Kultur

Im Trüben fischen und Menschheitsrätsel lösen

Das Museum Rietberg präsentiert eine spektakuläre Ausstellung zum Osiris-Mythos

Der Unterwasserarchäologe Franck Goddio steht vor seinem Lieblingsstück aus dem Nildelta: Eine Stele aus der ptolemäischen Zeit, deren Oberfläche so glatt, deren Hieroglyphen und Figuren so klar sind, als wäre der Stein nie im Wasser des Nildeltas gelegen, schon gar nicht über 1300 Jahre lang. Des Rätsels Lösung: Die Stele ist bei dem Unglück im 8. Jahrhundert, als in der Bucht von Abukir zwei Städte im Meer versanken, gleich mit der Vorderseite flach im Lehm und Schlick gelandet, so dass sie vor Strömung und Sand bestens geschützt war.

Zypriotischer Statuettenkopf aus Kalkstein, Thonis-Herakleion, Bucht von Abukir © Christoph Gerigk © Franck Goddio / Hilti Foundation

Zunächst ging es dem anSchiffswracks interessierten Finanzberater und Hobbytaucher Franck Goddio um die Erforschung eines weiteren Schiffs, nämlich um das Wrack der Orient, Flaggschiff der napoleonischen Flotte, das von Admiral Nelson in der Bucht von Abukir versenkt worden war. Das war 1984. Die Bucht barg aber ein viel grösseres Geheimnis, nämlich die verschwundenen Städte Kanopus und Thonis-Herakleion, deren Namen zwar in den Schriften der Antike genannt werden, deren Ruinen jedoch nie entdeckt worden waren. Gesichert ist nun, dass das ägyptische Thonis und das griechische Herakleion eins sind. Gründe für den Untergang im 8. Jahrhundert nach Christus waren Senkungen der Erdkruste, Hochwasser des Nil und der Umstand, dass die beiden einst bedeutenden Seehäfen und Zollstätten mitsamt ihren Heiligtümern am Mittelmeer auf weichem Untergrund gebaut waren.

Die Kolossalstatue des Gottes Hapi ist 5,4 Meter hoch. Für alle drei Riesenstatuen vor dem Eingang zum Museum wurden Glashäuser gebaut. © PPR/Manuel Lopez

Goddio gründet 1985 das Europäische Institut für Unterwasserarchäologie (Institut Européen d‘Archéologie Sous-Marine, IEASM) und widmet sich fortan hauptberuflich der Ortung, Bergung und Sicherung archäologischer Stätten unter Wasser, zunächst den Funden in der Bucht von Abukir. Dass es eine Lebensaufgabe würde, wurde Goddio erst mit der Zeit klar: Seit den 90er Jahren sitzt er quasi im Nildelta nahe bei Alexandria fest. Jetzt ist er 70 und hat – so denkt er – gerade den zwanzigsten Teil der Forschungen im westlichen Nildelta bewältigt. Die schönsten und wichtigsten Fundstücke, natürlich alle in ägyptischem Staatsbesitz, sind nun auf Museumsreise.

Blick in die Ausstellung mit dem Foto eines Wracks aus Sykomorenholz, die auf dem Meeresgrund blieb. Solche Barken wurde wohl bei den Osiris-Prozessionen eingesetzt. © E. Caflisch 

Nach Paris und London kann das Museum Rietberg als erstes im deutschsprachigen Raum die Ausstellung Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens zeigen. Gleich im Hof empfangen einen drei gigantische Statuen, denen zwar das Meer über ein Jahrtausend wenig anhaben konnte, die nun aber in Glashäusern vor der Witterung geschützt werden müssen. Die Ausstellung umfasst rund 250 Objekte und Kunstwerke aus den jüngsten Unterwassergrabungen, die unter der Leitung von Franck Goddio jährlich in Zusammenarbeit mit dem Ägyptischen Ministerium für Altertümer in der Bucht von Abukir ausgeführt werden. Dazu haben die staatlichen Museen von Kairo und Alexandria vierzig Meisterwerke ausgeliehen, von denen viele zum ersten Mal ausserhalb Ägyptens zu sehen sind.

Osiris-Statuette aus Bronze und Votivboot aus Blei am Meeresgrund © Christoph Gerigk © Franck Goddio / Hilti Foundation

Drei Etappen hat der Rundgang:
– der Osiris-Mythos, der in die dunkle Vorzeit des Pharaonenreichs führt und es letztlich über Tausende von Jahren stabilisierte
– die Osiris-Prozessionen in Kanopis und Thonis-Heraklion, welche zwischen 800 v.C. bis zum Untergang neben pharaonischen auch griechische und römische Herrschaftsepochen überdauerten
– die Entwicklung des Mythos in griechisch-römischer Zeit, in der sich unter anderem der Osiris-Kult mit dem Dionysos-Kult überlagert.

Ein kurzer Film führt in die Unterwasserarchäologie ein: Zunächst wird ein Gebiet mit geophysikalischen Methoden untersucht, gescannt und digitalisiert. Erfolg versprechende Orte werden als Grabungsstätte ausgeschieden. Bei ersten Tauchgängen werden die dicken Sedimentschichten sorgsam entfernt. Zunächst stiessen Goddio und seine Taucher auf die Mauer eines Osiris-Tempels. Mittlerweile haben die versunkenen Städte einige ihrer Geheimnisse preisgegeben, auch zu dem nun im Mittelpunkt der Ausstellung stehenden Osiris-Mythos. Osiris-Mysterien wurden in ganz Ägypten gefeiert. Dank der Grabungsstätte unter Wasser können antike Beschreibungen der Prozession um die Totenwache und Grablegung des Gottes, der jedes Jahr wiedergeboren wird, anhand von Artefakten untermauert werden.

Die Legende: Osiris wird von seinem Bruder Seth ermordet, seine Leiche zerstückelt und in den Nil geworfen. Isis, Gattin und Schwester von Osiris, setzt die Leiche zusammen, haucht ihr Leben ein, damit sie seinen Samen empfangen kann. Ihr Sohn Horus rächt sich an Seth und wird der erste Pharao, während Osiris über das Jenseits herrscht. Oder wie Plutarch sagt: „In Ägypten ist Osiris der Nil, der sich mit Isis, der Erde, paart, und Seth ist das Meer, in das sich der Nil ergiesst, verteilt und auflöst.“

Kornosiris mit Sarkophag. Alljährlich formten die Priester aus Erde und Getreidesamen eine Figur, die mit Nilwasser begossen wurde, bis der Samen aufging. Am Ende der Feierlichkeiten wurde die Statuette als Mumie beigesetzt © E. Caflisch

1881 wurde eine Steintafel aus dem Jahr 238 v.Chr. gefunden, auf der die Osiris-Mysterien vermerkt waren, die mit der Prozession von Symbolen und Kultgegenständen vom Amun-Gereb-Tempel (oder, griechisch, vom Heiligtum des Herakles) in Thonis-Herakleion durch einen Kanal zum Osiris-Tempel in Kanopus ihren Höhepunkt fanden. Nun ist auch die „Hardware“ dazu aufgetaucht.

Die Erweckung des Osiris, Ägyptisches Museum, Kairo © Christoph Gerigk © Franck Goddio / Hilti Foundation

Die Kunstwerke, rituellen Gegenstände und weiteren Artefakte wie Schmuckstücke und Münzen stammen aus den Unterwassergrabungen – in der Ausstellung in meergrünem Ambiente gezeigt, während die Leihgaben aus den ägyptischen Museen in rotem Umfeld ausgestellt sind. Immer wieder vermitteln Videos die Arbeit der Taucher, die wörtlich im Trüben fischen. Die grosse Ausstellung – die teuerste, die sich das Museum Rietberg je leistete – vermittelt auch das Faszinierende der Unterwasserarchäologie. Sie wendet sich an Laien wie Fachleute, an Ägyptophile und Kunstliebhaber. Dank unterschiedlicher Informationsebenen bleibt niemand rat- und lustlos vor diesen einmaligen Objekten. Im Gegenteil, wer sich bislang kaum für die Pharaonen und ihre Nachfolger am Mittelmeer interessierte, wird hier regelrecht hineingezogen – nicht zuletzt wegen der ausgewogenen und wohl selten erreichten Schönheit einiger der Statuen, beispielsweise der kopf- und armlosen Statue der Arsinoë aus schwarzem Granit. Auch der Katalog (39 Franken), den das IEASM gemeinsam mit dem Museum Rietberg herausgegeben hat, genügt wissenschaftlichen Kriterien, fasziniert in seiner Vielfalt der Zeugnisse aber auch Museumsbesucher und Altertumsliebhaber wie Sie und mich.

Teaserbild: Stele von Thonis-Heraklion, Bucht von Abukir, Ägypten. Bild: Christoph Gerigk © Franck Goddio, Hilti Foundation
Bis 16. Juli