FrontKultur27,5 Köpfe für 275 Jahre

27,5 Köpfe für 275 Jahre

Das Gewandhausorchester Leipzig ist mit 275 Jahren eines der ältesten der Welt. Die Jubiläumsausstellung wurde weitgehend von einem Schweizer Team konzipiert und gestaltet.

Wie setzt man 275 Jahre Orchester- und Zeitgeschichte informativ und unterhaltend zugleich um? Das Rezept tönt einfach: Man nehme für jedes Jahrzehnt eine für die Geschichte des Orchesters prägende Persönlichkeit, mische Geschichte und Geschichten dazu samt je einer Prise Politik, Wissenschaft, Technik und Soziologie. So entsteht ein lebendiges Abbild einer 275-jährigen Orchestertradition.

Schweizer Kuratorinnen

Zweite Frage: Wie bringt man diese Fülle an Informationen im Foyer des Gewandhaus Leipzig unter? Und da kommen nun die Schweizer ins Spiel: Das Büro Artes der Musikwissenschafterinnen Verena Naegele und Sybylle Ehrismann und das Grafikatelier Stellwerkost von Daniel Reichlin und Matthias Niedermann haben, ergänzt durch die Szenografin Stephanie Mielchen aus Bayreuth, ein Konzept geschaffen, das die Geschichte des Gewandhauses sowohl gliedert wie verbindet.

Die Schweizer Gestalter Daniel Reichlin (Grafik), Sibylle Ehrismann und Verena Naegele (Kuratorinnen) und Stephanie Mielchen aus Bayreuth (Szenografie) gestalteten die Leipziger Jubiläumsausstellung. (B.R.)

Mit 27,5 Köpfen für 275 Jahre wird die Entwicklung dieses von wohlhabenden Bürgern gegründeten Orchesters nachgezeichnet, vom ersten bescheidenen Konzertlokal im Gasthaus «Drey Schwanen» über das erste Gewandhaus im Zeughausflügel des Lagerhauses der Tuchhändler – daher der Name –, zum zweiten, grösseren Konzertlokal, das wegen seiner hervorragenden Akustik international geschätzt wurde, bis es 1944 von Bomben getroffen ausbrannte.

Die DDR in Stein und Glas gemeisselt

Fast 40 Jahre lang spielte das Orchester danach in der Kongresshalle Zoo, bis auf hartnäckiges Drängen des damaligen Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur 1981 das heutige Gewandhaus mit seiner markanten «Mütze» als erster und einziger Konzertneubau der DDR eröffnet werden konnte.

Mit dreieckigen Stelen wurden, in der Flucht gesehen, die drei Gewandhäuser nachgebaut. Im unteren Bild sind auch die drei grauen Bilder des ausgebombten Zweiten Gewandhauses zu sehen. (Daniel Reichlin)

Dieser ganze historische Abriss mit vielen Detailinformationen haben die Schweizer Ausstellungsgestalter in 27 grossen, dreieckigen Stelen zusammengefasst. Eine Seite jeder Säule ist einem «Kopf» gewidmet, Personen, die im jeweiligen Jahrzehnt im Gewandhaus eine Rolle spielten. Das sind nicht nur Dirigenten oder Kapellmeister, wie sie in Leipzig genannt werden, das sind auch Mäzene, Musikerinnen, Direktoren und ein Orchesterwart, der 42 Jahre lang dafür sorgte, dass bei Konzertbeginn alle Stühle und Notenpulte am richtigen Platz standen.

Gewandhäuser «nachgebaut»

Auf der zweiten Seite der Stelen sind Zitate zu lesen, Vitrinen mit Objekten aus der jeweiligen Zeit zu sehen und Partituren ausgestellt. Die dritte, die Hauptseite jeder Stele aber zeigt einen Bildausschnitt des jeweiligen Gewandhauses. So, dass die Fluchten von drei, vier Stelen hintereinander gesehen ein Ganzes ergeben. Drei in grau-weiss gehaltene Bildausschnitte des ausgebombten «Zweiten Gewandhauses» inklusive. Dieser optische Kunstgriff ermöglicht es, alle drei Gewandhäuser im Foyer wiedererstehen zu lassen.

Ausschnitt aus einem Floorprint, die als «Schattenwurf» jede Stele ergänzen und Informationen aus Wissenschaft, Technik und Politik aus dem jeweiligen Dezennium vermitteln. (B.R.)

Damit nicht genug, werfen die Stelen «Schatten», Floorprints am Boden, die wichtige Ereignisse aus Technik, Forschung, Politik und Wissenschaft der jeweiligen Dezennien aufzeigen. Und einige Stelen spiegeln sich zudem an den Wänden wieder mit Reproduktionen von Mode aus der entsprechenden Zeit. Die ganze Ausstellung bietet eine Fülle von Informationen, aufgeteilt in 27 Häppchen, die auch während Konzertpausen genossen werden können.

Den Kindern die Zukunft – und die Mäuse

Und der halbe Kopf aus dem Ausstellungsmotto «27,5 Köpfe erzählen die Gewandhaus-Geschichte»? Der ist der Zukunft, den Kindern gewidmet. Sie können auf dem am Boden liegenden, vier Meter langen Wimmelbild nicht nur die Geschichte des Orchesters durch die drei Gewandhäuser verfolgen, sie können auch viele versteckte Mäuschen suchen.

Ausschnitt aus dem vier Meter langen Wimmelbild, neben der Stele des «halben» Kopfs, des angebrochenen Jahrzehnts, das in die Zukunft weist und deshalb für die Kinder konzipiert ist. (Daniel Reichlin)

Am 22. Januar ist die Ausstellung festlich eröffnet worden. Die Bürgermeisterin von Leipzig, Skadi Jennicke und Gewandhausdirektor Andreas Schulz fanden lobende Worte für den informativen historischen Exkurs durch 275 Jahre Leipziger Musikgeschichte und ein Gewandhaus-Bläserquintett gab der Vernissage den passenden musikalischen Rahmen. Zur Ausstellung ist auch eine Broschüre erschienen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel