FrontKolumnenWenn ein guter Freund geht

Wenn ein guter Freund geht

Und ein kompetenter Gesprächspartner künftig fehlt: Daniel Vischer 

Er sass vor mir, im Kantonsrat in Zürich. Wenn er an der Reihe war, der Ratspräsident ihm das Wort erteilt hatte, er in den engen Reihen aufstand, seinen Mikrofonknopf vor sich auf dem Pult drückte, sich kurz sammelte, die rechte Hand hinten vor mir in seinen Hosenrand stiess, wurde es still im Saal. Daniel Vischer hatte das Wort. Die ersten Worte waren meistens noch suchend, nicht so klar, er setzte zu den ersten Sätzen an, brach ab und doch unvermittelt fand er den Faden, argumentierte glasklar, beeindruckend deutlich. Niemand im Saal konnte sich seiner Argumentation entziehen. Sein unbändiger Wille, die uneingeschränkte persönliche Freiheit, die Unabhängigkeit des Menschen zu verteidigen, war seine Motivation, sein Drang, es lautstark im Rathausaal auch zu verkünden, auch wenn nur eine Spur davon in dem gerade diskutierten Geschäft in Frage gestellt wurde. Er war der Mahner, der Urliberale aus dem Basler Teig inmitten der Grünen Fraktion in Zürich. Wohl nur selten hat er sich mit seiner Fraktion abgesprochen, er machte, was er für gut fand, er referierte, wenn es ihn juckte, aus dem Stand heraus.

Wir fanden zusammen, setzten nach den Sitzungen unsere persönlichen Debatten in einem Restaurant in der Nähe fort, landeten bei der aktuellen komunalen, der kantonalen, der eidgenössischen, der Weltpolitik. Hüpften im Gespräch hin und her. Lachten, machten Witze, und ergötzten uns am politischen Personal in der Stadt, im Kanton, in Bern.

Im Bern, im Parlament, setzten wir fort, was wir im Kanton begonnen hatten. Unsere Gespräche wurden ernster, unsere gemeinsamen Mittagessen länger, er als Parlamentarier, ich später als Beobachter der politischen Szene. Er war vor allem eines: neugierig, unheimlich interessiert an der Welt, auch an meiner Meinung. Er wollte alles wissen, er fragte nach, bevor er zu seiner immer dezidierten Meinung anhob. Unverständlich blieb mir immer sein tiefer Anti-Amerikanimus. Immer wieder versuchte ich zu ergründen, was ihn an der amerikanischen Politik, an den USA so störte. Der verlorene Krieg in Vietnam, die Intervention im Irak, die den ganzen Nahen Osten in das Chaos stürzte, waren ihm Belege genug dafür, dass die USA in den letzen 50 Jahren Schreckliches angerichtet hätten. Ich setzte dagegen, dass im Ersten und im Zweiten Weltkrieg tausende junge Amerikaner Europa befreit hätten, ihr Leben dafür gegeben hätten.

Im vergangen Jahr hatten wir uns noch verabredet, wollten wieder einmal bei einem Mittagessen ausloten, was in dieser Welt vor sich geht. Am letzten Donnerstag ist Daniel Vischer (67) seiner Krebskrankheit erlegen, die ihn seit Jahren zwar belastet, aber nie in seinem totalen Engagement für die Politik bis zuletzt behindert hatte. Ich kann nicht mehr mit ihm diskutieren, kann nicht mehr von seinem scharfen, analytischen Sachverstand profitieren, werde nicht mehr von ihm erfahren, wie er Donald Trump und sein künftiges, noch nicht definierbares Wirken um die Weltpolitik beurteilt. Er wird nicht mehr sarkastisch und spannend darlegen, wie es um die Neuen Medien steht, wie ein Mann zu beurteilen ist, der twittert, der gar grosse Welt-Firmen, wie beispielsweise BMW, auffordert, das zu tun, was er von ihnen verlangt: Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Ansonsten würden sie direkt diskriminiert, mit Strafzöllen versehen.

Wir werden nicht mehr diskutieren können, wie dreist bei den drei eidgenössischen Vorlagen, die am 12. Februar zu Abstimmung kommen, gelogen wird, wie mit dem Burka-Inserat eine Fährte gelegt wird, die suggeriert, es würden künftig bei der erleichterten Einbürgerung von jungen Menschen der Dritten Generation gerade noch alle Burka-Trägerinnen unkontrolliert eingebürgert. Die Unternehmenssteuer werde Arbeitsplätze sichern, ob wohl dies alles nur erhoffte Vermutung ist.

Daniel Vischer würde in die Tasten greifen, sich zu Wort melden, er würde all diese Lügen und Vermutungen mutig analysieren, in markanten Sätzen die dargebotenen Argumente entlarven. Und uns würde er raten, es ihm gleich zu tun.

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