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Kurzweilige Kurzgeschichten

Eine scharfzüngige Kritikerin, die sich selbst kritisieren lässt: vergnügliche Kurzgeschichten von Elke Heidenreich.

Man kennt sie hierzulande vor allem aus dem Literaturclub von SRF, wo sie scharfzüngig kritisiert, Romane und Schriftsteller in die Pfanne haut oder auch in alle Himmel lobt. Elke Heidenreich ist nicht unumstritten, aber streitbar und immer auch unterhaltend. Das ist sie auch in ihren eigenen Büchern, mit denen sie sich selbstredend auch der Kritik aussetzt. Diese fällt eindeutig aus für ihre neuen Kurzgeschichten: kurzweilig, oft sehr träfe und vergnüglich.

Wie man gekonnt aneinander vorbei redet

Es sind Kurz- und Kürzestgeschichten, manchmal nur wenige Zeilen lang oder anderthalb Seiten. Und trotzdem bringen sie manches genau auf den Punkt: zum Beispiel, wie man gekonnt aneinander vorbei redet: ein Paar im Auto, dazu die Stimme aus dem GPS. Die Frau erzählt von einem Gespräch mit ihrer Freundin. Die GPS-Stimme gibt Anweisungen, wo welche Ausfahrt zu nehmen sei, der Mann stellt Fragen. Nach wenigen Zeilen ist klar, die beiden werden nie an ihrem Ziel ankommen. Aus dem GPS kommt denn auch am Ende der Befehl: bitte wenden.

Onkel Hans soll zum Markt, um Kartoffeln und Eier zu holen. Auf dem Weg kann er Briefe zur Post bringen und seine Jacke aus der Reinigung holen. Könnte er – wenn er täte, was seine Frau meint. Er erledigt eins nach dem andern und behauptet: ein Mann geht e i n e n Weg.

Wie man sich findet

Eine alte Dame steht ratlos vor einer Auslage exotischer Gemüse und fragt unschlüssig eine junge Person, wie man denn Artischocken esse. Sie erhält nicht nur darüber Auskunft, sondern auch über alles, was man mit Avocados machen kann. Und die alte Dame? Sie kann erzählen was Stielmus ist und Mangold. Die beiden Leute haben sich gefunden.

Auch die zwei in der Scala in Mailand, hoch oben im fünften Rang. Gegeben wird Strawinskys „Sacre du Printemps“, am Dirigentenpult Riccardo Chailly. Am Schluss des Werks steht die Autorin ergriffen da, schluchzend, Hand in Hand mit einer unbekannten, ebenfalls weinenden Japanerin. Beide schämen sich ein bisschen, vergessen werden sie sich nie.

Auch im Wohnwagen kann man sich finden: wenn zuhause für die Liebe die Kinder zu nahe sind, verlegt man sie in die Dependance. Die wackelt zwar, man hört alles, aber es sind nur Erwachsene da, die merken, was da läuft…..

Erinnerungen

Nach einem Schlafanfall im hohen Alter muss die Mutter der Autorin alles neu lernen und erfinden. Und nennt ihren geliebten Schwiegersohn Bernd dauernd Martin. Einen Martin gibt es aber weit und breit nicht, weder in der Verwandtschaft noch im Bekanntenkreis. Meint die Tochter….

Und die Grossmutter, eine vom Leben gezeichnete, harte Frau will keine Erinnerungen. Vogel friss oder stirb, ist ihre Devise, für Sentimentalitäten wie alte Briefe oder Kindergeschenke ist kein Platz. Nie ein Blick zurück, sagt sie mit zusammen gebissenen Zähnen. Aber – sie schreibt Gedichte.

Geschichten aus dem Alltag

Es sind kleine Gegebenheiten und Geschichten aus dem Alltag. Jeder und jede erlebt sie, misst ihnen oft keine Bedeutung zu. Erzählt von Heidenreich regen sie an zum Nachdenken, zum Schmunzeln und oft auch zum laut Lachen.

Elke Heidenreich: „Alles kein Zufall“, erschienen bei Hanser, 233 S., ISBN 978-3-446-24601-0. (Auch als Hörbuch erhältlich, gelesen von der Autorin selbst)

 

 

 

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