FrontKulturHodlers Fräulein Gertrud

Hodlers Fräulein Gertrud

Biografische Aufarbeitungen von Künstlerleben sind im Trend.

Die Sammlung bedeutender Schweizer Kunst des 20.Jahrhunderts im Kunstmuseum Solothurn erfuhr durch ein Konvolut von vierzig Bleistiftzeichnungen Ferdinand Hodlers eine wertvolle Bereicherung. Die Zeichnungen zeigen als Vorstudien auf beeindruckende Weise Hodlers «work in process» zu verschiedenen Gemälden, welche sich grossteils seit langem in der Solothurner Sammlung befinden. Der Grund für deren – für ein relativ kleines Museum aussergewöhnlich reichen – Sammlungsbestand der Gemäldegalerie liegt im Legat der Geschwister Josef Müller (1887-1977) und Gertrud Dübi-Müller (1888-1980) an das Haus. Von jenem Fräulein Gertrud also, dem Hodlers lebenslange Freundschaft und Aufmerksamkeit gegolten hat, die er siebzehn Mal porträtiert und die ihn entsprechend mäzenatisch gefördert und sein spätes Leben als begeisterte Fotopionierin auch dokumentarisch begleitet hat.

Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller im Garten 1916 © Kunstmuseum Solothurn

Work in process

Die anlässlich der Schenkung aus dem Nachlass des Malers und Kurators Rudolf Schindler (1914-2015) eingerichtete Ausstellung im Graphischen Kabinett beinhaltet neben den Zeichnungen und entsprechenden Gemälden aber auch viele fotografische Dokumente, von denen ein ganzer Block noch niemals gezeigt worden ist. Es handelt sich dabei um Fotografien rund um Gertrud Müller und ihr Umfeld – ein gutbürgerliches Familienalbum. Die Fotos, ursprünglich in einem Fotobuch gebunden, wurden auseinandergenommen und für die Ausstellung gerahmt.

Ferdinand Hodler, Studie zu Gertrud Müller im Garten, um 1915; Bleistift auf Papier. Schenkung Rudolf Schindler
© Kunstmuseum Solothurn

Die kunstsinnigen Geschwister Müller

Gertrud, ihre beiden Schwestern und der Bruder Josef – auch er später ein bedeutender Kunstsammler – stammten zwar aus dem prosperierenden Hause der Solothurner Firma Müller & Schweizer, waren aber als Vollwaisen aufgewachsen. Gertrud setzte sich schon in frühester Jugend mit Kunst auseinander, malte und zeichnete. Sie lernte Ferdinand Hodler anlässlich der Eröffnung des Solothurner Kunstmuseums im Jahre 1902 kennen. Welch schönes, aber auch logisches Zusammentreffen also, dass hier so viel aus ihrem Leben zusammenfliesst!

 

 

Die Künstlerfreunde Hodler und Amiet

Der Ausstellungstitel „Liebes Fräulein Gertrud!“ verweist auf den Beginn einer der vielen Briefe Hodlers an Gertrud Müller. Er will jedoch nicht allein auf deren Freundschaft mit Hodler, sondern auch mit dessen älterem Freund Cuno Amiet (1868 – 1961) hinweisen. Laut Aussagen des Museumsdirektors Christoph Vögele war diese – ebenfalls mäzenatisch geprägte – Beziehung sogar noch wichtiger für Gertrud Dübi-Müller als jene mit Hodler. Das wird in der Ausstellung unter anderem durch eine aufschlussreiche, aber auch amüsante Dokumentation von 33 Künstler-Postkarten Amiets an die Müller-Familie belegt. So heisst es zum Beispiel auf einer Karte:

«Dank Euch Allen
Meine Lieben
Ihr seid ins Herz mir
Eingeschrieben.     CA»

Einen solchen Dank will man gerne aufnehmen und zurückgeben an die einzigartigen Legate der beiden Geschwister Müller. Allein Gertrud hat – zusammen mit ihrem Mann – dem Solothurner Haus 190 Werke vermacht, darunter neben wichtigen Schweizer Künstlern der klassischen Moderne auch Werke von Paul Cézanne, Van Gogh, Matisse, Degas, Picasso, Braque und Liebermann.

Gertrud Dübi-Müller: Hodler vor dem Portrait von Gertrud Müller, 1911; © Gertrud Dübi-Müller Fotostiftung Schweiz

Gertrud Dübi-Müller als Fotografin

Um auf Ferdinand Hodler zurückzukommen: Die Kunstwissenschaft, welche sich mit Hodlers Leben befasst, wäre heute arm ohne Gertruds viele ausdrucksstarken Fotos, die den Künstler sowohl bei der Arbeit als auch im Privatleben zeigen. Als Leihgabe der Schweizer Fotostiftung hängt in dieser Ausstellung auch eine kleine Fotografie, als Gertrud den alten Freund 1918 auf seinem Totenbett aufgenommen hat. Liebes Fräulein Gertrud…

Gertrud Dübi-Müller in ihrem Auto Pic-Pic, um 1911 (Foto aus dem Umkreis der Portraitierten);
© Gertrud Dübi-Müller Fotostiftung Schweiz

Mitzunehmen: Eva Aeppli-Schau

Noch bis 31. März 2016 ist im Nordwestsaal des Museums eine Hommage an die im Mai 2015 verstorbene grosse Schweizer Plastikerin und Malerin Eva Aeppli zu bewundern. Die Schau zeigt auch exemplarische Beispiele von Werken ihres berühmten Künstlerkreises wie Jean Tinguely, Daniel Spoerri und Bernhard Luginbühl, ergänzt durch zwei bemerkenswerte Zeichnungen Meret Oppenheims, die zu jenem Künstlerkreis zu zählen ist.

Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn «Liebes Fräulein Gertrud», vom 20. Februar bis 16. Mai 2016

Vernissage: Samstag, 20. Februar, 17 Uhr

Publikation «Gertrud Dübi-Müller (1888-1980) Sammlerin, Fotografin, Mäzenin» NZZ Libro Buchverlag, Zürich. Verfasser: Monique Barbier-Müller, Sammlerin und Nichte von Gertrud Dübi-Müller, und Dr. Cäsar Menz, Kunsthistoriker.
Buchvernissage Mittwoch, 24. Februar, 19 Uhr.

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