FrontGesellschaftBegegnung mit der Validationszauberin

Begegnung mit der Validationszauberin

Im regionalen Pflegezentrum Baden sorgte Doris Knecht im Tages-Nachtzentrum dafür, dass sich die Grenzen zwischen Gesunden und Kranken aufheben

Von Marianne Pletscher

Ich sass in einer gemütlichen Kaffeestube im Innenhof des Regionalen Pflegezentrums Baden. Ein älterer Herr hatte mir freundlich die Jacke abgenommen und mir zum Kaffee einen Kuchen serviert mit den Worten „machen Sie es sich gemütlich, unsere Chefin wird Ihnen gleich helfen. Sie werden sich bei uns wohlfühlen und müssen keine Angst haben. Hier ist jeder zuhause und der Tag geht schnell vorbei“.

Ich war sozusagen aufgenommen als Patientin. Nur war eigentlich alles anders rum: der freundliche Herr war der Klient, die Kaffeestube das Tages- und Nachtzentrum für Demenzbetroffene des Pflegezentrums und ich die recherchierende Dokumentarfilmerin, die dort einen Film drehen wollte. Eh ich mich versah, sass ich am Tisch mit fünf andern „KaffestubenbesucherInnen“, war immer noch nicht ganz sicher, ob ich jetzt nicht plötzlich zur Patientin geworden sei, fühlte mich aber sehr wohl.

Doris Knecht arbeitet heute in Thailand im Village von Vivo bene, einer Schweizer Organisation, die für Ferien oder zum Wohnen ältere und behinderte Gäste aufnimmt

Dann kam die „Chefin“ Doris Knecht, die Zauberin, die es sogar ohne ihre Anwesenheit möglich machte, dass sich die Grenzen zwischen Gesunden und Kranken aufhoben. Noch wusste ich ganz wenig über Validation, aber das Ergebnis hatte ich bereits miterleben dürfen: Herr H., der 82-jährige freundliche Herr, sah sich als wichtigen Mitarbeiter der Chefin und wurde von Doris Knecht auch ernst genommen. Er ging ihr zur Hand, wo er konnte und konnte seine Ressourcen als früherer Gutsverwalter sowie seinen Charme voll einsetzen. Und niemand störte sich daran, wenn er zwischendurch bis zu 20mal am Tag die Kleider an der Garderobe zählte oder uns alle mehrmals begrüsste. Das war ja Teil seiner Arbeit

Was für ein Gegensatz zu seinem Verhalten zuhause! Seine Frau hatte sich entschieden, ihn dreimal in der Woche ins Tageszentrum zu geben, sie war total überfordert. Sie könne nicht mehr reden mit ihm, müsse ihm die Zähne putzen und das Pyjama anziehen abends, dreimal pro Tag eine Spritze geben. Sogar einkaufen mit ihm sei schwierig, er halte den Rummel nicht mehr aus. Das schlimmste aber sei, dass er alles durcheinander bringe. Kurz vor unserm Gespräch hatte er sogar den toten Hund im Garten wieder ausgegraben, weil er ihm fehlte. Frau H. bezeichnete sich als 24-Stunden im Einsatz und meinte, sehr oft fehle ihr einfach die Geduld. Sie sei ja, obwohl Pflegefachfrau, keine Fachfrau für Demenz.

Für unsere Dreharbeiten später im Tages/Nachtzentrum wurde Herr H. mit seinem zuvorkommenden Wesen und seiner unfreiwilligen Komik ein wichtiger Partner, zusammen mit Frau M. Frau M.’s Alzheimerkrankheit war schon weiter fortgeschritten. Sie wurde sehr schnell unruhig, begann schon am Morgen darüber zu wettern, dass ihr Mann sicher nicht rechtzeitig komme, um sie abzuholen. Doris Knecht gelang es jedes Mal innert kürzester Zeit, sie auf völlig andere Gedanken zu bringen. Ganz sanft, oft mit einem kurzen Satz, schaffte sie einen Übergang vom als unzuverlässig empfundenen Ehemann zu den Enkelkindern. Und Frau M. strahlte wieder, war wieder ganz die glückliche Grossmutter. Herr H. servierte ihr einen Kaffee und alle Gäste des Tages- und Nachtzentrums sangen ein Lied, wozu Herr H. noch die Jodeleinlagen lieferte.

Und das ist noch nicht alles. Als wir die Dreharbeiten beendeten verabschiedete sich Herr H. von uns mit den Worten: „Gut habt ihrs gemacht, wir haben sehr schön zusammengearbeitet“. Ja, gut hat er’s gemacht. Und gut hat es Doris Knecht gemacht, immer wieder.

Lesen Sie morgen im Rahmen der Serie Diagnose Demenz den Beitrag von Doris Knecht über Validation. Frau Knecht ist nun für die Schweizer Organisation Vivo bene in Thailand tätig.

Bis jetzt erschienen: Marianne Pletscher: «Noch bin ich gesund»
                                     Marion Schaffner: «Du kannst nur noch eins für mich tun»

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