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Wie Journalismus funktioniert

Dieter Fahrer zeigt im Dokumentarfilm «Die Vierte Gewalt» an vier Beispielen die Arbeit der Journalisten und die Veränderungen der Medien: informativ und anregend.

Seit der Erfindung des Internets hat sich die Medienlandschaft grundsätzlich verändert: Nachrichten sind in unendlicher Fülle überall und jederzeit verfügbar, die meisten erst noch gratis. Und weil immer weniger Leute gewillt sind, für Qualitätsjournalismus zu bezahlen, stehen die Redaktionen unter Druck: Stellenabbau und journalistischer Einheitsbrei sind nur zwei der gravierenden Folgen. Das Vertrauen in die Journalisten hat arg gelitten: «Lügenpresse», «Fake News», «Staatsmedien» sind Wertungen und Phänomene, die heute den Journalismus erschüttern. Die Kritik hat Gründe, aber auch System, weil politisch und wirtschaftlich interessierte Kreise ihre Ziele in einem Klima der Verunsicherung am besten durchsetzen können. Die Unabhängigkeit der Medien ist in Gefahr! Nicht nur in der Türkei oder in Polen, auch in der Schweiz. Doch sind die heutigen Journalistinnen und Journalisten tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf? Im Film «Die Vierte Gewalt» begleiten wir sie im Alltag, sehen sie kämpfen, wie sie sich anpassen müssen, und der Filmemacher Dieter Fahrer tut das, was auch sie tun: Er beobachtet, fragt und hinterfragt, auch sich selbst.

Rafaela Roth, Reporterin, WATSON

Der Filmemacher und sein Film

Dieter Fahrer, der Regisseur des Films, wurde 1958 in Bern geboren. Zusammen mit Res Balzli arbeitet er in der 1984 gegründeten Filmproduktionsfirma. Von ihm wurden hier besprochen: «Que Sera?», «Thorberg» und «Jour de nuit». Und 2017 hat er – genau zur rechten Zeit! – diesen Film gedreht, der die Bedeutung, aber auch die Probleme der Medien behandelt: kompetent, informativ, verständlich, persönlich, engagiert und notwendig.

Ein Problem bleibt: die übergrosse Fülle an Fakten und Eindrücken. Doch dieser ist beizukommen. 1. wird im Kino ein Booklet mit den nötigen Erklärungen gratis abgegeben. 2. wird der Filmemacher an zahlreichen Premieren zur Diskussion anwesend sein. Lokalpresse konsultieren. 3. gibt es auf www.kinokultur.ch, vor allem für Schulen, ein Dossier mit 26 Seiten didaktischen Hinweisen. Dies alles im Sinne einer Aussage des Philosophen Ludwig Hasler im Film: «Die Welt wird komplizierter, auch turbulenter. Der Wandel gibt Gas. Und wir fragen, mal genervt, mal neugierig: Sind wir Piloten des Wandels – oder bloss Passagiere?»

Samuel Wyss, Sprecher, ECHO DER ZEIT

Dieter Fahrers persönliche Hinführung zum Film

«Im Altersheim verbringen meine betagten Eltern einen gemeinsamen Nachmittag. Mein Vater sieht nur verschwommen, doch er zeichnet und malt noch jeden Tag. Dazu liest meine Mutter aus der Tageszeitung DER BUND, die sie seit 60 Jahren abonniert haben. Ich bin mit dem BUND aufgewachsen, Fernseher hatten wir keinen, und das Radio lief nur selten. Die Zeitung jedoch, die war immer da, lange schon bevor ich lesen konnte. Sie gab mir die Sicherheit, dass das, was geschah, auch wirklich geschah, und was da geschrieben stand, die Wahrheit war. Wie hätte es sonst auch gedruckt werden können? Später geriet dieser Glaube ins Wanken, und alles wurde komplizierter.

Meine Schulzeit begann noch mit Schreibfeder und Tintenfässli, doch in weniger als 50 Jahren bin ich zum digitalen User avanciert. Informationen fluten auch mein Bewusstsein und schreiten mit mir fort. Das ist mein Fortschritt, selbst gewählt habe ich ihn nicht. Noch riecht es nach Druckerschwärze, und Güterwagen mit riesigen Papierrollen werden täglich in den Zeitungsdruckereien entladen. Doch die gute alte Tageszeitung und der traditionelle Leser sind Auslaufmodelle, seit das Internet alle Lebensbereiche durchdringt: Es twittert und facebookt, es bloggt, verlinkt, multimediatet und leserreportet, dass einem Lesen und Sehen vergehen.

In diesem Film besuche ich meine Eltern, wo DER BUND noch immer zum Alltag gehört, als Fenster zur Welt, als Quelle von Wissen und als Wegweiser, um sich in der immer komplexer werdenden Welt zu verorten. Vom Altersheim aus führt mich die filmische Erkundung auf die BUND-Redaktion, wo man sich trotz wegbrechender Werbe-Einnahmen, sinkender Abo-Zahlen und rigider Verlagspolitik dem Qualitätsjournalismus verpflichtet fühlt. Auch beim Info-Flaggschiff von Radio SRF, dem ECHO DER ZEIT, ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, denn die No-Billag-Initiative will die SRG vernichten. Optimistischer sieht man die Zukunft beim rein werbefinanzierten Online-Portal WATSON. Hier setzt man, mit einem wilden Mix aus Information und Unterhaltung, auf die jungen mobilen User. Doch selbsttragend ist auch das modische Portal noch nicht. Sollen wir auf die REPUBLIK hoffen? Das Medien-Start-Up ging Mitte Januar 2018 online, ist bereit und hat sich die Rettung des Journalismus auf die Fahne geschrieben.

Auf der Entdeckungsreise zu den News-Macherinnen und -machern begleitet mich meine eigene Faszination für die Medien, denn als Filmemacher bin ja auch ich ein Medienschaffender. Ich staune über das Engagement der Journalistinnen und Journalisten, über die Leidenschaft für ihren Beruf, doch ich bin auch misstrauisch. Und manchmal, wenn ich mich im Informationsbasar der postmodernen Beliebigkeit zu verlieren drohe, gehe ich zu meinen Eltern ins Altersheim, nehme meinen Computer mit, und zeige ihnen, was ich auf den verschiedenen Redaktionen erlebt habe. «Schon verrückt, was man heute alles kann», sagt meine Mutter und legt ihre faltigen Hände in den Schoss.»

Start der neuen Online-Zeitung REPUBLIK

Feedbacks zum Film

«Dieter Fahrers Film «Die Vierte Gewalt» ist eine Hommage an die Journalistinnen und Journalisten und deren Arbeit. Er dokumentiert, wie sie versuchen, ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu machen, stets unter Zeitdruck und mit dem Anspruch, möglichst viele Leserinnen und Hörer zu erreichen oder Klicks zu generieren. Gleichzeitig zeigt er auch den Wandel in der Medienlandschaft, der durch die Digitalisierung stattfindet, und erzählt von den Gewinnern und Verlierern.»

Silvia Süess, Redaktorin WOZ

«Ob sich die Medien im Umbruch oder in einem Todeskampf befinden, eine Antwort auf diese Frage lässt der so kluge wie unaufgeregte Dokumentarfilm bewusst offen, und Dieter Fahrers sparsam eingesetztes Voice-over leistet, was auch guter Journalismus neben der reinen Faktenvermittlung macht: Er ordnet ein, vermittelt Haltung und drängt sich dennoch nicht auf.

Geri Krebs, Freelance-Journalist und Filmkritiker

«So ist der Film nicht nur eine unvollständige, aber exemplarische Bestandesaufnahme der Deutschschweizer Medienlandschaft und eine wehmütige Liebeserklärung an den «Bund», sondern auch, und vor allem, ein Pamphlet für den klassischen Journalismus jenseits von Meinungsmedien und Marktopportunismus.»

Michael Sennhauser, Filmblogger

Titelbild: Redaktionssitzung, DER BUND

Regie: Dieter Fahrer, Produktion: 2017, Länge: 98 min, Verleih: fairandugly

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