FrontKulturZürcher Schauspielhaus – ganz privat

Zürcher Schauspielhaus – ganz privat

Anfang der 30-er Jahre im letzten Jahrhundert: Dank der Emigranten wird Zürich zum kulturellen Zentrum Europas. Nicht wenig dazu beigetragen hat aber auch das Ehepaar Rieser.

Das Ehepaar –wer? mag manch einer fragen. Namen wie Kurt Hirschfeld, Leopold Lindtberg, Therese Giehse, die Manns, die Schwarzenbachs sind geläufig, Marianne und Ferdinand Rieser, die Betreiber des Zürcher Schauspielhauses sind vielen weniger bekannt. Eveline Hasler ist in ihrem jüngsten Buch „Stürmische Jahre“ dem Leben und Wirken der Riesers nach gegangen. Entstanden ist ein lesenswertes Buch über die dunkle Vorkriegszeit in Europa.

Sie ist das Theater, er ist der Pfau

Marianne Rieser, eine Schwester von Franz Werfel, und Ferdinand Rieser, ein Weinhändler, betreiben die Pfauenbühne in eigener Regie und vor allem auf eigene Rechnung, ohne Subventionen oder Unterstützung von aussen. Quasi ganz privat. Dafür lassen sie sich auch nicht drein reden: sie ist vor allem zuständig für die Kunst, er sorgt dafür, dass diese Kunst möglich wird. „Sie ist das Theater, er ist der Pfau“.

Das Unterfangen ist für die Riesers nicht eben einfach. Nicht etwa wegen der finanziellen Last. Sie sind nicht arm, im Gegenteil, sie bewohnen eine herrschaftliche Villa in Rüschlikon, es fehlt an nichts. Schwierig ist das Umfeld: in Deutschland brodelt die braune Nazi-Suppe immer heftiger und schwappt oft auch auf die Schweiz über.

Rieser ist grosszügig gegenüber den Emigranten, er zahlt gute Löhne, gewährt ihnen auch privat Unterschlupf. Und am Schauspielhaus werden zunehmend Nazi-kritische Stücke gespielt. Damit geraten Haus und Betreiber schwer unter Beschuss. Die Frontisten haben immer mehr Zulauf. Im Schauspielhaus werden Vorstellungen nieder geschrieen, es kommt zu Krawallen und Strassenschlachten. Einer der Anführer ist James Schwarzenbach, der in den 1970er Jahren als Nationalrat die Überfremdungs-Initiative lanciert.

Die Manns, die Schwarzenbachs, Alma Maler, Franz Werfel

Aber da sind auch die Manns, die damals in Küsnacht leben. Erika Mann betreibt zusammen mit Therese Giehse die legendäre „Pfeffermühle“ – auch sie sind unter politischem Dauer-Beschuss. Die Manns sind quasi der Gegenpol zu den Schwarzenbachs, die auf der anderen Seite des Zürichsees, auf dem Gut Bocken in Horgen residieren. Von dort werden giftige Pfeile gegen die Riesers geschossen. Annemarie Schwarzenbach will es nicht gelingen, ihren Cousin James eines Besseren zu belehren.

Unterstützung erhalten die Rieser hingegen aus Prag und aus Wien. Alma Maler ist zwar eine eher belastende Verwandte. Franz Werfel, der geliebte Bruder Annemarie Riesers hingegen ermutigt seine Schwester, eigene Stücke zu schreiben. Nach dem Anschluss Oesterreichs an Deutschland und mit der zunehmenden Bedrohung der Tschechoslowakei, gewähren die Riesers ihren Verwandten in Rüschlikon Zuflucht.

Zwölf Jahre sind genug

Ferdinand Rieser ist ein Starrkopf. Er legt sich mit den Gewerkschaften an, die für die Schauspieler um bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Damit bringt er auch einen Teil seines – links gerichteten – Personals gegen sich auf, das zu rebellieren beginnt.

Auch von der Stadt wird er zunehmend gemieden, mehrmals lässt sich der sozialdemokratische Stadtpräsident Emil Klöti bei Anlässen verleugnen. Die Stadt will mehr Einfluss auf das Programm des Schauspielhauses, nicht zuletzt auf Druck aus Deutschland.

Schliesslich gibt Rieser nach, die Neue Schauspiel AG entsteht, an der er jedoch weiterhin grosse Anteile besitzt. Aber zwölf Jahre sind genug, sagt das Ehepaar. Es emigriert schliesslich, wie viele Weggefährten, in die USA.

Chronik oder Geschichte

„Stürmische Jahre“ ist nicht das beste Buch von Eveline Hasler. Es ist nicht ganz klar, soll es eine Chronik sein oder eine Geschichte. Fürs erstere ist es zu wenig chronologisch, für letzteres zu wenig historischer Roman.

Es scheint, dass die Autorin zu viel wollte: statt den Riesers und dem Schauspielhaus die Hauptrolle zu geben, und die Manns, die Schwarzenbachs und Werfels auf Nebenrollen zurück zu binden, erhalten alle das gleiche Gewicht. Zudem haben sich einige Ungereimtheiten eingeschlichen.

Trotzdem: das Buch ist lesenswert und interessant. Hasler hat einmal mehr mit viel Fleiss recherchiert. Sie gewährt damit einen klärenden Einblick in ein oft verklärtes Stück Schweizer Geschichte.

Eveline Hasler: „Stürmische Jahre“, erschienen bei Nagel & Kimche – ISBN 978-3-312-00668-7 – 219 S.

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