore im vollen Hallenstadion

Ein Cantautore im vollen Hallenstadion

Mehr als ein Pollina-Konzert, ein gigantisches Fest begeisterte am Samstag Tausende

Kann ein Konzert im Hallenstadion, welches als Riesenfest von einem Sänger für und mit Freunden angerichtet ist, auch eine Lektion in Geschichte und Politik sein? Es kann, wenn der Musiker im Zentrum Pippo Pollina heisst. Viel fetzige Musik gab es, fast schien es, dass alle, die Pollina in den drei vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, sich versammelt haben – aus Deutschland, Italien, Österreich und vor allem aus Zürich und Umgebung, wo Pippo mit Familie lebt. Pollina ist vom Strassenmusikanten zum grossartigen Entertainer geworden.

Pippo Pollina mit seinem Palermo Acoustic Quintett. Foto © Brigitte Kuehn

Die vier Stunden Rockmusik und Volkslieder, Jazzsounds und Balladen beginnen nach einem musikalischen Auftakt hochpolitisch: Mit Giovanni Impastato erinnert Pippo an dessen Bruder Peppino Impastato, Sohn eines Palermitaner Mafioso, der brutal umgebracht wurde, weil er die Cosa Nostra als Politiker offen bekämpfte. Der Song dazu Cento passi gehört zu Pollinas Repertoire. Und am Ende des Abends betritt der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker – leider nur virtuell – die Bühne, daran erinnernd, dass Questa nuova realtà über den aufkommenden Faschismus und den Finanzkapitalismus als Wurzel allen Übels so aktuell sei, wie in den 90er Jahren, als er das zweisprachige Lied mit Pippo sang.

Dazwischen viel Musik – vieles von Pollina geschrieben, aber aus einem riesigen Fundus populärer Weltmusik geschöpft. Das Konzert mit simpler Dramaturgie, begeistert, weil Gastgeber Pippo so authentisch ist, wenn er seine Gäste präsentiert, mit ihnen ein oder zwei Lieder singt, sie am Klavier oder der Gitarre begleitet. Im Reigen der Special Guests – einem guten Dutzend, das Kammerorchester Musica Viva nicht eingerechnet – bleibt vor allem Etta Scollo unvergessen. Scollos Solobeitrag eines sizilianischen Volkslieds gehört wohl zum anrührigsten der ganzen langen Konzertnacht. Begeisterungsstürme bei den Tausenden in der Halle, die Hälfte ü50 und ü60, lösen Pippos Hits wie Camminando camminandoMare mare mare aus.

Alle Special Guests singen eine Zugabe mit Pippos Rose in der Hand. Foto © Brigitte Kuehn

Zu stehendem Applaus untermalt vom treibenden Groove des grossartigen Palermo Acoustic Quintetts, bekommt jeder einzelne eine Rose von Pippo in die Hand gedrückt: wie im Laientheater, dennoch frei von jeder Peinlichkeit. Drei Generationen Liedermacher stehen beim Abschied auf der Bühne. Cantautori der 60er und 70er Jahre, wie Giorgio Conte und Eugenio Finardi, Songschreiber aus der Schweiz wie Linard Bardill (der ihn einst auf der Strasse entdeckte und förderte), Gigi Moto und Büne Huber, Barden aus Deutschland wie Schmidbauer und Kälberer oder Stoppok, und als jüngste Faber und Madlaina, Pippos Kinder, welche längst ihre eigene Musik machen. Nun heisst es abwarten, bis Pippo Pollina nach seiner Konzertpause mit neuen Songs und alten Hits 2017 wieder auf grossen und kleinen Bühnen stehen wird.

Am kommenden Sonntag, 30. August, 23.05 Uhr, zeigt das Schweizer Fernsehen in der Sendung Sternstunde Musik ein Filmporträt von Felice Zenoni über Pippo Pollina

Teaserbild: © Brigitte Kuehn

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