FrontKolumnenEin Philosoph ohne nachhaltige Wirkung

Ein Philosoph ohne nachhaltige Wirkung

Karl Jaspers: «Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben»

„Karl Jaspers? Kann man vergessen“, sagte man mir, als ich damals in der Unibibliothek ein Buch von Karl Jaspers ausleihen wollte. Wollte! Heute weiss ich nicht mehr, wer mir den „Rat“ geben hatte, Jaspers zu vergessen. Ich weiss nur, dass ich das Buch „Vernunft und Existenz“ wieder zurück ins Regal stellte.

Viel wusste ich zum damaligen Zeitpunkt nicht von bzw. über Karl Jaspers. Er soll ein guter Psychoanalytiker gewesen sein; habe gleich nach dem 2. Weltkrieg Philosophie an der Universität in Heidelberg gelehrt; sah sich als Philosoph verpflichtet, zu politischen Themen Stellung zu nehmen; bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im Laufe des Studiums bekam ich natürlich weiteres über Karl Jaspers zu hören, was mich allerdings nur mehr von ihm wegbrachte. Da hörte ich: „Jaspers kann Heidegger nicht das Wasser reichen“ – „Der Jaspers ist nur stark im Kampf gegen die NATO“ – „Er forderte, die Bundesrepublik müsse, um ihre hitlerische Vergangenheit zu sühnen, auf die Wiedervereinigung verzichten“ – „Sartre lesen, denn nur da erfährst du, was Existenzphilosophie wirklich ist“. – „Karl Jaspers soll sich aus der Theologie heraushalten, Bultmann und Barth in Ruhe lassen“. – „Jaspers, ist das nicht der, der seinen Pass zurückgegeben hat?“ – „Ach ja, der Philosophenarzt! Sagte einfach eines Tages der Uni Heidelberg Adieu und ging in die schöne Schweiz“.

Zwei Semester später hörte ich dann in Heidelberg Vorlesungen bei den Professoren Löwith, Wapneski und Gadamer. Da gab’s zu hören: „Geschichte der neueren Philosophie bis zur Aufklärung“, „Religion und Philosophie der Griechen“, „Probleme der Hermeneutik.“

Endgültig Schluss mit Jaspers machte ich an dem Tag, als ich in einem seiner Bücher las: „Die Philosophie bietet niemals Lösungen für Probleme an, denn die Antwort auf Probleme stellt selbst neue Fragen“. Damals ging es uns nicht um Fragen, wir wollten Antworten. Die Alternativlosen. Die Nicht-Hinterfragbaren. Antworten, einzig geeignet zum Argumentieren.

Älter geworden kam es so, wie es dem französischen Philosophen Gusdorf erging: „Keine Philosophie kann der Philosophie ein Ende setzen, obwohl es der geheime Wunsch jeder Philosophie ist“.

Kürzlich bekam ich in einer SPIEGEL-Ausgabe aus dem Jahr 1967 Antworten auf Fragen, die mir nie gestellt wurden, die ich mir selbst nie gestellt hatte. Antworten von Karl Jaspers quasi persönlich.

Zum Beispiel: Warum er 1948 von Heidelberg nach Basel ging? Seine Antwort: „Es war ein Augenblick, in dem man sich wohl sagt: Das Schicksal entscheidet, der Wille fügt sich. Wir fühlten uns gerufen. Wir hatten Zutrauen.“

Damals musste die amerikanische Besatzungsmacht ihre Zustimmung zur Ausreise geben „und dass wir die Genehmigung zum Ausreisen überhaupt bekamen, haben wir Salm (Staatswissenschaftler in Basel) zu verdanken…“

„Meine Vorstellung von Basel und meiner Aufgabe dort war, als ob ich in ein Traumland von hoher Wirklichkeit gelangte: Ruhe und Freiheit und nichts als Philosophieren“. – „Nie kam ein Augenblick des Bedauerns oder der Sehnsucht nach Heidelberg, nur nach dem Heidelberg vor 1914. Heute bin ich glücklicher als je, hier zu sein.“

Rudolf Augstein über Jaspers: „Keiner, Kant eingeschlossen, hat sich mit so wenig Schonung für die eigene Person in die Helle der Öffentlichkeit hineingeworfen, um der Philosophie zu sichern, was sie doch niemals beherbergen kann: tiefere Einsicht vom Standort einer höheren Moral“.

Ach, hätt‘ ich doch bloss das ein paar Jahrzehnte früher gewusst:

– Kein anderer deutscher Philosoph seit Kant hatte sich in das Wagnis politischen Meinens eingelassen wie er.

– Die Grundgedanken seiner Philosophie sind nicht in einem System unterzubringen. Es ging ihm um schonungslose Anregungen, Schärfung des kritischen Bewusstseins, bezogen auf Weltanschauungen.

– Jaspers konnte Jean Paul Sartre bis zum heutigen Tag nicht das Wasser reichen. Dafür hatte er den Mut, Verjährtes nicht verjähren zu lassen.

– Augstein weiter: „Offen bleibt: Die Nazi-Oberaufsichtsbehörde scheint in ihm und in seiner Philosophie keine Gefahr gesehen zu haben, denn ihm selbst als auch seiner jüdischen Frau geschah zunächst nichts. Erst 1937 verlor er seinen Lehrstuhl in Heidelberg, allerdings nicht ohne Pension“.

Karl Jaspers Philosophie blieb weitgehend ohne nachhaltige Wirkung. Bekannt geblieben ist er, so scheint es mir, indem er oft und gern zitiert wird mit: „Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind; unsterblich, wo wir lieben“.

Er starb im Jahr 1969 in Basel und ist dort auf dem Friedhof Hörnli beigesetzt.

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