FrontKulturEine Brasilianische "Nora"

Eine Brasilianische «Nora»

Laís Bodanzky schildert in ihrem Spielfilm «Just Like our Parents» den Alltag einer Frau in São Paulo: zwischen Überforderung, Leidenschaft, Existenzlügen und Ausbruch.

Rosa, Ende 30, Kind geschiedener Eltern, bewohnt mit ihrer Familie ein Apartment mitten in São Paulo. Da ihr Mann oft auf wenig einträglichen Forschungsreisen im Amazonas unterwegs ist, liegt die Versorgung der Familie mit den Mädchen Nara und Juliana bei ihr. Anstatt sich ihrer eigentlichen Berufung als Theaterautorin widmen zu können, muss sie mit Werbetexten für eine Keramikfirma den Unterhalt bestreiten. Emotionale Entfremdung und sexuelle Konflikte in der Partnerschaft, Probleme in der Berufswelt, die Erziehung der Teenager und die Führung des Haushalts stellen Rosa permanent vor Herausforderungen.

Mit beeindruckender Natürlichkeit inszeniert die 1969 in Brasilien geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Laís Bodanzky den Alltag dieser Familie mit Rosa im Mittelpunkt: zwischen Überforderung, einengendem Regelwerk der Konventionen, individuellen Leidenschaften, Existenzlügen und versuchter Sinnsuche. Verkörpert wird die Hauptfigur mitreissend und berührend von der 1975 geborenen Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Maria Ribeiro.

Nach ihrer Rolle im Leben suchend

Eine Frau im Sandwich

«Just Like our Parents» handelt von einem weltweit verbreiteten Phänomen: der «Frau im Clinch» zwischen Mutter, Berufsfrau, Hausfrau, Partnerin und Geliebter – vielleicht ein weibliches Gegenbild zum häufiger männlich konnotierten Phänomen der «Midlife-Crisis». Der Spielfilm von Laís Bodanzky erzählt nicht bloss eine linear und chronologisch ablaufende Geschichte, sondern erweitert diese differenziert und vielschichtig in das Beziehungsnetz von drei Generationen. Das Theaterstück, an dem die Protagonistin in jeder freien Minute mit Leidenschaft arbeitet, ist eine Neufassung von «Nora oder Ein Puppenhaus» von Henrik Ibsen – eine Handlung, die sich real gerade jetzt in Rosas Leben abzuspielen beginnt.

Tochter Rosa und Mutter Clarice

Die vollendete Tatsache der Mutter

Bei einem Familienessen, kurze nach Filmbeginn, eröffnet Rosas Mutter Clarice, völlig unvermittelt und direkt, was sie 38 Jahre lang verschwiegen hat: dass Rosas Vater Homero gar nicht ihr leiblicher Vater sei, sondern das Produkt ihres Abenteuers mit dem Leiter eines gemeinsam besuchten Kongresses, des heutigen Ministers Roberto Nathan. Sie habe damals ein freies Liebesleben geführt und müsse es endlich beichten, um ihr Gewissen zu beruhigen. Diese Tatsache trifft Rosa im Innersten, aber auch die übrige Familie wird aufgerüttelt.

Rosa und Dado bei der Psychologin

Das Paar doktert an seiner Beziehung

Unterschwellig und indirekt wird von der ersten Szene an klar, dass die Ehe von Rosa und Dado nicht mehr gut funktioniert. Er hat eine Beziehung zu Silvana aus dem Forschungsteam. Rosa begegnet Pedro, dem Vater eines Kameraden ihrer Tochter, einem Mann, der ihr zuhört und sie ernst nimmt. Handy-Anrufe und Skype-Gespräche verraten die geheimen Beziehungen. Bei Rosa löst sich durch diese neue Bekanntschaft etwas von der Verhärtung und der Wut gegen ihre Mutter, kann die überraschende Tatsache etwas an sich herankommen lassen.

Mit Pedro macht Rosa neue Erfahrungen

Die Tochter wagt erste Schritte

Zwischen Rosa und Pedro entwickelt sich eine Freundschaft. Ihre Annäherung an ihn und die gleichzeitige Abwendung von Dado gipfelt in einem romantischen langen Spaziergang am Ufer des Meeres, wo sie miteinander über die Rollen von Mann und Frau und über Liebe und Sex reden und sich am Schluss leidenschaftlich lieben. Ab jetzt wird Rosa Clarices Abenteuer immer verständlicher. Nochmals weiter bringt es sie, als sie zu Hause die bei sich einquartierte Kunststudentin Caro mit ihrer Boxpartnerin beim Flirten überrascht. Von ihr stammt auch ein Artikel über die freie Liebe, der in Rosas Arbeitsbuch gelangte.

Homero, 38 Jahre lang Rosas Vater

Was die Väter nicht wahrhaben können

Dass der leibliche Vater, den Rosa im Ministerium in São Paulo aufsucht, seine Vaterschaft zwar privat zugibt, öffentlich aber nicht, weil es für ihn in seiner Position heikel sei, ist für Rosa erniedrigend. Und dass ihr lebenslanger Vater mit seiner neuen Partnerin Cintia das Bekenntnis von Clarice, in seiner esoterischen Welt gefangen, nicht wahrnehmen kann, dürfte bei ihm eine Frage der fehlenden Offenheit sein, ist jedoch für Rosa nicht weniger traurig. Aber dennoch wird sie, auf dem schwankenden Boden ihrer Identität, sich allmählich mit der neuen Situation abfinden und sich mit den neuen Vorstellungen von Liebe und Sex anfreunden.

Beide Kinder: Nara und Juliana (v. l.)

Aber da bleiben noch die Kinder!

Alles ist jetzt wohl gut und recht: die neuen Formen des Zusammenlebens und Liebens, wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis basieren. Denn sie sind immer zwei, drei oder vier erwachsene Menschen, die ihr Leben neu in die Hände nehmen und sich mit neuen Liebesbeziehungen anregen, bereichern und befreien wollen. Doch im Blick auf die Familie im Film, gibt es da noch zwei Kinder. Und damit könnten neue Konflikte bezüglich Sorgerecht auftreten, die wohl juristisch geklärt, doch menschlich noch als Aufgabe anstehen können. Hier gilt es, so meine ich, zu spüren und zu unterscheiden zwischen Vater-, Mutter- und Elternschaft als genetischen Fakt oder als emotionale und existenzielle menschliche Beziehungsgemeinschaft. Dies steht wohl für Nara und Juliana noch an, was der Film jedoch nicht mehr thematisiert.

Die Regisseurin Laís Bodanzky

Anmerkungen der Regisseurin

«Just Like our Parents» ist aus dem persönlichen Wunsch entstanden, Menschen meiner Generation und die zwei Rollen, in der sie oszillieren, zu porträtieren: als Eltern unserer Kinder und als Kinder unserer Eltern. Ich habe mich dafür entschieden, dieses Thema durch eine weibliche Protagonistin zu erforschen, die gleichzeitig Mutter, Tochter, Ehefrau und Geliebte ist. Rosa versucht, zwischen den verschiedenen Rollen für Frauen, die die Generation ihrer Mutter erkämpft hat, zu balancieren. Wenn sie an einem bestimmten Tag als Mutter erfolgreich ist, scheitert sie vielleicht in ihrem Beruf. Wenn sie als Liebhaberin aufblüht, leidet eventuell ihre Rolle als Hausfrau. Wenn die Angestellte siegt, machen Ehefrau und Mutter möglicherweise einen Tauchgang. Jetzt in ihren 30ern muss sich Rosa einige grundlegende Fragen stellen: Wo komme ich her? Wer bin ich? Diese Suche nach sich selbst wirkt sich tief greifend auf alle ihre Beziehungen aus und führt sie zu einer neuen Phase ihrer Lebensgeschichte.

Aus einem Interview mit Laís Bodanzky

Wie entstand die Idee, einen Film mit diesem Thema zu drehen?

Ich weiss nicht genau, wann die Idee des Filmes entstanden ist, aber ich mache mir seit einiger Zeit Notizen von Gesprächen mit Freunden und lese Artikel in Zeitschriften und im Internet, welche die aktuelle, zeitgenössische Frau beschreiben, die unzählige Rollen zur gleichen Zeit spielen muss. Die Idee entwickelte sich Schritt für Schritt, plötzlich war sie für die Umsetzung bereit. Meine Inspiration für das Projekt war in meinem Alltag. Ich habe viel in meinem Umfeld recherchiert, musste nur an die Tür meines Nachbarn klopfen, und eine Geschichte war da.

Was gefällt Ihnen in der Geschichte des Filmes besonders?

Das Projekt entstand zuerst, um die Geschichte der zeitgenössischen Frau zu erzählen, die die Art und Weise, wie wir heute leben, in Frage stellt. Während der Recherche, der Entwicklung der Handlung und dem Schreiben des Drehbuchs wurde mir klar, dass dieser Film noch ein zweites Thema beinhaltet, nämlich die Beziehung zwischen den Frauen, insbesondere zwischen Mutter und Tochter. Das ist ein Thema, das ich selbst wenig kannte, weil wir es gewohnt sind, mehr über die Bedeutung des Mannes im Leben der Frau und der Beziehung zwischen Vater und Tochter zu sprechen. Das Thema der Beziehung zwischen Frauen wird kaum erforscht. Ich betrachte die Beziehungen in unserem täglichen Leben: Wir sind oft die Peiniger der andern und unterlassen es, einander zu helfen. Wir sind unsolidarisch, konkurrenzieren uns gegenseitig. Warum? Eine Möglichkeit wäre, über uns selbst zu sprechen und so den Status quo zu ändern.

Titelbild: Rosa, von Maria Ribeiro gespielt

Regie: Laís Bodanzky, Produktion: 2017, Länge: 102 min, Verleih: Cineworx

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