FrontKultur„Jede Musik war einmal neu“

„Jede Musik war einmal neu“

Die Tage für neue Musik feiern das dreissigjährige Jubiläum mit einer mehrtägigen Konzertreihe

Es war die Erfindung zweier Komponisten, die der zeitgenössischen Musik ein Forum in Zürich schaffen wollten, es auch dringend brauchten. Nun, nach dreissig Jahren sind die Tage für Neue Musik (TfNM) ein unverzichtbares Musikfestival im Spätherbst, dessen Ausstrahlung jährlich wächst. Thomas Kessler (*1937) und Gérard Zinsstag (*1941), komponieren bis heute, schreiben Musik der Avantgarde. Mitte der 80er Jahre gab es in Zürich nur wenige Möglichkeiten, Werke Neuer Musik aufzuführen und erst noch Einblick in das internationale Schaffen zu haben.

Thomas Kessler (Foto © André Leduc) und Gérard Zinsstag, die beiden Gründer der Tage für Neue Musik

Der waghalsige Beginn, zeitgenössischen Kompositionen eine Plattform zu geben, war goldrichtig. Seit Jahren wird das Festival von der Stadt Zürich getragen und produziert. Verantwortlich ist René Karlen, zuständig für E-Musik beim Präsidialamt der Stadt Zürich.

Seniorweb: Die Tage für Neue Musik sind 30 geworden. Anlass für eine Standortbestimmung. Wo steht das Festival im Rahmen des (riesigen) Musikangebots?

René Karlen: Die Tage für Neue Musik sind insofern etwas Besonders, als während vier oder in diesem Jahr sogar während fünf Tagen Konzerte stattfinden, in denen ausschliesslich das aktuelle Musikschaffen im Zentrum steht. Ausserdem ermöglicht das Festival eine intensive Begegnung der schweizerischen mit der internationale Musikszene: Schweizer Komponistinnen und Komponisten treffen auf die Australierin Liza Lim, das Collegium Novum Zürich auf das Wiener Studio Dan.

Wie war es vor 30 Jahren in Zürich, wenn man Neue Musik hören wollte?

Das war gar nicht so einfach. Es gab nur ein einziges Ensemble, das ensemble für neue musik zürich, das ausschliesslich zeitgenössische Musik aufführte. Alle anderen Ensembles spielten gemischte Programme, und in der Tonhalle war nur im Ausnahmefall einmal ein neues Stück zu hören.

René Karlen, Leiter des Ressorts E-Musik der Stadt Zürich

Waren Sie bei der allerersten Ausgabe von Kessler und Zinsstag auch im Publikum?

Nicht nur. Zinsstag und Kessler waren froh, dass es das erwähnte ensemble gab, und da ich dessen erster Dirigent war, stand ich auch auf dem Podium.

Seit 1994 ist die Stadt Veranstalterin der Tage für Neue Musik. Wie kam es zu dieser wohl lebenswichtigen Übernahme des noch jungen Festivals?

Mein Amtsvorgänger Roman Hess hatte erfahren, dass die beiden Gründer ihr Festival aufgeben wollten und erkannte, dass Zürich damit eine wertvolle Plattform für die zeitgenössische Musik verlieren würde. Um die Tage zu retten, bot er an, dass die Stadt Zürich künftig die Organisation des Festivals übernimmt.

Heute sind die TfNM immer erfolgreicher, vor allem das Freitagskonzert mit dem Tonhalle-Orchester findet ein grosses Publikum. Warum sind Tonhalle-Gesellschaft und Tonhalle-Orchester so lange abseits gestanden?

Wie gesagt, fristete die zeitgenössische Musik in den Konzerten des Tonhalle-Orchesters während Jahrzehnten ein Mauerblümchendasein. Die damaligen Intendanten fürchteten sich vor dem Publikumsschwund bei Konzerten mit neuer Musik. Das änderte sich erst mit Elmar Weingarten und Ilona Schmiel. Dank ihnen ist nun auch das sinfonische Musikleben der Stadt Zürich in der Gegenwart angekommen.

Seit einigen Jahren werden die Kuratoren jährlich berufen. Hat sich das Modell bewährt? Warum?

Der jährliche Wechsel hat Vor- und Nachteile: einerseits sorgt er für viel Abwechslung, da jede künstlerische Leitung andere Akzente setzt. Andererseits ist die Kontinuität der programmpolitischen Ausrichtung nicht mehr garantiert. Nach den vielen Jahren mit gleichbleibender Leitung hat der Wechsel zur Lebendigkeit des Festivals beigetragen.

30 Jahre TfNM – wie wird dieses Jubliäum gefeiert?

Im Sinne einer kleinen Retrospektive werden neben den beiden Gründern alle ehemaligen künstlerischen Leiterinnen und Leiter mit eigenen Kompositionen oder als Interpreten in Erscheinung treten. Zudem erinnern zwei Vorkonzerte an die konzertreihe mit computer-musik, die Peter Révai ebenfalls vor 30 Jahren begründet hat.

Auf welche Konzerte oder Kompositionen sind Sie persönlich besonders gespannt, worauf freuen Sie sich besonders?

Natürlich bin ich auf jene zehn Werke besonders gespannt, die im Festival uraufgeführt werden. Es ist doch immer etwas ganz Besonderes, wenn man etwas zum allerersten Mal hört. Und mir ist schleierhaft, weshalb grosse Teile des Publikums sich damit zufrieden geben, immer wieder dasselbe zu hören. Man liest doch auch nicht ein Leben lang immer wieder dieselben Bücher.

Was ist eigentlich Neue Musik oder zeitgenössische Musik? Was sagt man zu jenen, die es mal wissen möchten?

Man muss sich bewusst machen, dass jede Musik einmal neu war, also auch die Werke von Mozart oder Beethoven. Beide Komponisten bekamen von ihren Zeitgenossen fast die gleichen Vorwürfe zu hören, die auch der heutigen Musik oftmals gemacht werden. Wichtig scheint mir, dass man möglichst unvoreingenommen auf ungewohnte Klänge zugeht, so unbefangen wie es zum Beispiel Kinder tun. Und wer vorurteilslos an die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts herangeht, wird eine Vielzahl von ganz neuen Hörerfahrungen machen.

Danke für das Gespräch

Hier geht es zum Programm der Tage für Neue Musik 2016.

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