FrontKulturDie Handschrift von Diego

Die Handschrift von Diego

Diego Colombo soll sich nach einem gescheiterten Raubzug in die Luft gesprengt haben. Der Triestiner Commissario Laurenti glaubt nicht daran. Nun jagt er den vermeintlich Toten.

Im Freihafen von Triest wird ein grosser Raubzug begangen – ganz im Stil von Diego Colombo, einem alten Erzfeind von Commissario Laurenti. Der will dem Verbrecher nun endlich das Handwerk legen, zumal bei dem Ueberfall ein unschuldiger Mensch stirbt.

Wie Diego angeblich das Zeitliche segnet

Im April 1991 schleicht am Sporthafen von Triest ein Mann mit einem Karton auf eine luxuriöse Jacht. Sekunden später erhellt ein greller Blitz die Nacht, es gibt eine gewaltige Explosion, mehrere Schiffe gehen in Flammen auf, übrig bleiben nur noch kleinste Trümmerteile.

Beobachtet wird das Inferno von Maresciallo La Rosa von der Guardia di Finanza. Er sagt später aus, dass es Diego Colombo war, der auf dem Schiff war und in die Luft geflogen ist. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.

Teresa Fonda, die Ehefrau von Diego, hegt jedenfalls erhebliche Zweifel, was sie dem Ermittler Commissario Laurenti jedoch verschweigt. Diego ist seinerzeit aus Argentinien geflohen, angeblich vor dem Falklandkrieg. In Triest hat er auf Segeljachten reicher Leute gearbeitet und nebenbei auch den einen oder anderen nicht ganz sauberen Job für seine Klientel oder für Polizisten erledigt – auch für Maresciallo La Rosa.

Teresa bezichtigt diesen, Diego erpresst und jetzt umgebracht zu haben, weil er nichts mehr gegen ihn in der Hand hatte. Später macht sie im Hafen aber eine erstaunliche Entdeckung: das Segelboot „Esperanza“ ist verschwunden. Diego war mit dem Schiff aus Argentinien geflüchtet und hatte es wie seinen Augapfel gehütet. Haben sich vielleicht alle getäuscht, ist Diego vielleicht gar nicht tot?

Die lustige Witwe

Am Kiosk von Teresa an der Piazza San Giovanni kaufen die Männer Tabak und Zeitungen nicht zuletzt auch, um mit ihr zu schäkern und zu flirten. Sie scheint keineswegs die trauernde, sondern eher die lustige Witwe zu spielen. Als Diego angeblich starb, war sie schwanger, später hat sie noch zwei Kinder. Alle seien Diego wie aus dem Gesicht geschnitten, behauptet Commissario Laurenti. Selber nicht abgeneigt, einen Plausch mit ihr zu haben, vermutet er, sie halte sich mindestens einen versteckten Liebhaber.

Ganz so leicht ist das Leben der lustigen Witwe aber denn doch nicht. Plötzlich wird sie verfolgt von Daria Bono, der unehelichenTochter von La Rosa. Manchmal stecken zwischen den Zeitungsbündeln am Kiosk Fotokopien wertvoller Gemälde. Auf Umwegen erfährt sie, wer Daria, die Frau mit dem weissen Hündchen, ist: Sie führt eine Altersresidenz – auch eher auf zweifelhafte Art.

Die Handschrift von Diego

Dann gibt es einen neuen Ueberfall – mit der eindeutigen Handschrift von Diego. Und die geht so: Weit weg vom eigentlichen Tatort ereignet sich ein Sprengstoff-Anschlag, ein Gebäude fliegt in die Luft, die halbe Stadt wird aus dem Schlaf gerissen, Sirenengeheul, ein Grossaufgebot an Polizei. Aller Augen sind auf die Explosion gerichtet.

Zeitgleich schlagen die Täter im alten Hafen zu: sie kidnappen ein Auto der Kanalreinigung, mit dem sie problemlos in die Zollfrei-Zone gelangen. Den Arbeiter schlagen sie spitalreif, er erliegt später seinen schweren Verletzungen. Im Hafen decken die Täter ein geheimes Lager von wertvollen Kunstwerken auf, das bisher niemandem bekannt war.

Es gehört einer Firma zur Verarbeitung und Export von Fisch. Geschäftsführer ist ein Rechtsanwalt Carfi. Besitzer ist jedoch der inzwischen invalide, 78 Jahre alte Ex-Maresciallo La Rosa. Aber der macht sich keine Sorgen, die Bilder liegen schliesslich in einem Zollfreigebiet und gehen die Behörden gar nichts an.

Commissario Laurenti und sein Team sind anderer Meinung. Eine Kurzexpertise ergibt, dass sich im Zollfreilager Millionenwerte befinden, Dutzende Gemälde, die früher in Museen oder bei reichen Leuten hingen. Vorhanden sind Werke quer durch Epochen und Stile. Der Dieb und Schmuggler hatte offenbar keine Ahnung von Kunst und vom Markt.

Die Jagd nach dem Phantom

Laurenti ist nun überzeugt, dass Diego lebt, es gibt mehrere Hinweise darauf. Rätselhaft ist aber, was ihn angetrieben haben könnte, seine jahrelange Tarnung aufzugeben. Welche Rolle spielt die Kioskinhaberin Teresa, welche Daria und ihr Vater La Rosa. Und wie sauber sind die Hände von Anwalt Carfi, dem Geschäftsführer des Zollfreilagers?

Ein guter Krimi lebt zunächst von heilloser Verwirrung, mit verschiedenen Orten, Zeitsprüngen, wichtigem und unwichtigem Personal und authentischem Lokalkolorit. Er darf auch mal ein düsteres Bild malen, das nahe der Realität ist: Korruption, Betrug bis hin zur Leichenfledderei, Schmuggel und Steuer-Hinterziehung. Aber zuletzt muss ein schöner Bogen gespannt und zu einer runden Geschichte und damit zur Lösung führen. „Die Zeitungsfrau“ ist eindeutig ein guter Krimi.

Veit Heinichen „Die Zeitungsfrau“, erschienen bei Piper, 351 S., ISBN 978-3-492-05758-5

 

 

 

 

 

 

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