FrontKolumnenErfreulicher Sonntag

Erfreulicher Sonntag

Oder wenn Peter Gross zu Worte kommt.

Peter Gross ist 74 Jahre alt, emeritierter Professor der Universität St. Gallen; lange Jahre lehrte der Soziologe in Bamberg im fränkischen Bayern. Seit seiner Pensionierung hat er drei Bücher geschrieben, hat sich Gedanken gemacht zu sich, zum älter werden, zu einer Gesellschaft, die das Alter weder ehrt noch besonders mag.

Nun wird er endlich so richtig gehört, als Stichwortgeber, Analyst, Wegweiser, streitbarer Kämpfer gegen die weit verbreiteten Vorurteile, die den älteren Menschen steif entgegen wehen, gegen die Vorurteile, die in der Gesellschaft, insbesondere in den Medien, gegenüber alternden Menschen vorherrschen. Die NZZ am Sonntag bot ihm ein Forum, er hat es genutzt. Statt über Rentenklau, über uneinsichtige alte Verkehrssünder zu schreiben, haben die NZZ am Sonntag- Autorin Gordana Mijuk und der Autor Michael Furger bei Peter Gross und dem Altersforscher François Höpflinger nachgefragt und über dem Aufmacher zu ihren Recherchen den Titel gesetzt: „Die Schweiz altert rapide – und wird darum immer reicher und sozialer“.

Als beobachtender Zeitgenosse hätte man auch ganz anderes erwarten können: die halbe Milliarde beispielsweise, die die AHV in vergangenen Jahr mehr ausgegeben als eingenommen hat. Es hätte heissen können, die „AHV ist in grosser Gefahr“. Die Defizite würden sich in den kommenden Jahren auf 10 Mia. CHF auftürmen. Stattdessen verbreiten Gross und Höpflinger Zuversicht. Gross fordert, auf ein fixes Rentenalter vollständig zu verzichten. Viele Menschen würden gerne über das 65. Altersjahr hinaus arbeiten. Die Wirtschaft habe schlicht das Potenzial noch nicht erkannt. „Junge Besen kehren zwar gut, aber alte wissen, wo der Dreck steckt“, meint Gross lakonisch. Gross verschliesst die Augen nicht davor, dass im Arbeitsmarkt schon ein 50-Jähriger als alt gilt. Er weist auf Japan hin, wo beispielsweise die Löhne bis zum 50. Altersjahr steigen würden, danach aber zu sinken begännen, selbst wenn einer noch befördert würde. Es gelte also, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern aktiv nach innovativen Lösungen zu suchen, wie er immer wieder betont.

Auch der Mär, dass die Gesundheitskosten durch die demografische Entwicklung stetig zunehmen würden, hält François Höpflinger entgegen, dass, wer länger lebt, eben auch länger gesund bleibt. Die Gesundheitskosten würden erst ab dem 80. Lebensjahr ansteigen.

Und wer länger lebt, kann auch länger Steuern bezahlen, meinen die beiden ehemaligen Hochschullehrer. Im Kanton Zürich beispielsweise machen Rentner rund 20 % der Steuerzahler aus. Diese zahlen aber rund 50 % der Vermögenssteuer. Das Geld liegt also bei den Alten. Im Jahr 2015 sollen nach Berechnungen der Universität Lausanne Vermögenswerte von rund 75 Mia. CHF vererbt worden sein. Da sind die 500 Mio. CHF AHV-Defizit im gleichen Jahr ein Klacks. Natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass rund 360’000 Menschen in der Schweiz Ergänzungsleistungen der AHV beziehen, also gegen 20 Prozent der über 65-Jährigen. So wäre natürlich die Forderung nach einer Solidaritätsleistung unter den älteren Menschen in der Schweiz nicht so vermessen. Vermögende könnten auf die ihnen zustehende AHV, könnten im Pflegefall auf die ihnen zustehende Hilflosenentschädigung (immerhin maximal beinahe 1’000 CHF im Monat) zugunsten ihrer älteren Mitmenschen, denen es nicht so gut geht, verzichten. Man könnte das frei werdende Geld in einen Fonds einzahlen, aus dem notleidende ältere Menschen unterstützt werden könnten.

Und dass die Altersvorsorge neu geregelt werden muss, ist allen klar. Bundesrat Alain Berset hat deshalb eine grosse Rentenreform auf den Weg gebracht. Der Ständerat ist ihm im Wesentlichen gefolgt, ob es der Nationalrat gleich tut, ist fraglich. Immerhin ist es gut, wenn die Frauen und Männer im Nationalrat sich umsichtig zeigen, sich informieren lassen und von der landläufigen Ansicht abkommen, die alternde Schweiz sei nur eine Belastung.

Im Gegenteil: „Wer länger lebt, festigt die Gesellschaft“, folgern Gross und Höpflinger. Es seien eben die Alten, die weit mehr Zeit als früher mit den Enkelkindern zusammen verbringen könnten. Von einem Zusammenprall der Generationen könne keine Rede sein. Gross meint gar, ältere Menschen könnten mit ihrer Altersmilde auf ein friedlicheres Zusammenleben hinwirken. Es sei nicht so, dass die älteren Menschen nur für sich schauten. Nein, sie hätten alle Generationen im Blick. Und es sei deshalb schade, dass so wenig über 70-Jährige im Nationalrat sitzen würden.

Die zuständige Nationalratskommission, die sich zurzeit über das Projekt „Vorsorge 2020“ beugt, hat es in der Hand, sich direkt bei Gross und Höpflinger zu informieren. Sie müssten sie nur zu einer Sitzung einladen.

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