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Sinnieren beim Zugfahren

Auch rückwärts kommt man vorwärts.

Jedes Mal, wenn ich den Zug besteige und Platz nehme, setze ich mich – Angehöriger einer klaren Minderheit – so, dass ich rückwärts fahre. Denn wer vorwärts fährt, mag zwar schneller sehen, was auf ihn zukommt, doch die Bilder sind in Sekundenschnelle vorbei gerast, lassen sich nicht mehr zurück holen. Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung hingegen kann man den Details der Landschaft noch lange und in aller Ruhe nachblicken.

Als ich neulich im Schnellzug durchs Mittelland unterwegs war, kam ich angesichts der geschilderten Beobachtung ins Sinnieren. Liesse sich nicht auch im Leben manches mit einem leicht rückwärts gewandten Blick besser einordnen? Erlaubt uns die auf uns zurasende Zukunft überhaupt, das Wesentliche zu erkennen? Setzt bloss das Neue die Massstäbe, das Alte hingegen belastet nur?

Die Gesellschaft und ihre Menschen haben in ihrem Zukunfts- und Gegenwartswahn kein Auge für das Vergehende und Vergangene. Dabei könnte der Blick zurück oft eine wahre Offenbarung sein, angesichts einer Wirtschaft mit ihrer nur noch aufs «Money machen» ausgerichteten Stossrichtung; einem Bildungswesen, das vor lauter Umbruch kaum mehr wahrnehmbare Konturen und Konstanten aufweist; dominierendem Egoismus statt Gemeinschaftssinn. Familie, Erziehung, Bescheidenheit, einander helfen – hatten da früher nicht auch Werte bestanden, vielleicht gar die grösseren?

Das Leben, einem Zug gleich. Als ich in Bern aus meinen Gedanken aufschreckte wurde mir plötzlich bewusst, dass ich auch rückwärts vorwärts gekommen war. Und als sich der Zug Richtung Berner Oberland erneut in Bewegung setzte, fuhr ich plötzlich vorwärts, ohne den Platz gewechselt zu haben. Vorwärts, rückwärts – ein stetiges Wechselpiel.

«Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!» Es muss sich ja nicht gerade wie bei Wolfgang W. Parths berühmtem Kriegsroman um den Überlebenskampf auf dem Rückmarsch aus Russland handeln. Auch dem ganz normalen Leben bringt immer wieder einmal ein Tritt auf die Bremse wohltuende Beruhigung in der ohnehin meist überflüssigen Hektik.

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