FrontKulturDas Archimedes-Prinzip und die Neue Musik

Das Archimedes-Prinzip und die Neue Musik

Acht Konzerte umfassen die Tage für Neue Musik Zürich vom 12. bis 15. November 2015

Heureka! Rufen wir, wenn wir die Lösung einer schwierigen Denkaufgabe gefunden haben, seit der Altgrieche Archimedes es ausrief, als er das Prinzip des Auftriebs beim Baden entdeckt hatte. Heureka! – ich hab’s gefunden! – setzt Bettina Skrzypczak (sprich (ungefähr): scriptschak) als Überschrift über die Tage für Neue Musik Zürich. Plötzliche Erkenntnis, Innovation, Wachsamkeit des menschlichen Geistes gälten nicht nur für die Wissenschaft, hält die künstlerische Leiterin in ihren einleitenden Bemerkungen zum Programm fest, sondern auch für die Kunst: „Doch wie erforschen die Künstlerinnen und Künstler die Welt durch ihre Werke? Wonach suchen sie? Und was macht diese Suche mit uns, den Hörenden?“ fragt sie weiter, unvermittelt bei Hörbarem, eben der Musik anzulangen.

Bettina Skrzypczak ist die Kuratorin der Tage für Neue Musik 2015

Neue Musik, denken viele Mozart- oder Mahler-Freunde und Jazzfans, sei nichts für sie, weil sie davon nichts verstünden und die interpretierten Werke als Geräusche oder Lärm wahrnähmen. Gegen Vorurteile gibt es bekanntlich nur eins: dem Gegenstand möglichst offen und möglichst intensiv begegnen. Dafür bieten sich die Tage für Neue Musik in Zürich vom kommenden Wochenende gleichsam an.

Beispielsweise in der Roten Fabrik am Samstagabend, wo es bei Speak Percussion: Fluorophone aus Australien eine Klang-Licht-Performance zu sehen und zu hören gibt. Oder später am Abend das Stone Orchestra, ein auf Klangsteinen basierendes von elf Musikern entwickeltes Stück, welches kammermusikgewohnten Ohren neue Klangräume erschliesst. Oder auch im letzten Konzert der Tage, wo die Neuen Vokalsolisten Stuttgart mit Salvatore Sciarrinos Carnavalkonzentriertes Hören voraussetzen, um befreiende Wahrnehmung zu erfahren.

Speak Percussion: Fluorophone – eine australische Klang/Licht-Performance

Wie üblich gehört ein Anlass des Zürcher Festivals dem Tonhalle-Orchester. Das Konzert am Freitagabend bringt in mehrfacher Hinsicht ein aussergewöhnliches Hörerlebnis. Jacques Demierre ist in der Szene der freien Improvisation, auch des Free Jazz ein alter Bekannter. Nun wird seine Komposition No Alarming Interstice uraufgeführt. Dabei geht es um die Begegnung eines Improvisationstrios mit einem Sinfonieorchester. Das Trio sind die seit Jahren eingespielten Urs Leimgruber, Jacques Demierre, Barre Phillips, das Orchester wird geleitet von Sylvain Cambreling, der die Tonhalle-Musiker erstmals dirigiert. Cambreling ist in den Jahren seiner Zusammenarbeit mit dem leider aufgelösten Südwestfunkorchester Baden-Baden-Freiburg einer der erfahrensten Experten Neuer Musik geworden. Was bei dem wagemutigen Dialog zweier unterschiedlicher Partner herauskommt, steht noch in den Sternen.

Erstmals dirigiert Sylvain Cambreling das Zürcher Tonhalle-Orchester

Ebenfalls im grossen Tonhallesaal gibt es sonntags um elf ein Konzert für und mit Kindern, unterstützt vom Collegium Novum. Neue Musik für normale Familien? Aber sicher. Sylwia Zytynska, Schlagzeugerin und Komponistin aus Basel arbeitet seit Jahren erfolgreich mit Kindern. Ihre Compilation Tobende Stille mit Musik von John Cage, Terry Riley und Frederic Rzewski wird ein ganz besonderer Höhepunkt dieser Tage für Neue Musik sein, einer, der vielen Kindern samt ihren Eltern und Grosseltern ein Erlebnis im Sinne von Heureka bringt.

Bunte Luftballone auf dem Flyer fürs Kinderkonzert mit Neuer Musik

Und der Beginn des Zürcher Festivals? Der findet mit dem Eröffnungsakt im Konzertsaal 3 der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) statt. Das hauseigene Ensemble Arc-en-Ciel widmet sich in einer Art Rückblick den Pionieren der Neuen Musik, unter anderen Yannis Xenakis, Henryk Gorecki, Michael Jarrell, Karl-Heinz Stockhausen, denen die Erforschung neuer Klänge ein Anliegen war. Stockhausen mischte in seinem Werk Gesang der Jünglinge erstmals Elektronik und menschliche Stimme, das war Mitte der Fünfziger Jahre. (Wo diese Entwicklung heute sein kann, zeigt das Piano Duo Grau/Schumacher mit dem Experimentalstudio des SWR im Nachtkonzert am Freitag.)

Nach dem Rückblick folgt gleich das Neueste: Das Ensemble pre-art soloists führt gleich vier aktuelle Kompositionen erstmals auf. Wer beide Konzerte besucht, erlebt in einem Zeitsprung von mehreren Jahrzehnten wie sich die Erforschung des Klangs mit und ohne neue Technologien entwickelt hat, und wer weiss, vielleicht ergibt sich ein Wahrnehmungsschock im Sinne von Heureka!. Neue Musik ist weder esoterisch noch exklusiv, wer ihr begegnen will, wird vielleicht nicht alles verstehen, aber viel Freude erleben.

Das Ensemble Arc-en-ciel bei einer Probe in der Zürcher Hochschule der Künste

Die Tage für Neue Musik wurden 1986 von den beiden Komponisten Gérard Zinsstag und Thomas Kessler gegründet und seit 1994 von der Stadt Zürich verantwortet. Die künstlerische Leitung liegt diesmal bei Bettina Skrzypczak, Komponistin und Professorin an der Musikhochschule Luzern.

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