FrontKulturEigenwillige und persönliche Grafik

Eigenwillige und persönliche Grafik

Das Cabinet d’arts graphiques in Genf zeigt Werke von Martin Disler (1949-1996)

Schon wenn man hier ins Auge des Titelbildes schaut, sieht man es: Der Grafiker, Lithograph und in jeder Beziehung höchst vielseitige Künstler Martin Disler schafft mit seinen Arbeiten vielfach nicht nur zweidimensionale Abbilder, sondern meistens ganze Räume. Er projiziert verschiedene Farben, Inhalte und Ansichten in dieselbe Druckvorlage, oder er druckt verschiedene Vorlagen übereinander auf dasselbe Blatt. Das regt zu genauem Hinschauen an. Flüchtige Sichtkontakte bringen nichts, man würde die Figuren von verschiedener Grösse vermutlich höchstens als Striche erkennen. Ernsthaftes Schauen erst entdeckt die Feinheiten und den Reichtum von Form und Inhalt der Darstellungen umfassend.

Beim Auge des Titelbildes scheint die Botschaft recht offensichtlich. Es gibt jedoch Grafiken, deren Inhalt trotz der vordergründig höchst ansprechenden Wirkung weit rätselhafter erscheinen, wie etwa die folgende.

Gravure W, 1986, Triptyque à l’acquatinte en couleurs sur vélin Zerkall. CdAG Genève, don de la Galerie Eric Franck, 1987. © Succession Martin Disler. Photo André Longchamp.

Der erste Blick zeigt eine spannungsvolle und formenreiche, mit hellem Rot und dunklem Schwarz diagonal kontrastierende Bildaufteilung. Beim intensiven Hinschauen gewahrt man den Tanz eines Satyrs um das Weibliche, mit Details erzählt, die sich nur mit der Zeit und eher zurückhaltend dem Betrachter erschliessen. Sie öffnen einen Raum, der auch formal weit mehr als nur den «farbigen Abglanz des (tatsächlichen) Lebens» (Zitat aus Goethes FAUST) bedeutet.

«Jeder trage des anderen Last», 1989, Lithographie en couleurs sur japon. Don d’ Irene Grundel, © Succession Martin Disler

Ein Bibelzitat inspirierte Martin Disler zu diesen Lithographien (die zweite Darstellung in den Farben Schwarz (Träger) und Gelb (Last)fehlt, sie ist im Bildangebot nicht enthalten): «Einer trage des anderen Last» (Paulus an die Galater, Kap. 6 V. 2, erster Teil). Hier beeindruckt weniger die Reichhaltigkeit des Bildinhaltes, dafür umso eher dessen dunkle Symbolik. Die Umkehrung des Lichtwertes im zweiten Bild verschafft nicht entsprechende hellere Gefühle; zwar scheint die Last leichter (Gelb), der Träger jedoch wirkt durch sein dunkles Schwarz umso bedrückter. Die Hauptmotive sind in beiden Bildern dieselben.

Carnet de notes et dessins. (1990-1996) © Succession Martin Disler

In jungen Jahren wollte Martin Disler Schriftsteller werden. Schon als Schüler schrieb er Gedichte; er spielte auch Musik und Theater. Mit Zwanzig begann er mit Malen, unter dem Eindruck seiner Erfahrungen als Hilfspfleger in einer Solothurner Psychiatrischen Klinik. Bis zuletzt jedoch schreibt er. Zum Teil tagebuchartige Texte, zum Teil verschiedene Arten von Essays und Vorträgen erscheinen als eine bedeutende Parallele seines Schaffens. Sie enthalten einen Reichtum von Gedanken, Informationen und auch kunst- und kulturkritischen Überlegungen. Darin lässt sich auch lesen, wie der Künstler sich von den Fesseln des Kunstmarkts und den Etiketten der Strömungen von Minimalismus und Konzeptkunst abwendet. Autodidakt, der er weitgehend war, gehörte er auch nie irgend einer künstlerischen Bewegung oder Gruppe an. Dass er seine Werke mit persönlich reflektierender, jederzeit wacher, dem Leben zugewandter, aufnahmefähiger Intelligenz schuf, macht wohl deren eindrückliche Besonderheit aus. Sie werden von den Kuratoren Christian Rümelin (Leiter des Cabinet d’arts graphiques) und Caroline Guignard (Konservatorin ebenda) in so ansprechender wie informativer Anschaulichkeit präsentiert.

Disler ist ein Weitgereister, und es erstaunt nicht, dass vielfältigste Erlebnisse, Erfahrungen und Überlegungen in sein Werk einfliessen. Schon bald werden seine Werke, besonders die Grafiken, weltweit bekannt. Eine erste Publikation des Werkverzeichnisses durch das Cabinet d’estampes in Genf, wie das Cabinet d’arts graphiques des Musée d’art et d’histoire (MAH) damals noch hiess, erfolgte 1989. Seither ist es das Verdienst dieser Genfer Kulturinstitution, dem Werk Martin Dislers hohe Anerkennung und sorgfältige Betreuung angedeihen zu lassen. Die gegenwärtige Ausstellung darf darüber  hinaus auch als Ehrung für die Witwe Dislers, Irene Grundel gelten, die mit grosszügigen Gaben und weiterer Unterstützung mit dem Cabinet zusammenarbeitet.

«Sans titre», 1990-1991. Don d’Irene Grundel, 2002. © Succession Martin Disler.

«Sans titre», 1990-1991. Don d’Irene Grundel. © Succession Martin Disler

Die Ausstellung – «Martin Disler – Des coups au coeur» – dauert bis 30. Juli 2017.

Zur Ausstellung

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel