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Alle meine Christbäume

Wir alle können auf eine lange Christbaumtradition zurückblicken. Manches ändert im Laufe der Jahre und manchmal lernte man sogar etwas dazu.

Der Christbaum meiner Jugend war konventionell: Rottanne, allerlei farbige Kugeln, Glöckchen und andere Sächelchen, Christbaumschoggi und das Ganze umwoben von Engelshaar, das heute, glaub ich, voll in Vergessenheit geraten ist. Schön war er, jedes Jahr. Bis ich in die Pubertät kam.

Meine Enkel verwandelten dieses Jahr die grosse Eibe in einen weihnachtlichen «Tannenbaum». (B.Reichlin)

Dann war er nur noch kitschig, unsäglich kitschig. Als ich sehr jung heiratete, machte ich alles besser: Weisstanne, Bienenwachskerzen und ausgesucht schöne klare Glaskugeln aus dem Heimatwerk – fertig. Das war stylisch, passte zu unserem nordisch inspirierten, reduzierten Einrichtungsstil.

 

 

 

Kinder denken anders

Und dann kam der Weihnachtsabend mit unseren schon nicht mehr ganz kleinen Kindern. Wir schmückten alle zusammen den grossen Baum. Immer noch sehr einfach, wenn nicht zu sagen reduziert. Bis unser mittlerer Sohn den Kopf schüttelte, sein Fahrrad holte und kurz vor Ladenschluss ins Dorf fuhr. Zurück kam er mit einer ganzen Tragtasche voller Lametta, mit goldenen und silbernen Glitzergirlanden, Ketten und kleinen Motivbändern.

Jetzt wurde dekoriert, was das Zeug hielt. Am schönsten fanden die Kinder das Lametta, das mit einigem Abstand zum Baum schwungvoll an die Äste geworfen wurde. Als die Kerzen brannten, funkelte unser Baum, als wären sämtliche Weihnachtslichter in unserem Wohnzimmer versammelt.

Wärst du, Kindchen …

Und ich musste ob dieser Opulenz an das «Kaschubische Weihnachtslied» von Werner Bergengrün denken, an diese kindlich-fromme Freude an der Geburt des «Kindchens», an das pralle, sinnliche Leben, das aus diesen Versen spricht (man findet dieses Gedicht unter seinem Titel im Google). Und merkte, dass Weihnachten viel mehr ist als stylisches Dekor.

Als sich die Familienweihnacht in die Wohnzimmer der erwachsenen Kinder verlagerte, verzichtete ich auf einen eigenen Christbaum. All die schönen Kugeln wurden aber aufbewahrt, bis ich auf die Idee kam, in der Adventszeit einen grossen, verzweigten Prunusast damit zu schmücken. Das sah stimmig aus, zwar wieder sehr einfach, aber doch festlich.

Nichts als Scherben

Bis eines Nachts die ganze Herrlichkeit mit Getöse von der alten Truhe stürzte – die Vase mit dem Ast war umgekippt. Nun lagen sie da, die mundgeblasenen Kostbarkeiten und ich konnte sie nur noch mitsamt all den Erinnerungen zusammenwischen. Eine einzige Kugel war heil geblieben. Die, auf die der Glaskünstler Roberto Niederer vor Jahren den Namen meiner Tochter mit schwungvoller Glasschrift geschrieben hatte.

Das Lichterfest auf dem Friedhof – die Pfadi steckt auf jedes Grab eine brennende Kerze – ist für viele Dorfbewohner an Heiligabend die traditionelle Einstimmung auf die Festtage. (Pfadi)

Ein kleiner Weihnachtsast steht in der Adventszeit immer noch auf der Truhe, behängt mit allerlei neu gekauftem Glasschmuck. Und dieses Jahr haben mir meine Enkel die grosse, runde Eibe im Garten mit Weihnachtsmotiven geschmückt.

Dorfweihnacht auf dem Friedhof

Am 24. Dezember aber werde ich wie immer auf den Friedhof gehen. Denn bei uns in der Gemeinde sammelt die Pfadi in der Adventszeit Kerzen, drahtet diese an und steckt an Heiligabend auf jedes Grab eine brennende Kerze. Dazu spielen unsere Turmbläser Weihnachtsmelodien. Für viele Einwohner unserer Gemeinde wird es erst mit diesem besinnlichen Spaziergang durch das Lichtermeer auf dem Friedhof so richtig Weihnachten.

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