FrontKulturDada ist auch feministisch

Dada ist auch feministisch

Drei Künstlerinnen aus drei Dada-Zentren stehen im Fokus der Ausstellung Dada anders im Haus Konstruktiv

Wenn eine neue Bewegung mit viel Fantasie zu tun hat und sich von Krieg, Herrschaft und Gewalt abwendet, ist sie weiblich, könnte man behaupten. Auf die 80er Jugendbewegung in Zürich sowie auf Dada vor hundert Jahren würde die Behauptung durchaus zutreffen. Zwar haben in der Rezeption immer wieder Männer die Nase vorn, aber wer nach den verrückten Ursprungsideen forscht, dem laufen Frauen als Tempomacherinnen über den Weg.

Elsa von Freytag-Loringhoven: Enduring Ornament, 1913. Courtesy Mark Kelman Collection,New York

So könnte sein, auch wenn nicht sein darf, dass der berühmte Urinoir Fountain von Marcel Duchamp eigentlich ein Readymade der Dada-Frau Elsa von Freytag-Loringhoven ist. Es gibt Anhaltspunkte: Gesichert ist ein Briefdokument, in dem Elsa den bewunderten Marcel Duchamp bat, das Pissbecken beim Salon des Indépendants einzureichen. Signiert ist es mit R. Mutt – gesprochen: Armut. Gesichert ist ausserdem dass die Firma, bei der Duchamp sein erstes Pissoir gekauft haben will, zu jener Zeit, nämlich 1917 den speziellen Typ nicht führte. Wahrscheinlicher wird die Geschichte aus der Biographie von Elsa von Freytag-Loringhoven: ihre Mutter habe gewollt, dass das Kind vor dem Zubettgehen bete, ihr Vater habe zynisch festgestellt, dass beten und pissen denselben Stellenwert hätten. Ein weiterer Puzzlestein in dieser Herleitung ist das Readymade aus Abflussrohren, dem Elsa den Titel God (Gott) gab.

Sophie Taeuber-Arp in Brissago, Hannah Höch bei Theo van Doesburg und Elsa von Freytag-Loringhoven beim Fotoshooting

Dada-Baroness Elsa (1874-1927) – Emigrantin aus Deutschland, mehrfach verheiratet und ständig in Geldnöten – war eine schillernde, kreative Künstlerin, welche die New-Yorker Dada-Szene prägte, so wie Hannah Höch (1889-1978) eine wichtige Figur in Berlin war und Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) in der Dada-Wiege Zürich eine Rolle spielte (wobei sie darauf achtete, dass ihre Aktivitäten bei der Kunstgewerbeschule, wo sie unterrichtete, nicht bekannt wurden. So tanzte sie im Cabaret Voltaire mit Gesichtsmaske).

Sophie Taeuber-Arp; König Hirsch: Clarissa (Replik) 1918/1989 © ZHDK

Diese drei Frauen verkörpern Dada andersim Haus Konstruktiv. Alle drei arbeiten unterschiedlich, denn Dada ist kein Stil, sondern eine Haltung, oder auch eine Bewegung. Baroness Elsa erfand das Readymade; das allererste ist ein grober Eisenring, den sie unterwegs zur Hochzeit in New York aufhob und 1913 als Enduring Ornament präsentierte. Hannah Höch arbeitete wie Sophie Taeuber mit Textilien und fand mit Raoul Hausmann zur Scheren-Schnitt-Fotomontage, die als Stilmittel breit aufgenommen wird. Ihre Kunst ist politisch und gesellschaftskritisch, die Stellung der Frau thematisiert sie immer wieder. Sophie Taeuber schuf zusammen mit ihrem späteren Mann Hans Arp konkrete Kunst, bevor der Begriff existierte. So zeigt die Ausstellung Malereien mit farbigen Vierecken, aber auch figurative Arbeiten, wie die Marionetten fürs Puppenspiel vom König Hirsch, welche sie 1918 schuf. Tanzen, gestalten, komponieren, Gedichte schreiben – jede Art angewandte und freie Kunst war den drei Künstlerinnen geeignet, sich auszudrücken.

Sophie Taeuber-Arp: Composition en taches quadrangulaires, polychromes, denses. 1920. Stiftung Arp e.V., Berlin

Drei Kuratorinnen, nämlich Museumsdirektorin Sabine Schaschl, Margit Weinberg Staber und Evelyne Bucher haben das Projekt mit den drei Dada-Damen erfunden und begründen es so: Zwar hätten einige Frauen im Dada mitgewirkt, aber sie seien oft im Schatten ihrer männlichen Mitstreiter Hans Arp, Raoul Hausmann, Marcel Duchamp, Man Ray und Tristan Tzara gestanden, bei näherer Betrachtung zeige sich eine Vielfalt experimenteller Arbeiten in verschiedenen Medien, „wobei insbesondere die multimedialen und performativen Ansätze der Dad-Frauen noch immer überraschend aktuell erscheinen.“

Während die Dada universal-Ausstellung im Landesmuseum mit ein paar Hinweisen zeigt, dass die Kunstbewegung noch immer inspiriert, oder auch dass die Dada-Haltung nie veraltet, zeigt das Haus Konstruktiv zu den drei Dadafrauen als Verbindung zur Gegenwart die Positionen zweier zeitgenössischer Künstlerinnen.

Sadie Murdoch: Immprrecision Optic, 2015. Courtesy the artist and Roberto Polo Gallery, Brussels

Die Britin Sadie Murdoch (*1965) verwendet Archivmaterial, das sie sich wiederum in neuer Gestalt fotografisch aneignet. Für die Ausstellung Sss–Mm hat sie Collagen geschaffen, in denen sie auf Marcel Duchamps und Man Rays Rotoreliefs, oder auch auf Taeuber-Arps Bar Aubette zurückgreift. Fragmente davon kombiniert sie mit Aufnahmen von ihrem eigenen Körper. Die Synthese nennt sie Inhabiting (Bewohnen). Sadie Murdoch hat zur Ausstellung ein Künstlerbuch gemacht, in dem sie Texte von Dada-Frauen bildnerisch verarbeitet.

Ulla von Brandenburg. Installationsansicht im Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger

Die Eingangshalle mit einer raumfüllenden Installation aus gefärbten und gerafften Theatervorhängen auf einem bühnenartigen Holzpodest sowie den grosse Ausstellungsraum bespielt die Wahlpariserin Ulla von Brandenburg (*1974). Manchmal ja, manchmal nein ist die erste Ausstellung der Künstlerin in der Schweiz. Ihr Werk ist vielfältig, sie macht Filme, Installationen, Performances und malt. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Fragen auseinander, mit Realität und Spiegelbild.

Teaserbild: Sophie Taeuber-Arp; König HIrsch: Krieger (Replik) 1918/1989 © ZHDK
bis 8. Mai
Alle Führungen und Veranstaltungen finden Sie hier.

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