Kultur

Claude Monet - Fest der Malerei

20 Jahre Fondation Beyeler: Mit einer grossartigen Monet-Ausstellung beginnt das Jubiläumsjahr

Blasses Sonnenlicht aus feinen Nebelschleiern liegt über der bläulichen Basler Stadtsilhouette am Rhein, während ich von der Monet-Ausstellung über die Wettsteinbrücke zum Bahnhof fahre. Sogleich sind die London-Bilder, die Stimmungen mit der Charing-Cross-Brücke in meinem Kopf.

Charing Cross Bridge, Nebel über der Themse. 1903. Harvard Art Museum/Fogg Museum. © President and Fellows of Harvard College

Nach London zog es Claude Monet nicht nur wegen der Kunst. Die Stadt bedeutete ihm, der schon während des deutsch-französischen Kriegs dorthin geflohen war, ein politisches Vorbild. Monet war mit seinem Freund Georges Clemenceau, Radikalsozialist und später Premierminister Frankreichs, hingefahren. Wie besessen malte er immer wieder die Waterloo Bridge oder das Westminster House, das je andere Licht suchend: „Ohne Nebel wäre London keine schöne Stadt. Es ist der Nebel, der London seine wunderbare Weite gibt.“

Nun ist es in der Fondation Beyeler möglich, mehrere dieser Bilder miteinander zu betrachten. Allein in diesem London-Saal wird klar, was Ulf Küster mit dem Übergangskünstler Monet will: das Motiv rückt in den Hintergrund, es geht um Farben, um Licht, um Wirkung der Malerei.

Claude Monet (Kopf als Schatten) fotografiert seinen Seerosenteich. Foto gezeigt von Monets Urenkel Philippe Piguet bei der Medienführung

Ernst Beyeler, dessen Sammlung mit Monet begann, hat das Museum in Riehen für das Nymphéas-Triptychon bauen lassen. Dieses monumentale Werk ist nun der Endpunkt einer Ausstellung, in der es um den Weg des Impressionisten Monet zum Spätwerk mit Garten- und Teichbildern geht. Sie sind keine Abbilder der Natur, das Bild selber ist die Wirklichkeit.

An den Beginn des Rundgangs setzt Kurator Ulf Küster einen anderen Dreiklang: die aus schlichtem Rahmen und in neuem Leuchten strahlende Kathedrale von Rouen, ebenfalls Sammlung Beyeler, den Getreideschober im Gegenlicht, der für Wassily Kandinsky zur Offenbarung wurde, sowie eines der sanften, hellen Wiesenbilder aus der Umgebung seines Ateliers in Giverny.

Pappeln gespiegelt im Wasser malte Monet immer wieder neu – Detail aus der Ausstellung

Auf die Jahre nach 1880 habe man sich konzentriert, sagt der Kurator, „weil es die Phase des großen Übergangs ist. Diese Phase, wo Monet das Tor zur Abstraktion aufstößt.“ Monet – Maler der Gartenszenen als Impressionist, Monet – Maler der grossen Seerosenbilder, also das Früh- und das Spätwerk (mit Ausnahme der Seerosen aus der eigenen Sammlung) bleiben bei dieser Schau aussen vor und machen sie – auch dank vieler Werke, die selten oder nie gezeigt werden konnten, weil ihre Besitzer sie nicht gern ausleihen – zu einem nachhaltigen Ereignis des Lichts, des Schattens und der Spiegelung als zentrale Elemente in Monets Arbeit.

Die Hütte des Zollwärters, 1882. Harvard Art Museum/Fogg Museum © President and Fellows of Harvard College

Schatten sind keine dunklen, amorphen Flächen. Das wurde Kandinsky schlagartig bewusst, weil er das Motiv, den Heuschober im Gegenlicht, nicht erkannte: „Die Farben und nicht der abgebildete Gegenstand machen die Malerei aus.“ Kandinsky wird als erster abstrakter Maler bezeichnet. Die farbenreichen Schattenspiele finden sich auch in den Gegenlichtbildern des Zollwärterhauses auf einem Sporn an der Küste, oder der Klippen bei Port-Domois.

Die 62 Werke in der Ausstellung sind thematisch gruppiert. Monet hat immer wieder das gleiche gemalt, seine Serien sind teils über viele Jahre hinweg entstanden – es gibt frühe und späte Pappel-Alleen, frühe und späte Bilder von der Seine, an deren Ufern er lebte. „Die Seine! Mein ganzes Leben lang habe ich sie gemalt, zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit.“

Sonnenuntergang über der Seine im Winter. 1880. Pola Museum of Art

Fasziniert war Monet vom Tauwetter auf der trägen Seine, als nach dem harten Winter von 1880, Eisschollen die Spiegelungen des Ufers und des Himmels zerstückelten. Einmal in hellem, zartbläulichem Tageslicht, einmal in pastellenem Ocker am Tagesende und einmal mit Sonnenuntergang über dem Fluss. Allein wegen dieser roten Sonne im rötlichen Himmel über den blauweissen Eisschollen muss man die Ausstellung sehen, auch wenn es wohl kaum möglich sein wird, allein vor dem Bild zu stehen und sich darin zu vertiefen.

Ausserdem: Hingehen und Schauen ist bei diesem Bilderfest unerlässlich – Monets Bilder lassen sich weder digital noch im besten Katalogdruck adäquat reproduzieren. Angesichts der Zuschauermassen, die erwartet werden, bietet das Museum etwas Spezielles für Frühaufsteher: Monet am Morgen mit Führung oder einer Meditation gibt es alle 14 Tage für jeweils 30 Teilnehmer.

Schatten auf dem Meer in Pourville. 1882. Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen

Lebenslang – seit den ersten Schritten als junger Plein-air-Maler in Le Havre – ist Monet fasziniert vom Ozean: das Meer mit Ebbe und Flut, oft gemalt mit dem Felsabbruch in Pourville, das tiefblaue Meer an der besonnten französischen Riviera, das bewegte Meer der normannischen Küste.

Am Ende seines langen Lebens genügt ihm das Gewässer im Garten von Giverny. Den Seerosenteich macht der Maler endgültig zum gespiegelten Universum seiner Malerei.

bis 28. Mai 2017
Details zur Ausstellung sowie zu den Begleitveranstaltungen finden Sie hier. Die Buchung eines Online-Tickets zur Ausstellung wird empfohlen. Zum Jubiläumsjahr offeriert das Museum ein Kombiticket für die drei Ausstellungen (Claude Monet, Wolfgang Tillmans, Paul Klee) für 60 Franken
Zur Ausstellung ist ein lesenswerter Katalog erschienen: Claude Monet neu entdeckt: Licht, Schatten und Reflexion, hg. von Ulf Küster, Fondation Beyeler 2017. 62.50 Franken