Kultur

Scheuchzer, Bodmer, Breitinger

Zürcher Intellektuelle des 18. Jahrhunderts betreuen zum Ruhm der Stadt das erste Museum Zürichs

Warum das Landesmuseum in Zürich und weder in Bern, noch Luzern oder Basel steht, hat seinen Grund im 17. Jahrhundert. 1634 wird die Bürgerbibliothek mit Kunstkammer in der damals leerstehenden Wasserkirche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Reihenweise Regale voll gedruckter Bände mit antiken und zeitgenössischen Texten jeder Art und im Dachgeschoss die Anfänge eines Kunstkabinetts für alle Arten Dinge. Im Zeitalter der Aufklärung wurden die Sammlungen von Johann Jakob Scheuchzer, Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger massgeblich betreut und gefördert. Die Bürgerbibliothek mit Schatzkammer ist der Trumpf der Stadt Zürich, als der Standort des Landesmuseums ausgejasst wird. Nun erinnert eine Ausstellung in der Schatzkammer der Zentralbibliothek (ZB) an Zürichs erstes Museum.

Diese Zürcher Aufklärer – Scheuchzer, Breitinger, Bodmer – machten sich um das erste Museum Zürichs verdient

Vier junge Zürcher beschliessen 1629 eine Bibliothek gründen. Sie beginnen zu sammeln, sowohl Bücher als auch Objekte für ein Kunstkabinett. Wer im 17. und 18. Jahrhundert dazugehören will, unterstützt die Unternehmung mit Geld oder Gaben. Die Kunstkammer war insofern ein Sonderfall, als sie nicht fürstlich, sondern republikanisch war. Ziel dieses allerersten Museums für Zürich war es, das ganze Universum abzubilden, während die Bürgerbibliothek als „Tempel der Weisheit“ galt.

Auch „fliegende“ Fische gab es unter dem Netzwerk in der Bürgerbibliothek mit Kunstkammer. Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek mit Innenansicht der Bibliothek nach dem Umbau 1719

Kunst hat mit künstlich zu tun, es geht also um hergestellte Werke, erklärt Gunnar Dalvit, Kurator der Ausstellung. So kommen Reiseandenken, Münzen, botanische und zoologische Objekte nebst Kunstwerken in die Sammlung. Richtig berühmt wurde sie dank zweier Franzosen, die in ihrem Reisetagebuch die gegerbte Menschenhaut begeistert beschrieben, die wegen einer illegal vorgenommenen Obduktion mit nachfolgender Konservierung durch zum Ausstellungsgegenstand wurde, weil der Rat sie zwar konfisziert, nicht aber weggeworfen hatte. Malerei, vor allem Porträts berühmter Bürger, wurde ebenso gesammelt wie exotische Tiere oder Landkarten und Globen. In der Ausstellung hängt als besonders wertvolles Beispiel Tobias Stimmers Porträt des Antistes Heinrich Bullinger.

Am Rand ist auch zu erfahren, warum die Zürcher damals ihren Stolz, vom kühnen Volk der Tiguriner abzustammen, abschminken mussten: Ein Stein aus Römerzeit, beschriftet mit Turicum war der Beweis, dass der Lindenhof eine einfache römische Zollstation war.

Johann Jakob Scheuchzer ersinnt eine Taxonomie, um die Objekte zu inventarisieren. Es geht darum, die göttliche Schöpfung abzubilden. Kriterien sind beispielsweise Pflanze – Tier – Stein, wobei zu letzterem auch die Koralle zählt. Gesammelt wurden auch naturwissenschaftliche und mathematische Geräte – darunter ein goldenes Astrolabium. In der Ausstellung ist auch das teuerste Buch des 17. Jahrhunderts zu sehen, Joan Blaeus Weltatlas, gedruckt in Amsterdam 1641-42.

Mit dieser Karte orientierten sich die Seefahrer im Mittelalter. Seekarte aus der Kunstkammer der Bürgerbibliothek

Die Kunstkammer war im Obergeschoss der mit der Reformation säkularisierten Wasserkirche untergebracht, im Erdgeschoss reihten sich an den Wänden des gotischen Baus die Bücherregale. Mit dem Buchdruck kommt es in der Renaissance zu einer Explosion der Bestände: Alle antiken Schriften werden wieder entdeckt und als gültige Wahrheiten gedruckt, dazu Lexika, Bibelübersetzungen und vieles mehr. Im Aufklärungszeitalter des René Descartes oder Francis Bacon wird alles Wissen hinterfragt und selbständig geforscht. Jetzt wachsen die Bibliotheken schnell. Jonathan Swift publiziert die Satire Battle of Books (in der Bibliothek streiten die antiken Schriften mit den neuen Büchern). Das Büchlein zählt zum Bestand der ZB. 

So zeichnet Franz Hegi 1845 den Empfang von Gästen in der Bürgerbibliothek im Barockzeitalter.

Dank den bestens vernetzten Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger, eine zeitlang Leiter der Bibliothek, kamen immer wieder berühmte Leute zu Besuch. Der Beweis, dass auch Goethe während eines Besuchs in der Stadt da war, bleibt vorerst ein Wunsch. Mit der Spezialisierung überholte sich das Konzept, die ganze Wissenschaft an einem Ort zu sammeln. „Erben“ wurden die antiquarische, die naturforschende und weitere spezialisierte Gesellschaften. Gesammelt wurde aber auch noch im 19. Jahrhundert. So bekam die Bürgerbibliothek unter anderem von der Stadt einige Zürcher „Reliquien“, sagt Gunnar Dalvit, darunter einen Siegelstempel aus dem Burgunderkrieg, oder den Ring der letzten Fraumünster-Äbtissin.

So stellten sich die Tierforscher der frühen Neuzeit den Lindwurm und das Einhorn vor

Während die Bücher und Handschriften in der Zentralbibliothek lagern und die Wasserkirche anderen Zwecken dient, sind die Reste der Kunstkammer Dauerleihgaben im Landesmuseum. Für die Ausstellung kamen einige auf Zeit für die erste Ausstellung zum Jubiläum 100 Jahre ZB zurück. Ein besonderer Schatz ist der sogenannte Holbein-Tisch, ein Renaissance-Möbel mit bemaltem Tischblatt. Dass nicht Hans Holbein der Künstler war, sondern Hans Herbst aus Zürich mit H.H. firmierte, ist noch nicht allzulang bekannt. Wünschbar wäre, dass das vergrösserte Landesmuseum demnächst einen Platz in der Dauerausstellung findet, damit der Tisch nicht wieder für unbestimmte Zeit ins Lager verbannt wird.

Teaserbild: Helmhaus und Wasserkirche auf dem kolorierten Murerplan © Roland Fischer

Informationen finden Sie hier

Nächste öffentliche Führung: 4. März 13 Uhr
Bis 18. März