FrontKulturZwischen Anden und Meer: die Wüstenbilder der Nasca

Zwischen Anden und Meer: die Wüstenbilder der Nasca

Das Museum Rietberg in Zürich begibt sich „Auf Spurensuche in der Wüste“

Bauern waren sie, die Menschen der Nasca-Kultur, wie die Gesellschaft, die von etwa 200 v. Chr. bis 650 n. Chr. ihre Blütezeit hatte, nach einer heutigen Siedlung benannt wurde. Landwirtschaft betreiben ihre Nachfahren auch heute noch, unser Importspargel aus Peru beispielsweise wächst dort. Sie lebten in fruchtbaren Flusstälern und erkannten fern am Horizont, wo die Sonne aufgeht, die hohen Schneeberge der Anden, woher das Wasser in ihre Flüsse und Bewässerungssysteme kam. Wenn sie aus den Tälern hochstiegen, gelangten sie auf riesige Ebenen. Hier auf einem der trockensten Flecken des Planeten legten sie ihre weltberühmten Bodenzeichnungen an, die erst vom Flugzeug aus in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts entdeckt wurden. Als Landebahnen von Ausserirdischen „entschlüsselte“ der „Zukunftsforscher“ Erich von Däniken die geraden, kilometerlangen Linien und Trapezformen. Aber es gibt auch figürlichen Erdzeichnungen, beispielsweise den Affen mit dem Schwanz in Form einer riesigen, sehr exakt geformten Spirale.

Geoglyphe eines Orca. Nasca 2017 © Alfonso Casabonne

Dank der grossartigen Ausstellung im Museum Rietberg können nun auch Leute mit Bodenhaftung über diese Wüstenbilder, korrekt Geoglyphen genannt, fliegen. Mit Drohnen wurden spektakuläre Videoaufnahmen gemacht, die teils über Reliefs der Gegend, teils an die Wand projiziert werden. Wir erfahren, wie gut die Zeichen und Formen erhalten sind, wie gross sie sind, denn hier und dort stehen winzige Menschlein am Rand – vermutlich Forscher und ihre Helfer, und immer wieder geraten Schwerlastwagen ins Bild: die Transamericana führt als brutaler Schnitt mitten durch das viele Jahrhunderte lang unberührte Wüstengebiet. Im Hintergrund tauchen auch die grünen, üppig bewachsenen Flusstäler auf, die ständig besiedelt waren, deren Bewohner jedoch die trockene Hochebene aus ihrem kollektiven Gedächtnis getilgt haben mussten.

Bügelhenkel-Doppelausgussflasche in Form eines Orcas (Schwertwal). Ton modelliert und bemalt, gebrannt. © Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú. Ministerio de Cultura del Perú

Von den Nasca sind neben den Geoglyphen auch berührend schöne Tücher und buntbemalte Gefässe oder Krüge aus gebranntem Ton sowie Goldschmuck ins Museum gelangt. Dank intensiver Zusammenarbeit der Archäologen mit Psychologen, Ethnologen und Geologen ist es gelungen, den Schleier über einem der grössten Geheimnisse der Menschheitsgeschichte ein bisschen zu lüften, und wir dürfen daran teilhaben. Die Ausstellung, kuratiert von Peter Fux vom Rietberg-Museum und Cecilia Pardo vom Museo de Arte de Lima, vermittelt einsichtig, dass in der Gesamtschau der Geoglyphen und Artefakte sowie dem Totenkult der Schlüssel zu einer denkbaren Lösung des Rätsels liegt: Die Zeichnungen waren nicht zum Anschauen aus grosser Höhe gemacht worden, sondern zum Abschreiten, es gibt bei den meisten ganz klar einen Punkt zum Betreten und unweit daneben einen Punkt, bei dem man die Zeichnung wieder verlassen kann. Hier fanden, ist anzunehmen, rituelle Zeremonien statt, die – so muss aus den übrigen Artefakten geschlossen werden – von Musik begleitet waren: Trommeln, Flöten, auch Panflöten aus gebranntem Ton wurden in grosser Zahl gefunden. Dabei haben die Priester wohl Mescalin, eine psychoaktive Substanz aus dem San-Pedro-Kaktus zu sich genommen: es gibt auf Keramiken und Textilien fliegende Priesterfiguren, ein Gefäss in Form eines Mumienbündels, die Bemalung als Priester zu deuten, trägt kleine Kakteen links und rechts auf der Schulter. Weiter ein Geheimnis bleibt vorerst, wie die exakten Erdzeichnungen, welche mit viel Schwerarbeit von Steinen und der obersten Schicht befreit und als deutliche Spur sichtbar gemacht wurden, „vorgezeichnet“ worden waren.


Blick in die Ausstellung mit grosser Trommel aus bemaltem und gebranntem Ton

Beim Gang durch die Ausstellung erfahren wir, dass die mythologische Welt der Nasca-Kultur aus Luft, Wasser und Erde besteht: Vögel, Fische und katzenartige Wesen bevölkern Tongegenstände und Tücher. Tongeschirr wurde bei den Riten auf den zuvor nach genauen Plänen erstellten Geoglyphen von den Priestern zerschlagen, ihr bislang nicht bekannter Inhalt bleibt unbekannt, aber die Scherben sind nicht selten vollständig erhalten. Feinkeramik wurde aber auch in Siedlungen und als Grabbeigaben gefunden. Die Tücher indessen gehören zum Totenkult: die Nasca setzten ihre Toten vor der Grablegung in Strohkörbe und umwickelten sie mit mehreren Schichten Leinen- oder Baumwolltücher, die reich und bunt mit Alpakawolle bestickt worden waren. Dank des Wüstenklimas sind die Bündel mit den mumifizierten Menschen so gut erhalten, dass Peter Fux, der 2013 bei einem grossen Grabungs-Projekt dabei war, noch heute voller Emotionen und Respekt erzählt, wie ihn diese Arbeit tief berührte, weil sich angesichts der Mumien, die man aus den Tüchern auswickelt, die Zeit auflöst, der Mensch bleibt.

Umhang mit farbigen, ineinandergreifenden Stufendreiecken und Stickereiborte. Leinwandgewebe. © Daniel Giannoni. Archi, Achivo Digital de Arte Peruano

Im Museum Rietberg sind rund 200 Objekte ausgestellt. Alle kommen aus Peru, wo die Ausstellung aufgebaut wurde. Dritte Station wird die Kunsthalle in Bonn sein. Dank der Zusammenarbeit der drei Institutionen konnten unter anderem auch aufwendige Restaurationen ausgeführt werden. So können Umhänge aus drei Mumienbündel im Detail betrachtet werden. Die Nasca konnten perfekt weben, sticken und stricken. Dank der Trockenheit haben sich die Tücher und Bänder konserviert, wie wenn sie frisch aus der Manufaktur kämen. Wer gern mit Textilien arbeitet, findet hier neue Inspiration. Instruktiv auch die Animationen von einer Borte aus Männchen, oder einem Gefäss mit reicher Bemalung, so lassen sich Details besser erkennen.

Goldschmuckplatte in Form einer mythischen doppelköpfigen Schlange. Gold, gehämmert und getrieben. © Museo de Arte de Lima, Nachlass Familie Prado

Eine Schrift hinterliessen diese Nasca nicht, dafür eine farbenprächtige unendlich reiche Bildsprache auf Textilien, auf Keramik und im Wüstenboden. Kein Wunder, dass es im Lauf der Zeit viele abenteuerliche Theorien über diese Kultur gab. Zum Beispiel sind immer wieder Köpfe abgebildet, die eine andere Figur in der Hand hält, aber heute wird die Kopfjäger-Theorie als absurd verworfen. Man fand auch kein Kriegsgerät, so ist anzunehmen, dass die Nasca ein friedfertiges Volk waren. In den fernen Anden vermuteten sie das Göttliche, das ihr Leben im fruchtbaren Tal ermöglichte, dazwischen liegt die Hochebene, wo sie ihre Rituale abhielten. Selbst jene, die sich noch nie für die prähispanischen Kulturen in der Neuen Welt interessierten, werden nach dem Gang durch die Ausstellung gefesselt sein und wohl wiederkommen.

Teaserbild: Tassen in Kopfform. Privatsammlung, Lima © Daniel Giannoni
bis 15. April 2018

Informationen über Öffnungszeiten und Veranstaltungen finden Sie hier.

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